Veni, vidi, vici!

10. Oktober 2008

Jawohl, es ist geschehen:

Die Reise, die ich gestern antrat, hat sich gelohnt. Nach nur zwei halben Tagen in Stockholm bin ich jetzt in verantwortlicher Stellung im Vorstand der europäischen Dachorganisation eines ganz besonderen Berufsstandes.

Das mag nach trockener Sitzungsarbeit, überfüllten E-Mail-Fächern und Reisekostenabrechnungen klingen – und genauso ist es auch. Aber das ist nicht alles: Dieser Verband ist erst vier Jahre jung, er wurde im gleichen Monat gegründet, in dem ich mein einschlägiges Studium begonnen habe. Die Strukturen sind folglich noch nicht festgelegt, viele Aufgabenfelder noch gar nicht erschlossen, Beziehungen zu Vertretern in den europäischen Mitgliedsländern eben noch nicht verkrustet, sondern teilweise sogar noch aufzubauen. Es wartet dort kein Verwaltungstrott auf mich, sondern die Möglichkeit, die Arbeit des Teams kreativ mitzugestalten, auf Reisen und in Meetings engagierte und interessante Menschen mit den verschiedensten Lebensläufen kennenzulernen und – buchstäblich den Verband mit zu formen.

Das ist keineswegs übertrieben, denn ich bin der einzige im Vorstand, der deutscher Muttersprachler ist (abgesehen von einer Österreicherin, aber das zählt ja nur halb…), und der einzige, der außer den berufsspezifischen Kenntnissen auch eine juristische Ausbildung besitzt. Genau solche braucht der Verband jetzt. Die Satzung und die Vereinsordnungen sind zu überarbeiten und dabei viele Entscheidungen für die zukünftigen Verfahrensweisen zu treffen. EU-Fördermittel werden seit kurzer Zeit acquiriert, die bürokratischen Hürden sind jedoch für ehrenamtliche Vorständler, die von Beruf Künstler und Lehrer sind, unangenehm hoch. Auch stellt sich die Präsidentin für die Zeit nach der endgültigen Konsolidierung eine Ausweitung der fachlichen Aktivitäten vor: Seminare, Expertenforen, Online-Publikationen; und ich selber tendiere ja auch zur wissenschaftlichen Ausprägung des Berufsstandes. Der Verband und diese visionäre Vorsitzende können mich definitiv gut gebrauchen.

Nach dem erreichten Ziel will ich nun kurz den Weg hierher skizzieren.

Ich kam

gestern Abend gegen halb neun in Stockholm an. Fast vierzig Minuten wartete ich vergeblich auf meine Mitfahrgelegenheit – wie sich später herausstellte, hatte sie die letze E-Mail mit der Ankunftszeit und meiner Mobilnummer aus unerfindlichen Gründen nicht erhalten – und begab mich schließlich per Taxi in das Hotel. Da die Rezeption aber schon geschlossen hatte, mußte ich über mein Handy die an der Tür angeschriebene Telephonnummer anrufen und mir den Zugangscode durchgeben sowie mich durch in der Nachtbeleuchtung schummernde, unbekannte Flure und Treppenhäuser zum Konferenzraum lotsen lassen, wo ich auf die Kolleginnen und Kollegen aus dem amtierenden Vorstand traf.

Ich sah

viele freundlich zugewandte Gesichter: Die Präsidentin, aus Kanada stammend und in Deutschland tätig, die mich wohlwollend und fast ein bißchen erleichtert empfing; den französischen Beisitzer, einen riesigen, etwas unsicheren, aber grundsympathischen Baß; eine stille, bescheidene Polin; eine weltoffene Grande Dame aus Österreich; den Schriftführer aus der Schweiz, einen zart gebauten Mann, der jedermann gegenüber charmant auftritt; meinen guten Bekannten und Vorgänger im Amt, den zeitweise in Deutschland beheimateten Norweger; und schließlich den strengen Vizepräsidenten, der aus den Vereinigten Staaten stammte.

Natürlich war das, was ich gestern zu seiner Person schrieb, nicht ganz ernst gemeint, sondern als literarische Überzeichnung. Er ist ein kompetenter, sehr gewissenhafter und emsiger Arbeiter, dessen Beiträge zur Arbeit des Verbandes Respekt verdienen. Ich empfand sogar Verständnis für ihn, als es in der laufenden Besprechung zu unschönen Wortwechseln kam: Er äußerte seine Meinung zu der gerade anstehenden Frage, andere Teilnehmer redeten aber in ihren Reaktionen etwas an ihm vorbei. Nun ist auch das verständlich, da das Gespräch auf Deutsch stattfand, das keiner der Diskutanten als Muttersprache beherrschte. Er aber geriet sichtlich in Rage, als seine Argumente mißverstanden wurden, insistierte erst, zügelte sich dann aber, auch unter Zureden der Präsidentin, selbst. Ich konnte mich gut in ihn einfühlen, aus eigener Erfahrung.

Als es dann um die Vorbereitung der Mitgliederversammlung und meine anstehende Kandidatur ging, kamen erwartungsgemäß die bereits bekannten Einwände. Ich achtete sorgfältig darauf, mich ihm aufmerksam zuzuwenden, zahlreiche Verstärker zu geben und zu Beginn meiner Erwiderung seine Argumente zu paraphrasieren. Er nickte dabei zustimmend und schon entspannter. Dann erklärte ich ihm meine Sichtweise, belegte sie mit Satzung und Rechtsprechung und machte schließlich konkrete Lösungsvorschläge, die nach längerer Debatte auch vom Vorstand angenommen wurden. Der Vizepräsident und ich  wünschten uns sehr freundlich und kollegial eine gute Nacht.

Der Abend war für mich jedoch noch lange nicht vorbei, denn mein norwegischer Kamerad lud mich und die Präsidentin noch auf sein Zimmer zu einigen Pappbechern Wein ein. Wer hätte da ’nein‘ sagen können? Bis spät in die Nacht saßen wir zu dritt beisammen, diskutierten über Personal und Perspektiven des Verbandes, tauschten Biographisches aus und wurden durch den Rotwein immer lustiger.

Am nächsten Morgen (ohne Kater – guter Wein!) ging es dann um die Vorstellung bei den Delegierten der Mitgliederversammlung, die über meine Wahl letztlich entscheiden würden. Meine offizielle Vorstellung war erst spät am Vormittag terminiert, im Rahmen der Vorbesprechung für die Mitgliederversammlung. Aber bis dahin war die Frage über Ablehnung oder Annahme ja längst entschieden…

Die italienische Delegierte (aus Massachusetts gebürtig) und den humorvollen Iren, der den englischen Verband vertrat, unterhielt ich beim Frühstück. Anschließend winkte mich der Wahlleiter aus Deutschland zu seinem Tisch, um ein paar Probleme der alten (und fehlerhaften) Wahlordnung zu diskutieren. Den Letten und die zweite Engländerin lernte ich in der Kaffeepause kennen, eine Schweizer Delegierte (die auch für den Vorstand kandidierte) kam dann zu Beginn der Vorbesprechung zu mir und stellte sich vor. Mit Zuversicht gab ich also, als die Präsidentin mir an geeigneter Stelle das Wort erteilte, meine Vorstellungsrede zu Gehör (ich hatte mich zwischendurch noch kurz eingesungen, um meine Stimme klangvoll zu machen). Das i-Tüpfelchen setzte dann der gute  Norweger darauf, der vor allen erklärte, daß er bei der Übergabe der Kasse an mich ein gutes Gefühl haben würde.

Ich verließ um kurz nach eins, nach dem Mittagessen sowie nach herzlichen Verabschiedungen, das Hotel und schlug mich unter Zeitdruck per U-Bahn und zu Fuß durch die fremde Großstadt, erwischte zum Glück gerade pünktlich meinen Flughafen-Transferbus und mein Flugzeug nach Hause, wo ich hauptsächlich etwas Schlaf nachholte. Während der Busfahrt vom deutschen Flughafen nach Hause rief dann die Präsidentin an: Alles sei wie geplant verlaufen, meine Wahl einstimmig, der Norweger als Beisitzer weiterhin im Vorstand und auch sonst ein hervorragend besetztes Team beisammen. Sie gratuliere mir, sei nun aber doch etwas müde – in ihrem Alter sollte sie nicht mehr halbe Nächte mit jungen Männern Rotwein trinken… Ich widersprach ihr natürlich.

Auch ich bin müde, und werde es auch ersteinmal bleiben, denn morgen in aller Frühe mache ich mich auf den Weg nach Potsdam zu einer Fachtagung. Aber ich tue es im Hochgefühl eines glücklichen und zukunftsträchtigen Erfolges:

Ich siegte.

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