Letzte Handgriffe am Debüt

8. Oktober 2008

So wie ich gerade muß sich ein junger Opernsänger fühlen, wenn er sich kurz vor seinem ersten Bühnenauftritt an einem kleinen Theater in der Garderobe schminkt, das Kostüm zurechtzupft und vielleicht noch einige nervöse Blicke in seine Partie wirft.

Als ich heute spät von einer Teambesprechung für einen Gesangskurs kam, der nächste Woche beginnen wird, fand ich in meinem Briefkasten ein Päckchen meines Verlages: Der Probedruck des Buchblocks für meine erste Lyrik-Anthologie, mit der Bitte um Druckfreigabe!

Noch sind die Seiten lose, der Einband wird aufgrund meiner Rückmeldungen noch nachgebessert. Aber ich sehe die Seiten im richtigen Zuschnitt, das Papier und die Schrift in der Qualität, wie sie später aus den Digitaldruckmaschinen kommen wird, vor allem auch die Porträtphotos aller Mitautoren.

Das Papier, über das ich genießerisch mit den Fingerkuppen fahre, ist gut. Es hat mit 90 g/qm genau die richtigen Stärke, damit die Gedichte nicht auf der Rückseite durchscheinen. Das ist wichtig, weil bei kurzen Gedichten viel Platz auf der Seite weiß bleibt, und auf der andere Seite des Blattes ein längeres stehen kann.

Die Schrift ist schön und seriös: Garamond, die Schrift der Reclam-Bände. In der Größe 10,5 Punkt ist sie hier etwas zu fein und leicht, aber das kann man hinnehmen, Lyrik darf schließlich schweben.

Nur mit den Photos bin ich unzufrieden. Die Graustufen sind hier viel gröber und insgesamt dunkler als die Probedrucke der pdf-Datei aus meinem eigenen Drucker. Sollten die dort einen anderen Farbraum verwenden? Jedenfalls geht das so nicht, ich muß wohl einmal mit der Grafikerin direkt sprechen, was da mit Bildbearbeitungsprogrammen noch herausgeholt werden kann.

Von solchen Kleinigkeiten abgesehen: Das Buch nimmt Form an, meine Idee wird Wirklichkeit, die häufig geäußerte Vorfreude meiner sieben Mitautoren wird bald auf den Moment hin kulminieren, in dem sie ihre Autorenexemplare auspacken und ihren Namen im Register finden. Die meisten sind begeisterungsfähige Debütanten, wie ich.

Wie schön, eine wesentliche Erfahrung zum ersten Mal im Leben zu machen…und seine Träume in wirklicher Gestalt mit den Fingern betasten zu können.

Für alle Internetsüchtigen unter den Bloggern hier das längste Werk der Sammlung, das ich selbst beigesteuert habe:

~

Web-Zapping

Nach einem langen Tag am Arbeitsplatz
Wirfst du ‘ne Pizza in die Mikrowelle,
Machst den PC an, deinen liebsten Schatz,
Läßt hinter dir die trübe Tageshelle.

Im Internet gibt’s täglich vieles zu entdecken:
Als erstes mußt du deine neuen E-Mails checken,
Bei deiner Bank schnell eine Überweisung buchen;
Dann gehst du reichlich eine Viertelstunde shoppen
(Schließt grummelnd bunte Fenster, die von selbst aufpoppen),
Du läßt die Flirtpage dir ein heißes Mädchen suchen…

Du siehst kurz auf – das riecht ja wie verbrannt?!
Dein Magen knurrt. Ist wohl der Herd die Quelle?
Hat ihn zu hoch gedreht die rasche Hand? –
Und rührst dich endlich doch nicht von der Stelle.

Du findest heute keine schöne Frau zum Chatten
Und gehst im Browsergame denn einen Newbie atten,
Dann doch noch einen Gratis-Teeny-Trailer gucken,
Entspannt auf deinem Hobbyboard ‘nen Thread beposten,
Im Online-Shooter schleimiggrüne Monster toasten,
Bis auf dem Bildschirm vor dir helle Blitze zucken…

Beim ersten Morgenrötestreif
Empfängt dich dann das Real Life
Im Bett mit einem Gähnen.
Die Haut scheint bleich,
Das Hirn brummt weich –
Und deine Augen tränen.

~

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