Bach in h-Moll

2. Oktober 2008

Nicht zufällig ist die Musik von Johann Sebastian Bach für mich die Krone der kompositorischen Schöpfung. Ich bin in meiner Gesangsausbildung noch nicht weit genug gekommen, um Bach solistisch zu singen; aber als Teil eines Chores die großen Werke des Meisters buchstäblich im eigenen Leib zu erleben, ist auch bereits eine große Freude.

Dazu muß man wissen, daß die Chorpartien Bachs kaum weniger stimmtechnische Anforderungen stellen als die Soloarien. Es kommen sogar, vielleicht vom Sopran abgesehen, noch mehr irrsinnige, nur durch die ausgefeilte Harmonik zu begründende Sprünge darin vor als in den melodiöser angelegten Ariengesängen.

Nachdem ich nun die Matthäus- und die Johannespassion, einige der über 200 Kantaten sowie fünf der herrlichen Motetten je einmal und das Weihnachtsoratorium fünfmal gesungen habe (davon einmal alle sechs Kantaten an einem Abend!), kommt heute die h-Moll-Messe auf meine Meritenliste. Einer meiner Lehrer am Konservatorium berichtete mir einmal von einem geflügelten Wort: Die Passionen Bachs seien die musikalische Zusammenfassung der Kantaten, die h-Moll-Messe aber die Zusammenfassung der Passionen. Ein kundiger Chorbruder wandte hiergegen ein, die Passionen seien doch eher dramatisch geprägt und der Chor in den Turbae in einer bestimmten Rolle innerhalb der fortlaufenden Handlung (Jünger, Schriftgelehrte, Volk etc.), während in der Messe nur Betrachtungen und Glaubenssätze gesungen werden. Das stimmt. Trotzdem kommen alle Affekte, die in den Passionen vertont werden, auch in der Messe vor, wenn auch mit anderer Gewichtung, denn natürlich gibt es hier mehr Jubel und dort mehr Zorn und Trauer. Vorhanden ist aber alles. Davon abgesehen ging es bei dem zitierten Lehrmodell ja auch um die kompositorische Kunstfertigkeit – und da ist die h-Moll-Messe tatsächlich eine Art Zusammenfassung, z.B. hinsichtlich der Stile. Einige Sätze stehen im zu Bachs Zeit modernen Stil, mit viel Koloratur, Sprüngen, differenzierter Harmonik. Viele Stücke nähern sich aber der Schreibart der Renaissance und des Frühbarock an, mit langen Notenwerten und sanglichen Linien – dies trifft vor allem auf die zentralen Bekenntnissätze des alten lateinischen Credo zu („Credo in unum Deum“ und „Confiteor unum baptisma“). Schließlich schreibt Bach im leichten, galanten Stil, der zu seiner Zeit allmählich in Mode kam und bald den komplizierten modernen Stil verdrängen sollte. Bach hat auch diesen eingängigen Stil beherrscht und kunstvoll gestaltet. Er war nicht der trockene Theoretiker, als den ihn manche darstellen, er war Vollblutmusiker, bei aller verstandesmäßigen Genialität doch bewegt von dem zarten Empfinden für die passenden Mittel und Farben, bei aller Kenntnis der Alten Meister doch immer offen für Neues.

Mit Bach, das Wortspiel sei gestattet, kann sich keiner messen.

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