Zwölftöniges und Pferdeschnauben

6. Oktober 2008

Überstanden! Mein erster Gedanke nach dem heutigen Studentenkonzert war Erleichterung und eine tiefe Müdigkeit und Leere. Wir hatten ein ganzes Semester lang die Abgründe der Liedkomposition im 20. Jahrhundert erforscht und am Abschlußabend die ganze Palette angeboten: Wiener Schule, neues amerikanisches Lied,  Reimann, Stockhausen, Cage, zur Versöhnung am Ende ein Spätwerk von Mahler (ein Stück aus dem „Lied von der Erde“).

Ich selber quälte mich durch ein Lied von Webern, das natürlich ausschließlich aus Dissonanzen bestand. Es ist gleich, ob ich solche Musik höre oder singe: Ich verspanne mich innerlich und kann meine Stimme nicht mehr entfalten. Wie praktisch, daß die Dynamik des Stückes zwischen mezzopiano und pianississimo schwankte…

Mich selber innerlich auslachen mußte ich bei einem Werk nach Cage. Man muß schon sagen „nach Cage“ und nicht „von Cage“, da er für dieses „Solo for Voice“ aus den „Songbooks“ quasi nur eine Bastelanleitung bereitstellt, der gemäß die Ausführenden selbst ihre Partitur herstellen, mit zahlreichen Zufallselementen. Das Ergebnis war dann ein Ensemblestück, in welchem nach einer zufallsgenerierten Partitur auf willkürlich (und natürlich ohne Koordination mit den Mitsängern) festgelegten Vokalen und Konsonanten  improvisierte Töne gesungen wurden. Auch wurden dann und wann Geräuscheffekte eingemischt (z. B. Pferdeschnauben oder auf „s“ entweichende Luft). Nur die Zeitleiste wurde auf die Sekunde genau befolgt. Dieses Ereignis war gewiß lustig anzuhören und gab uns das Gefühl von Freiheit und fehlender Komponistenautorität. Natürlich hat das pädagogisch ein großen Nutzen und philosophisch eine gewisse Aussagekraft. Vom Musikalischen her fehlt mir bei solchen Dingen eindeutig die gestaltende und anordnende Kraft eines phantasiebegabten Geistes, die eine eigentliche Komposition ausmacht; ja, ich wage sogar zu sagen: welche eine Bedingung für ein wirkliches, ernstzunehmendes Kunstwerk ist.

Wirklich genossen habe ich nur den halben „Tierkreis“-Zyklus von Stockhausen. Dort beschreibt sich jedes Sternzeichen selbst mit einem astrologisch fundierten Text auf einer charakteristischen Melodie. Wir hatten im Seminar glücklicherweise Sänger, deren Sternzeichen gerade einen halben, zusammenhängenden Ausschnitt aus dem Tierkreis darstellten. Ich selber gab den Skorpion: „Wasser im Sturm. Mars, Pluto. Kämpfer stark. Zerstörende Gewalt, unermeßlich tief. Brennt, beißt, sticht – jagt, sucht den Kern aller Dinge. Selbstüberwindung als Sieger.“ Doch, dieses Stück hat mir etwas gesagt, und die Melodie war auch sofort nachfühlbar.

Ansonsten gab es bei mir mehrmals Kopfschmerzalarm.

Außer den aktiven Studenten und den beiden Seminarleitern waren sieben Zuhörer gekommen, davon zwei Lehrkräfte vom Kon und zwei Ehegatten. Neue Musik hat selbstverständlich ihre Reize, denen selbst ich konservativer Knochen mich nicht gänzlich entziehen konnte. Aber den meisten Menschen scheint doch andere Musik Freude zu machen. Man könnte jetzt die Gründe hinterfragen, darüber philosophieren, wie es idealerweise sein sollte; ich für meinen Teil ziehe es vor, diese Tatsache einfach hinzunehmen und mich weiterhin auf Schubertlieder, Mozartopern und Bachkantaten einzuschießen. Davon haben erfahrungsgemäß alle Beteiligten einfach mehr.

Avantgarde dürfen gerne andere spielen.

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2 Responses to “Zwölftöniges und Pferdeschnauben”

  1. vorstadtdiva Says:

    Lieber Sigmar,
    Dein Eintrag erinnert mich ein wenig an meine erste Begegnung mit der „neuen Musik“. Ich saß in einem Konzert der „Bergischen Symphoniker“, wir hatten gerade das ‚Magnificat‘ von John Rutter gehört (im Übrigen ein traumhaft schönes Werk…), da brach es über mich hinein: zuerst ein Werk von Stockhausen, dem eines von Webern folgte. Frag mich bitte nicht, was es genau war, ich habe die Verdrängungstaktik erfolgreich eingesetzt.
    Dazu muss man sagen, ich war damals 17 und glaubte im ersten Moment, das ganze sei ein Witz. Die „Musik“ war so grauenhaft, so furchtbar für meine Ohren und meine Seele. Viele Menschen, die, im Gegensatz zu mir, angeblich ganz viel Ahnung von klassischer Musik haben, haben ein ums andere mal versucht, mich von der Großartikgeit dieser Werke zu überzeugen. Bis heute hat es niemand geschafft. Und ich bin fest davon überzeugt, dass die Meisten, die diese Musik vor mir gelobt haben, sie in Wirklichkeit selbst ganz schrecklich finden.

    Liebe Grüße,

    Julie

  2. sigerics Says:

    Liebe Julie,

    danke für Deine Rückenstärkung! Das Problem, das ich mit einem Großteil moderner E-Musik habe, ist gerade das: daß man davon überzeugt werden muß. Man muß mühsam und oft genug rein intellektuell erklären, warum diese Zwölftonoper (z.B. „Moses und Aaron“) oder jenes Stück Kammermusik denn so großartig sei.

    Die Schönheit von Mozarts Jupitersinfonie oder die Innigkeit von Loewes „Uhr“ muß man nicht erklären, die nehmen, wenn nicht alle, so doch sehr viele Menschen unmittelbar auf. Diese Komponisten sprechen eine verständliche Sprache, weil sie allgemein geltenden Regeln des Tonsatzes und der Melodik entsprochen haben. Diese Regeln stehen dabei weder der Phantasie noch der Emotion entgegen, sie sind wie die Grammatik, der ein Dichter gehorcht, der in verständlichen Worten von Schönem spricht. Deshalb werden Mozart und Loewe verstanden.

    Die Komponisten der Avantgarde hingegen versuchen in vielen Fällen, ohne Rücksicht auf Verluste originell und individuell zu sein. Sie entsprechen dabei denjenigen Dichtern, die sich eine eigene Sprache erfinden, um ihre Werke in dieser zu verfassen. Es können in diesem Kontext durchaus großartige Gedichte sein. Um diese Großartigkeit erkennen zu können, muß man jedoch ersteinmal die Sprache lernen, und diese Mühe lohnt sich denn meist doch nicht.

    Der von Dir genannte Rutter (ich kenne das „Magnificat“ und habe bereits sein „Requiem“ und ein Ensemblelied gesungen), aber auch die großen Benjamin Britten, Carl Orff, Hans Werner Henze u.a. zeigen durch ihr Beispiel, daß man originelle und moderne, zugleich aber verständliche und schöne Musik schreiben kann. Selbst ein Stockhausen hat einen „Tierkreis“ hinterlassen.

    Die zukünftigen Generationen werden auswählen, was ihnen am besten gefällt. Der Rest wird vergessen werden, von einigen Musikwissenschaftlern abgesehen.

    Herzliche Grüße,
    Sigmar

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