Ein Ende

31. Dezember 2008

In meinem letzten Wort zum Sonntag (für dieses Jahr) war von Liebeskummergedichten die Rede, und zwar eher theoretisch und lebenspraktisch. Um diesen profanen Wortknochen rückblickend ein wenig mit Versfleisch zu veredeln, gebe ich hier einmal zwei Gedichte von mir hinterher, in denen das besagte Thema mit einer ähnlichen Metaphorik beschrieben wird.

Die beiden repräsentieren auch einen wichtigen Abschnitt meiner lyrischen Entwicklung. Das erste, „Jung gestorben“, stammt von 2002 und erscheint nun nach gründlicher Überarbeitung in meiner persönlichen Anthologie „Jugendblütenlese“. Man erkennt hier sofort den Bezug zur traditionellen, mit Reim und Metrum geordneten Dichtung sowie speziell zur alten Sonettform.  Das zweite ist, wenn man makabrerweise so sagen darf, ein Neugeborenes. Ich habe es heute verfaßt, und man merkt ihm den Einfluß der Lyrikforen an, in denen ich mich seit Oktober 2007 herumtreibe. Dort erst bin ich wirklich von der modernen, freieren Art zu Dichten berührt worden, wobei sich dieser Ansatz in meinen Texten fast immer mit anderen Ordnungsprinzipien vereinigt – wie ich hoffe, fruchtbar.

~

Jung gestorben

Und wieder bringt ein hübsches kleines Kind
Ganz heimlich meine Seele auf die Welt,
Gezeugt von Deinem Anblick, ganz sein Bildnis.

Und wieder bringt das Früchtchen ihrer Sünd
Die junge Mutter, die am Leben hält
Sich selber schwerlich, in die Wildnis.

Es schmiegt sich ahnungslos an ihre Brüste –
Die gute Seele ihr Gewissen plagt.
Sie reut wohl, daß sie nachgab dem Gelüste;
Doch daß sie’s wieder tut, ist ihr vorhergesagt.

Was dieses Leben anderen versüßte,
Das bringt sie um und weint und klagt.
Das legt sie auf den Berg am Rand der Wüste –
Den Knochenberg -, rennt vom Geschrei gejagt

Und schluchzend schließt sie sich in ihrer Kammer ein,
Will ungequält von Stimmen – und von Deinem Anblick sein.

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Klosterwesen

Unter den Kryptabögen
meiner Rippen
liegt in Klausur
ein fleischiger Kadaver.

Zersetzung tropft
in mein Becken,
regungslos in der Traufe
laicht das Kind ohne Taufspruch.

Fäulnisgas steigt
mir zu Kopfe,
tritt zum Gebiß aus, das stumm
stammelt:
Schädel! Schrei!
Kindischer! Traum! Stirb!

~

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Liebeskummergedichte

28. Dezember 2008

Es ist schon von verschiedenen Seiten die Frage an mich gerichtet worden, warum die meisten meiner Werke von Ein­samkeit und Liebeskummer handeln.
Die Antwort hängt mit den günstigen Bedingungen zusammen, die derjenige Zustand für das Dichten bietet, aus dem Liebeskummergedichte entstehen. Diesen Begriff möchte ich zunächst definieren und einordnen.

In der Lyrik ist die Gattung „Liebesgedicht“ ohne Frage dominierend. Die gängigsten Arten sind (mit stufenlosen Übergängen): das Liebeswerbegedicht, das Liebesglücksgedicht und das Liebeskummergedicht. Im Liebeswerben erklärt das lyrische Ich dem lyrischen Du seine Zuneigung und versucht, es dazu zu bewegen, diese Zuneigung zu erwidern. Im Liebesglücksgedicht jubelt oder schwelgt das LI in der Freude der erfüllten Liebe und des Zusammenseins. Im Liebeskummer­ge­dicht beklagt es die Abweisung durch ein LD oder die Leiden der Einsamkeit.

Nach meiner Beobachtung sind die Exemplare der Arten Liebeswerbegedicht und Liebeskummergedicht weit zahlreicher als die des Liebesglücksgedichts. Dieser Umstand ist bemerkenswert: Gedichtet wird meist dann, wenn das Liebesglück nicht gegenwärtig ist, sondern er­sehnt oder vermißt wird. Das Schreiben über die nicht gelebten Gefühle scheint eine Art Kompensation für das Entbehrte zu bieten. Selbst Liebesglücksgedichte werden übrigens in stillen Momenten des Alleinseins verfaßt, in der Erinnerung oder Erwartung des bedich­teten Erlebnisses.
Schreiben ist per se eine einsame Beschäftigung. Zum Schreiben werden Ruhe und Konzentration benötigt. Die wenigsten Gedichte werden (wie bei Goethe und Eckermann) im Gespräch mit anderen Personen entstehen.
Weiter bedarf es zum Dichten zweier Dinge: der Mo­tivation, dem Bedürfnis, etwas zu sagen, in der Regel ein nach Ausdruck verlangendes Gefühl einerseits; der Ausdrucksfähigkeit, des Vermögens seine Gefühle in Worte zu fassen und diesen eine Form zu geben, ande­rerseits.
Eine starke Motivation zum Dichten liegt also vor, wenn der Dichter ein intensives Gefühlserlebnis hat. Seine Fähigkeit, dies auszudrücken, setzt aber eine ra­tionale Distanzierung von diesem inneren Geschehen voraus. Wer dichten will, muß auch dies wollen. Dies scheint ein Dilemma zu sein.

Der Zustand des Liebeskummers jedoch vereint alle drei Voraussetzungen:
Der Schreibende ist allein. Er muß sich nicht einmal zurückziehen, um schreiben zu können. Er wird in Ruhe gelassen.
Er hat intensive Gefühle (Zuneigung, Begehren, Trau­er, vielleicht Ärger), die nach Mitteilung verlangen. Ge­rade in seiner Lage ist aber die eigentliche Adressatin nicht präsent. Anderen gegenüber fällt es einem sen­sib­len Menschen oft schwer, einen in solchem Grade verletz­lichen Zustand zu offenbaren. So liegt denn die lyrische Feder als Ersatzinstrument zur Erfüllung des Aus­drucksbedürfnisses nahe.
Außerdem sind es Gefühle, die ihn, anders als das Lie­besglück, nicht zum Schwelgen im realen tathaften Er­lebnis einladen (dort im Küssen und Kosen). Wer Lie­bes­schmerzen leidet, kommt über diese Schmerzen ins Grübeln, oder er unternimmt es bewußt, sich durch Tä­tigkeit abzulenken. Sowohl das Grübeln als auch der Wunsch nach Ablenkung können zum distanzierenden poetischen Prozeß führen, in welchem emotionale Zu­stände verbalisiert, rationalisiert, in Metaphern reprä­sentiert und im Gedicht versachlicht werden.

Nebenbei entsteht ein künstlerisches Werk, dessen Fertigstellung dem verletzten Selbstwertgefühl des Ab­gewiesenen wieder zuträglich ist.
Im Ergebnis ist es also gleichermaßen empfehlenswert, das Dichten als Soforthilfe bei Liebeskummer einzu­setzen, als auch, im wirklichen Leben Liebeskummer zu riskieren. Auch wenn es mit dem Liebesglück nichts wird: Wenigstens gerät man dadurch in die seelische Lage, sein poetisches Talent zu entfalten.

Lingua Franca?

21. Dezember 2008

Die deutsche Sprache spricht mir aus dem Herzen. Mit ihrer Hilfe fasse ich meine Gedanken, meine Gefühle in Worte, sie ist ein wichtiges Material für meine künstlerische Gestaltung, und mit deutscher Rechtsprechung ernähre ich mich. Ich bin daher mit Leibe und Seele an die deutsche Sprache gebunden, und ich liebe sie sehr.

So war es denn ein bedeutsamer Schritt für mich, als ich mich vor Kurzem in den Dienst einer Organisation getreten bin, in der Englisch die vorherrschende Verkehrssprache ist. Da gehen E-Mails zwischen England, Frankreich, Deutschland, Norwegen, Italien, Österreich und Schweden hin und her – Englisch ist unsere einzige Option, wenn wir einigermaßen effektiv miteinander kommunizieren wollen.

Diese neue Erfahrung löst in mir Zweifel aus, ob meine große Liebe auf lange Sicht überleben wird. Könnte es nicht sein, daß das omnipräsente Englisch andere Nationalsprachen in einigen Jahrzehnten in die Position von Provinzdialekten verdrängt haben wird?

Die Fachsprache der internationalisierten Wirtschaft ist Englisch.  Die Naturwissenschaft auf Weltniveau publiziert auf Englisch. Die Massenprodukte der Computer- und der Musikindustrie, die das Leben vieler Menschen in bedeutenden Teilen prägen, verbreiten auch englische Begriffe und englischsprachige Inhalte. Sogar die Angebote der Fastfood- und  Coffee-to-go-Ketten muß man bereits auf Englisch bestellen. Englisch ist die Sprache der Globalisierung.

Bei vielen Menschen löst es Ängste aus, wenn sie Englisch in dieser Weise als Weltsprache wahrnehmen. Diese Ängste reichen von einem irrationalen Unbehagen, das nicht zwischen sprachlicher und kultureller Beeinflussung einerseits und politischer Dominanz andererseits unterscheidet (das jedoch insofern nachvollziehbar ist, als fast alle gegenwärtigen Weltsprachen ihren Status durch imperialistische Ausweitung ihres Territoriums erlangt haben), bis hin zu der Befürchtung, hochwertige literarische Erzeugnisse könnten nicht mehr im Original rezipiert werden, wenn unter dem Einfluß des Englischen immer mehr Sprachkompetenz in der eigenen Muttersprache verloren ginge.

Ich meine, daß solche Bedenken in zweierlei Weise zerstreut werden können: Zum einen wird es zu einer solchen Verdrängung nicht kommen. Zum anderen wäre es sogar das geringere Übel für uns.

Es gibt derzeit ungefähr doppelt so viele Menschen, die das Hochchinesische als Muttersprache sprechen, als englische native speakers. Auch wächst die Bevölkerung im arabischen und südasiatischen Raum schnell, und die amerikanische Außenpolitik der Bush-Krieger hat nicht dazu geführt, das Englische als Verkehrssprache in dieser weltwirtschaftlich wichtigen Region aufzuwerten. Auch in Europa gibt es Widerstände gegen eine Anglisierung, von der hohen Académie française bis hinunter zu den deutschen „Weltnetz“-Benutzern. Ein solcher Regionalismus ist eine natürliche Reaktion auf fremde Einflüsse, er liegt in der instinktgesteuerten Natur des Menschen und wird deshalb auch nicht so schnell zu überwinden sein. Bei derart starken Widerständen und Gegengewichten aber ist nicht zu befürchten, daß die Deutschen einmal verlernen werden, deutsch zu sprechen.

Selbst wenn das in zwei- oder dreihundert Jahren aber doch der Fall sein sollte und Kants Kritik der praktischen Vernunft nur noch in englischer Übersetzung verbreitet werden wird (so wie ja heute kaum noch jemand die Ilias oder Walthers Minnelyrik im Original liest), so wäre das womöglich gar keine Katastrophe. Es würde zum Beispiel die deutschen Beiträge zur internationalen Naturwissenschaft in der Breite aufwerten, wenn die hiesigen Protagonisten englisch „wie ihre Muttersprache“ beherrschen würden und nicht eingeschränkt wären auf das sogenannte Basic Simple English, das gleich einer Seuche an den heutigen Universitäten grassiert und das Reden und Denken in internationalen Teams behindert. Das mag jetzt drastisch ausgedrückt sein, aber ich habe den Begriff ‚BSE‘ nicht erfunden und auch die Klage nicht, daß ein solches vereinfachtes Wissenschaftsenglisch nur einen vergleichsweise geringen Differenziertheitsgrad im Ausdruck ermöglicht, und damit leider auch im Denken. Wir können nur scharf denken und zu Papier bringen, was wir für uns selbst in Worte fassen können. Alles andere bleibt auch in unserem Bewußtsein vage. Aber das ist ja nur ein Spezialbereich.

Allgemein gesprochen darf ich die These in den Raum stellen, daß wir Europäer sogar Glück hätten, wenn sich Englisch als Sprache einer globalisierten Welt erhalten würde – und wir nicht eines Tages gezwungen wären, alle chinesisch zu lernen. Ich habe nichts gegen Chinesen, an meinem Konservatorium arbeite ich gerne auch mit Studenten aus Shanghai und dem Pekinger Raum zusammen. Aber die europäische Kultur liegt mir am Herzen, und die Englische Sprache und Literatur trägt noch mehr davon in sich als das Mandarin. Was ich damit sagen will, ist: Wer den Sinn und die Unausweichlichkeit der Globalisierung verstanden hat, sollte das Englisch als internationale Verkehrssprache nicht als fremd ablehnen, sondern als vertraut und verwandt mit der eigenen Muttersprache begrüßen. Das Deutsche hat aufgrund der Geschehnisse und Machtverschiebungen in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts ohnehin keine reelle Chance, sich in der ersten Liga zu behaupten.

Wie jedoch gesagt, glaube ich gar nicht daran, daß einer echten Verdrängung kommen wird. Ich glaube vielmehr, daß wir auch in Zukunft eine zahlenmäßig starke Basis von deutschen Muttersprachlern haben werden. Dabei wird es immer Schichten geben, die wenig differenziert damit umgehen, wie es sie in allen Zeiten und allen Sprachen gegeben hat (das Latein der Legionäre z. B. war nie dasjenige Cäsars). Aus diesem Humus werden aber stets auch Geister wachsen, die den Reichtum des deutschen Wortschatzes pflegen und die sprachlichen Kulturgüter an kommende Generationen überliefern.

Wer in dieser Weise seine ererbte Muttersprache wahrhaft erwirbt,  sensibilisiert seinen Geist auch für den Erwerb und Gebrauch einer Fremdsprache. Englisch ist ein geeignetes und bewährtes Kommunikationsmittel auf internationaler Ebene, das ebenso entwickelt werden will wie andere wissenschaftliche oder geschäftliche Standards. Es steht ja gar nicht die Frage im Raum, ob wir international Englisch oder unsere Muttersprache verwenden. Bei der zunehmenden Verflechtung innerhalb Europas kommen nationale Sprachen nur noch ausnahmsweise für den Verkehr in Betracht. Auch das Französische, das in der EU-Bürokratie ein stabiles Standbein hat, wird auf Dauer keine Alternative zu der englischen Lingua Franca sein können. Vielmehr hat jeder geistige Mensch zwei Herausforderungen unabhängig voneinander zu begegnen:

1. Die eigene Muttersprache muß mit der ihr zukommenden Liebe und Dankbarkeit gepflegt werden. Aus ihr wachsen neue und differenzierte Gedanken.

2. Das Englische als überlebensfähige, zukunftsträchtige Lingua Franca muß auf möglichst hohem Niveau beherrscht werden, wenn man in irgendeinem internationalen Kontext teamfähig sein will. Es ist Teil der wissenschaftlichen, kaufmännischen oder politischen Seriösität, professionell kommunizieren zu können.

Das sind, frank und frei geäußert, meine Meinungen. Ich würde mich sehr über eine kontroverse Debatte hierüber freuen, falls jemand zufällig auf diesen Text trifft.

Ich hasse Applaus

14. Dezember 2008

Natürlich liebt jeder Künstler Applaus. Auch ich liebe ihn, wenn ich vor Menschen gesungen habe und diese mir durch Applaus bestätigen, daß es ihnen gefallen hat – oder daß sie mir gegenüber zumindest höflich sein wollen, was auch schon etwas ist.

Aber als Besucher eines Konzerts, eines Vortrags, einer Aufführung in einem Sprech- oder Musiktheater fürchte ich kurz vor dem Ende der Veranstaltung einen bestimmten Moment: denjenigen nämlich, in dem der Applaus beginnt. Mein Sitznachbar zur Rechten hat so große, kräftige Hände und so ein breites Kreuz – wird er seiner Muskelmasse und seinem natürlichen Dominanzanspruch nicht auch durch schallendes Klatschen in die gewölbte Hand Präsenz geben? Meine Begleiterin links von mir schaut die ganze Zeit so begeistert drein und wirkt unruhig – fühlt sie sich am Ende dazu veranlaßt, ihren Enthusiasmus in aufgeregtem, maschinengewehrartigem Applaudieren zu entladen? Und wer weiß, wer direkt hinter mir sitzt. Das ist eigentlich das Schlimmste: Einen aufrichtig erfreuten, selbstbewußten und musikalischen Menschen hinter sich zu haben, dessen Hände unmittelbar hinter dem eigenen Kopf, in direkter Nähe der Gehöreingänge, eine Kanonade dumpfer  Klatschgeräuschen abfeuern, in gleichbleibender Lautstärke von Anfang bis zum Abgang des Publikums.

Warum ich die Musikalität erwähne? Es ist manchen Menschen gegeben, den Wirkungsgrad ihres Klatschens zu optimieren, und das heißt in vielen Fällen: den Dezibel-Output zu maximieren. Es gibt einen bestimmten Wölbungsgrad der passiven Hand und einen bestimmten Winkel beim Auftreffen der aktiven Hand, in welchem der Knall der komprimierten Luft die höchste Lautstärke erreicht, unabhängig von der Kraftanstrengung.  Es ist für meine Ohren eine Folter, neben solchen Menschen zu sitzen. Man mag mit ihnen noch so interessante Pausengespräche geführt haben (denn sie sind intelligent, aufmerksam und sensibel, sonst hätten sie den maximalen Wirkungsgrad nie herausgefunden und könnten ihn auch nicht so präzise reproduzieren): In dem Augenblick, in dem sie mit dem Beifall beginnen, werden sie mir zu Feinden, und ich suche die erste Gelegenheit, mich vor ihnen in Sicherheit zu bringen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß mir meine begeisterten Mithörer mehr als einmal ein lästiges Ohrenpfeifen beschert haben.

Ich verstehe sie ja! Sie haben lange gesessen, und der Bewegungsdrang bricht sich Bahn. Sie haben lange zugehört und aufgenommen, und nun wollen sie ihrerseits dem Künstler ein Signal senden. Es fühlt sich auch gut an, durch den Applaus seine Leistung zu bewerten, denn es erinnert einen daran, daß man ja schließlich derjenige ist, der hier bezahlt hat und Qualität erwarten durfte; die meisten Menschen bewerten denn auch tendenziell positiv, auch wenn sie von der Kunst des Musikers oder des Schauspielers gar nichts verstehen, einfach, weil sie sich selbst das Gefühl geben wollen, den Abend sinnvoll verbracht und etwas Hochwertiges erlebt zu haben. Schließlich kommt noch der Hordeninstinkt dazu, die Masse der klatschenden Menschen, der man gerne angehören und in der man aufgehen möchte – und hier muß man nicht einmal im Gleichschritt mittun, wenngleich auch das vorkommt, insbesondere bei Volksmusik. Vielleicht denken die Reflektierteren unter den Claqueuren auch an den Künstler und sagen sich, daß dieser sich gewiß über engagierten, d.h. lauten Beifall freuen dürfte. Wer bin denn schon ich, der ich mir vor Schmerzen beide Hände an den Schädel legen muß?

Dabei geht es doch auch anders. Wie differenziert hat nicht das Publikum bei den alten Römern ihr Gefallen bekundet. Das lautstarke Krachschlagen mit den gewölbten Händen war den wirklich außerordentlichen Leistungen vorbehalten. Für Durchschnittlicheres (und wir erleben ja nun wirklich viel Durchschnittliches auf heutigen Bühnen) gab es Abstufungen vom Aneinanderschlagen der acht Finger über das Schnippsen bis zum dezenten Wedeln mit einer Ecke der Toga. Eine solche trägt heutzutage natürlich kaum noch jemand. Aber das Applaudieren unter Auslassung des Handtellers, was immerhin die zweithöchste Auszeichnung nach dem römischen System darstellte, genügt doch vollkommen, um die meisten Bedürfnisse des erfreuten Zuhörers zu befriedigen. Ich zumindest habe sie mir zur Regel gemacht und behalte das optimierte schwere Klatschen den besonders zu würdigenden Leistungen vor. Und siehe: Ich vermisse gar nichts.

Und der Künstler, der den Beifall so sehr liebt? Vladimir Horowitz soll einmal gesagt haben, daß der Applaus gar nicht das sei, was für ihn wirklich zähle, sondern die gespannte Stille vor und während der Darbietung. Ich möchte ergänzen: Auch eine kurze Stille nach dem Vorhang oder dem Schlußakkord sagt dem Künstler mehr darüber, wie tief er seine Zuhörer berührt und welche Ehrfurcht vor dem Werk er erregt hat, als das aufgeregte Lärmen, das heute ohne Verzug über den Nachklang hereinbricht. Lärm gibt es in dieser Welt so viel, Stille ist selten und kostbar – und leise Töne zeugen von echter Kultur und sensibler Empfindung.

Die lustigen Alten

7. Dezember 2008

Nein, der Titel ist nicht despektierlich gemeint. Ich spreche nicht von lächerlichem Verhalten, sondern von lebenslustigen Senioren, die ich in den vergangenen Wochen bei Gesangs-Gruppenkursen anleiten durfte.  Sie bestätigen meine Rede der vergangenen fünf Jahre, daß Singen nicht irgendeine Freizeitbeschäftigung ist, sondern an den physisch-seelischen Kern des Menschen rührt wie nichts anderes. Daß die Wirkung eines Gegenübers auf uns maßgeblich von Klang und Führung seiner Stimme abhängt, ist inzwischen allgemein anerkannt. Aber dieser Effekt tritt auch selbstbezüglich ein: Unser Selbstgefühl ändert sich, wenn wir unsere eigene Stimme anders erleben als bisher.

Durch körperliche Übungen, welche die Zwischenrippenmuskulatur, den geraden Bauchmuskel und die Beckenbodenmuskulatur gezielt aktivieren, setzt unsere Leiterin die Stimmen der Teilnehmer auf eine völlig neue Basis. Ich habe erlebt, wie kleingewachsene Rentnerinnen, die mit einer dünnen, hohen Greisenstimme zu sprechen gewohnt waren, plötzlich Töne produzierten, mit denen man eine kleine Kirche hätte füllen können – weil sie vom ganzen Körper unterstützt wurden. Und wie erschrocken war solch ein liebenswert-bescheidener Mensch nicht über das Kräftepotential, das sich in dieser Situation zeigte! Das beschränkte sich auch nicht auf die Lautstärke, sondern auf die ganze Haltung, die ja Voraussetzung für eine gute Atemführung und damit für eine kraftvolle Stimme ist: Unter der Anleitung unserer Professorin und ihres Teams werden die Teilnehmer buchstäblich mehrere Zentimeter größer. Und was diese Redewendung besagt, trifft hier auch voll und ganz zu. Gutes Stimmtraining richtet auf.

Hinzu kommt noch der seelentröstende Effekt für alte Menschen, die zu einem großen Teil auch alleine leben, wenn sie einmal die Woche in diese Gruppe kommen, in der sich durch die gemeinsamen, synchronisierten Bewegungen und das harmonische Vereinen der Stimme ganz instinktiv ein Zugehörigkeitsgefühl einstellt. Die Krönung ist natürlich dann das Singen von (stimmbildnerisch geeigneten) Advents- und Weihnachtsliedern, die den Teilnehmern seit ihrer Kindheit vertraut sind. Am Donnerstag findet das diesjährige Adventssingen statt, das die laufende Arbeitsphase befriedigend abschließt, bevor es bis Mitte Januar in eine Regenerationspause geht. Ich freue mich von Herzen auf die leuchtenden Augen der Sängerinnen und Sänger sowie die (alle Jahre wieder) angenehme Überraschung der Zuhörer, die von Seniorengruppen einen ganz anderen Klang erwarten als diese hier tatsächlich bietet.

Ich blicke zurück in meine Jugend und erinnere mich an die Bewohner des Altenheims, in dem ich mein Pflichtjahr als Pflegehelfer abgedient habe. Wieviel mehr an Vitalität, Selbstwertgefühl, Kommunikationsfähigkeit hätte man diesen Menschen erhalten können, wenn man ein- oder zweimal die Woche auf diese Weise die Wurzel ihrer Körperlichkeit gepflegt hätte? Nun, wird man hier einwenden, das waren doch aber Pflegefälle. Richtig, sage ich, aber man muß sich darüber im Klaren sein, daß das Leben in einem Altenpflegeheim, mag dieses noch so seriös geführt sein, den Bewohnern oft nicht gut tut und die Entwicklung zu einem schweren Pflegefall erst begünstigt. Ich habe viele Menschen gesehen, die mit Pflegestufe I in unser Heim eingezogen sind (aus Gründen der Vorsorge, und weil sie keine hilfsbereiten Verwandten in der Nähe hatten), und die innerhalb weniger Monate bettlägerig wurden. Platt ausgedrückt: Es ist langweilig dort, die Menschen werden nur wenig animiert, und die ständige Abhängigkeit von der Hilfe des Personals lähmt die Eigeninitiative. Dessen Überlastung trägt auch nicht dazu bei, die Stimmung in ihrem neuen Zuhause aufzuhellen – sofern man hier überhaupt von Zuhause im vollgültigen Sinne sprechen kann, denn Privatsphäre ist in einem Pflegeheim ein Fremdwort. Wer sich in einer solchen Umgebung unwohl und deprimiert fühlt, zu wenig angeregt wird und sich auch körperlich zu wenig bewegt, wird bald Pflegestufe II oder gar III erreichen. Ich bin überzeugt, daß man diesen Prozess wenigstens verlangsamen könnte, wenn die Bewohner mit Pflegestufe I stimmlich trainiert würden. Ein solches Training wäre weit effektiver als Ergotherapie mit Handarbeiten oder Brettspielen, weil die Stimme auch der alltäglichen Kommunikation dient. Es ist schwierig, einem Menschen zu geben, was er braucht, wenn man ihn kaum versteht.

Sicherlich ist mein Optimismus übertrieben. Aber ich bin ernstlich überzeugt, daß ein Unterrichts- und Trainingskonzept, wie ich es seit Anfang Oktober erlerne, die Lebensqualität vieler Menschen nachhaltig verbessern kann. Daß wäre in meinen Augen ein lohnendes Ziel, mit dem ich mich gerne identifiziere. Auf solche Arbeit habe ich Lust.