Szenisches

4. Oktober 2008

Warum eigentlich bin ich immer dann erkältet, wenn ein wichtiger Gesangsauftritt ansteht? Meine Nase ist zur Hälfte dicht, meine Ohren zu einem Viertel. Naja, solange die Stimmlippen nicht geschwollen sind und gut schließen…

Heute Abend nehme ich an einem schönen Konzert teil, das hauptsächlich von fortgeschrittenen Schülern einer hervorragenden privaten Musikschule bestritten wird. Da dort aber vorwiegend Soprane singen, flankiert von wenigen Alti und vereinzelten Tenören, hat man meinen Bariton als Ergänzung hinzugekauft. Es gibt eben viele wunderbare Duette für Sopran und Bariton, auf die man bei solch einer Gelegenheit nicht wirklich verzichten kann.

Es wird z. B. viel Mozart geben. Ich singe Don Giovanni (der draufgängerisch die naive Zerlina verführt) und Figaro (der heimwerkermäßig-pantoffelheldisch das Zimmer für das neue Ehebett vermißt, während seine Verlobte Beachtung einfordert), außerdem Don Alfonso, den einsamen alten Philosophen, der zwei junge Pärchen mit seinen Intrigen an der Nase herumführt… C’est la vie.

Unterhaltsam ist auch der Streit von Annie und Frank aus dem Musical „Annie Get Your Gun“ von Irving Berlin. „Anything you can do I can do better“ lautet die erste Zeile und das Programm des Stückes, in dem Zicke und Streithammel darum wetteifern, sich gegenseitig zu übertreffen (im hoch Singen, im leise Singen, im Ton Aushalten, im schnell Sprechen, im süßlich Singen, im Angeben). Es ist klar, daß sie sich am Ende des Musicals kriegen werden.

Das schwierigste Stück heute Abend wird aber das Schmugglerquintett aus Bizets „Carmen“ sein. In dieser Szene tritt der Chef einer Schmugglerbande (ich) mit einem Kumpanen (der Tenor) an Carmen und zwei ihrer Freundinnen heran und will sie für ein krummes Ding gewinnen. Da kommen nun alle sängerischen Herausforderungen zusammen: hoch und laut, hoch und leise, leise und schnell, schnell und deutlich gesprochen. Außerdem ist das Stück etwas länglich und gelingt nur bei lebendigem Schauspiel. Wir werden unser Bestes tun.

Und ich gieße mir jetzt einen Tee auf und gurgele mit Salzwasser.

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12 Responses to “Szenisches”

  1. vorstadtdiva Says:

    Hallo!
    Wow, ich bin beeindruckt! Von so einem Repertoire bin ich noch weit entfernt. Wie ist denn der Abend gelaufen? Ich hoffe, zu Deiner vollsten Zufriedenheit (wobei einem da ja als Sänger oft eine zu große Selbstkritik im Wege steht…).

    LG

    Julie

  2. sigerics Says:

    Grüß Dich, Julie!

    Naja, Du provozierst die Selbstkritik ja ausdrücklich:

    – In „Anything you can do“ hatte ich einen Texthänger – es hat dort viele Strophen mit identischer Musik, und alle fangen mit „Anything you can“ an. Die Souffleuse konnte retten.

    – Das Bizet-Quintett war in Ordnung, wenngleich irgendjemand im letzten Refrain ein bißchen getrieben hat (war ich das?…). Außerdem habe ich das f‘ wegen meiner Indisposition mit dem Falsett nehmen müssen.

    – In „Soave sia il vento“ ist der zweite Ton etwas tief gewesen (es‘, mit Quartsprung aufwärts erreicht…), und das lange, hohe ‚i‘ von „desir“ auf c‘ und d‘ schien mir auch nicht ganz astrein. Das As am Ende hätte fülliger sein können.

    – „Reich mir die Hand, mein Leben“ war von meiner Seite tadellos, aber die kleine Sopranistin fühlte sich wohl von meinen Avancen derart bedrängt, daß sie eine Phrase übersprungen hat. Die Pianistin und ich kamen erst nach ein paar Takten hinterher, haben die Kurve dann aber gekriegt.

    – „Fünfe, zehne, zwanzig“ ging gut, bis zum Schluß, wo ich einfach mal zwei Takte wiederholt habe, weil es so schön war…frag mich nicht, warum.

    Insgesamt und nach den Rückmeldungen aus dem Publikum würde ich sagen: Stimmlich doch überraschend präsent, Konzentration eingeschränkt (bin heute mit leichtem Fieber aufgewacht), schauspielerisch meist überzeugend.

    Und es hat Spaß gemacht, uns wie auch den Zuhörern. Das ist das Wichtigste gewesen, im gegebenen Rahmen.

    Herzliche Grüße,
    Sigmar

  3. vorstadtdiva Says:

    Das sollte jetzt keine Aufforderung zur Selbstkritik sein, freut mich aber, dass Du für mich noch einmal ein Resumee gezogen hast.
    Ich kenne das von mir: ich kann mit meiner Leistung manchmal zufrieden sein, leider nie zu 100%. Und diese ausgeprägte Selbstkritik steht mir bei meiner Zukunftsplanung ganz schön im Weg. Wenn ich könnte, wie ich wollte…ach ja…dann wäre ich wahrscheinlich schon längst woanders…

    In diesem Sinne: Glückwunsch zum gelungenen Konzert!!!!

    Liebe Grüße,

    Julie

  4. the rufus Says:

    Oh, wieder einmal ein Bariton im Netz – sehr fein. Vielleicht sollte ich Dich etwas beobachten …

  5. sigerics Says:

    Warum? Fürchtest Du Konkurrenz – oder willst Du mich engagieren?

  6. the rufus Says:

    Nur für Duette natürlich …

  7. sigerics Says:

    Du singst demnach Sopran?

  8. the rufus Says:

    Nein, ich bin für „No Tenors Allowed“ 😆

  9. sigerics Says:

    Ich ebenfalls, und Hampson gehört auch zu den Sternen an meinem Himmel. Weißt Du aber, wieviele Lichtjahre zwischen uns liegen?

  10. the rufus Says:

    Keine Ahnung, lass mal was hören – ich spiele dann morgen was mittelprächtiges bei mir …

  11. sigerics Says:

    OK, wenn Du darauf bestehst: Geh auf der Leiste rechts auf mein Benutzerprofil bei dieLyriker.de. Über die Startseite des Forums findest Du in das Unterforum „Vertonte Lieder“. Da sind zwei Beiträge zu Studentenkonzerten von mir eingestellt, einer zwei Jahre, einer dreieinhalb Jahre alt. Was Besseres habe ich zur Zeit nicht anzubieten, da ich mich mehr aufs Entwickeln als aufs Konservieren konzentriere. Aber vielleicht reicht es ja als erster Eindruck.

    Übrigens war das mit den Lichtjahren nicht auf die gesangliche Qualität bezogen, da habe ich natürlich auch keine Ahnung von Deinen Verhältnissen – aber Du wohnst in Österreich, und ich in Norddeutschland. Oder meinst Du, wir sollten was für die Völkerverständigung tun?

  12. the rufus Says:

    So, nun bin ich auch bei diesem Forum Mitglied 😆

    Sehr fein, der Wolf interessiert mich für dieses Jahr wohl auch noch, bei Loewe habe ich mich an andere herangemacht (Odins Meeresritt, Tom der Reimer und der Erlkönig).

    Anbieten kann ich zur Zeit „nur“ eine Arie antiche und ein Oratorium

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