Die Wonnen der Wissenschaft

19. Oktober 2008

Das schönste Erlebnis dieser Woche war für mich das Erscheinen eines längeren Berichts über ein Seminar in Schweden, das ich im Sommer besucht hatte. Nicht nur freute ich mich darüber, daß mein Artikel nun tatsächlich gedruckt wurde (ich hatte viel Arbeit in diese neun Seiten investiert); Ich genoß auch die Erinnerung an diese wunderbare Woche in Särmland.

Wir waren etwas über 20 Teilnehmer aus aller Welt, die meisten Europäer, aber auch eine Japanerin und ein US-Amerikaner. Unter der Leitung eines weltberühmten schwedischen Stimmforschers und eines deutschen Phoniaters betrachteten wir eine Woche lang die Singstimme aus allen möglichen Perspektiven.

Physiologisch nahmen wir sie mit den verschiedensten Geräten, Diagrammen und Begrifflichkeiten auseinander. Atmung, Tonerzeugung, Klangformung, Sprache, jeweils die wichtigen Muskeln, Räume, Bewegungen wurden klar benannt und in ihrer Funktion analysiert. Das Ergebnis, die menschliche Stimme, wurde aufgezeichnet, elektronisch verändert, mit Computertechnik synthetisiert. Es wurden aus Hartplastik Modelle von Rachen und Mundhöhle gebaut und die Vokalfarben verglichen; wir sangen in spezielle Mikrophone und schlossen aus den Veränderungen des Luftstroms auf die Bewegung der Muskeln im Kehlkopf; wir ließen uns kleine Kameras durch die Nase einführen und beobachteten die Stimmlippen in unseren eigenen Kehlen von oben bei der Erzeugung von Gesangstönen.

Auch an den Raum und die Schallwellen hatten die Kursplaner gedacht: Wie entstehen Klanglöcher in einem Konzertraum? Welche Auswirkungen haben schwere Vorhänge auf den Klang der Stimme in den Ohren der Hörer? Wie klingen wir direkt vor, neben und hinter unserem Kopf (und warum drehen sich Schauspieler und Sänger ohne Mikrophon so ungern vom Publikum weg?…) Das sind schon Fragen, die absolut relevant für die sängerische Praxis sind. Auch besondere Effekte des Chorgesangs auf die eigene Wahrnehmung wurden erörtert, die ja auf eine breite Basis von Laiensängern einwirken. Und alle anwesenden Sänger schrieben sehr aufmerksam mit, als unser Stimmarzt von den Lebensphasen und der klugen Behandlung der eigenen Stimme unter medizinischem Aspekt sprach.

Wir sangen aber auch selbst: Opernarien, Chorsätze, Soul- und Pop-Übungen, Kabarett und schwedische Folklore waren in dieser Woche zu hören. Es war einfach ein grandioses Programm, das in einer Formel aus dem letzten Vortrag gipfelte:

Die menschliche Stimme ist, in ihrer Funktion und ihrem Gebrauch, eine derart komplexe Erscheinung, daß keine Untersuchungsmethode, kein Modell und keine Lehre sie vollständig zu erfassen vermag. Sie ist einfach so stark mit der Vitalität des Menschen, seinem Körper und seinem sozialen Umfeld verbunden, daß jede mögliche Perspektive auf sie nur einen begrenzten Ausschnitt des ganzen Phänomens zeigt. Trotzdem ist es natürlich sinnvoll, alle diese Modelle und Betrachtungsweisen zu studieren und zu kennen, denn in ihrer Summe ergeben sie durchaus ein dreidimensionales Bild, das sich der Realität spürbar annähert. Auf dieser Grundlage kann man kompetente wissenschaftliche, therapeutische und gesangspädagogische Entscheidungen treffen.

Abgesehen von der großen Inspiration, die für alle Teilnehmer von der Fülle der aktuellen Erkenntnisse und ihrer Verknüpfung ausging, war die Umgebung einfach sehr menschenfreundlich. Anders hätten wir das sehr dicht durchgeplante Wochenprogramm auch gar nicht überstanden… Wir verbrachten die Zeit in einem abgelegenen schwedischen Landhaus, ganz traditionell mit dunkelroten Brettern und weißen Rahmen. Die Gastgeber waren unheimlich zugewandt, nach schwedischer Sitte duzten alle einander, nicht einmal der berühmte Professor nahm sich aus. Und das Essen war nicht nur reichlich und nahrhaft, sondern auch überaus wohlschmeckend. So macht Wissenschaft Freude, so sind Seele und Geist auch geöffnet für neue Gedanken und Meinungen und gestärkt genug, innerhalb einer Woche das ganze Spektrum der Stimmwissenschaft zu durchreisen.

Ich bin so dankbar, daß ich das erleben durfte!

Natürlich habe ich die Publikation gleich bei der VG Wort gemeldet und darf mich auf die Ausschüttung der Tantiemen für die Kopierrechte nächstes Jahr freuen. Dieses Mal hatte es für die Veröffentlichungen 2007 runde 50,00 EUR gegeben – mithin einen Kinobesuch mit Abendessen zu zweit. Auch solche Wonnen kann die Wissenschaft spenden…

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2 Responses to “Die Wonnen der Wissenschaft”

  1. NM Says:

    Es gibt sie noch, die Menschen mit den spannenden Berufen und Bildungen.
    Meine Chancen habe ich vor Jahren vertan.

    Sehr spannend zu lesen. Beim Lesen konnte ich mir das Ganze gar bildhaft machen und spürte gar die Schallwellen in der Luft 🙂

  2. sigerics Says:

    Lieber NM,

    als angehender Pädagoge mit zunehmender Erfahrung im Bereich der Erwachsenenbildung (einschließlich Senioren) glaube ich fest daran, daß zumindest die spannende Bildung zu jeder Zeit erworben werden kann – vorausgesetzt, man hat genug Zeit für sich.
    Insofern glaube ich kaum, daß Du Deine Chancen endgültig vertan hättest.

    Die berufliche Seite ist eine andere Sache, doch siehe: Auch ich befinde mich gerade auf dem dritten Bildungsweg.
    Es ist niemals zu früh und selten zu spät, seine Karrierepläne mit den echten eigenen Leidenschaften zu verknüpfen. Und es lohnt sich, denn das Wort „Synergie“ wäre ein wahres Understatement für die Effekte, die im Erfolgsfall eintreten.

    Mit besten Grüßen,
    Sigmar

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