Die lustigen Alten

7. Dezember 2008

Nein, der Titel ist nicht despektierlich gemeint. Ich spreche nicht von lächerlichem Verhalten, sondern von lebenslustigen Senioren, die ich in den vergangenen Wochen bei Gesangs-Gruppenkursen anleiten durfte.  Sie bestätigen meine Rede der vergangenen fünf Jahre, daß Singen nicht irgendeine Freizeitbeschäftigung ist, sondern an den physisch-seelischen Kern des Menschen rührt wie nichts anderes. Daß die Wirkung eines Gegenübers auf uns maßgeblich von Klang und Führung seiner Stimme abhängt, ist inzwischen allgemein anerkannt. Aber dieser Effekt tritt auch selbstbezüglich ein: Unser Selbstgefühl ändert sich, wenn wir unsere eigene Stimme anders erleben als bisher.

Durch körperliche Übungen, welche die Zwischenrippenmuskulatur, den geraden Bauchmuskel und die Beckenbodenmuskulatur gezielt aktivieren, setzt unsere Leiterin die Stimmen der Teilnehmer auf eine völlig neue Basis. Ich habe erlebt, wie kleingewachsene Rentnerinnen, die mit einer dünnen, hohen Greisenstimme zu sprechen gewohnt waren, plötzlich Töne produzierten, mit denen man eine kleine Kirche hätte füllen können – weil sie vom ganzen Körper unterstützt wurden. Und wie erschrocken war solch ein liebenswert-bescheidener Mensch nicht über das Kräftepotential, das sich in dieser Situation zeigte! Das beschränkte sich auch nicht auf die Lautstärke, sondern auf die ganze Haltung, die ja Voraussetzung für eine gute Atemführung und damit für eine kraftvolle Stimme ist: Unter der Anleitung unserer Professorin und ihres Teams werden die Teilnehmer buchstäblich mehrere Zentimeter größer. Und was diese Redewendung besagt, trifft hier auch voll und ganz zu. Gutes Stimmtraining richtet auf.

Hinzu kommt noch der seelentröstende Effekt für alte Menschen, die zu einem großen Teil auch alleine leben, wenn sie einmal die Woche in diese Gruppe kommen, in der sich durch die gemeinsamen, synchronisierten Bewegungen und das harmonische Vereinen der Stimme ganz instinktiv ein Zugehörigkeitsgefühl einstellt. Die Krönung ist natürlich dann das Singen von (stimmbildnerisch geeigneten) Advents- und Weihnachtsliedern, die den Teilnehmern seit ihrer Kindheit vertraut sind. Am Donnerstag findet das diesjährige Adventssingen statt, das die laufende Arbeitsphase befriedigend abschließt, bevor es bis Mitte Januar in eine Regenerationspause geht. Ich freue mich von Herzen auf die leuchtenden Augen der Sängerinnen und Sänger sowie die (alle Jahre wieder) angenehme Überraschung der Zuhörer, die von Seniorengruppen einen ganz anderen Klang erwarten als diese hier tatsächlich bietet.

Ich blicke zurück in meine Jugend und erinnere mich an die Bewohner des Altenheims, in dem ich mein Pflichtjahr als Pflegehelfer abgedient habe. Wieviel mehr an Vitalität, Selbstwertgefühl, Kommunikationsfähigkeit hätte man diesen Menschen erhalten können, wenn man ein- oder zweimal die Woche auf diese Weise die Wurzel ihrer Körperlichkeit gepflegt hätte? Nun, wird man hier einwenden, das waren doch aber Pflegefälle. Richtig, sage ich, aber man muß sich darüber im Klaren sein, daß das Leben in einem Altenpflegeheim, mag dieses noch so seriös geführt sein, den Bewohnern oft nicht gut tut und die Entwicklung zu einem schweren Pflegefall erst begünstigt. Ich habe viele Menschen gesehen, die mit Pflegestufe I in unser Heim eingezogen sind (aus Gründen der Vorsorge, und weil sie keine hilfsbereiten Verwandten in der Nähe hatten), und die innerhalb weniger Monate bettlägerig wurden. Platt ausgedrückt: Es ist langweilig dort, die Menschen werden nur wenig animiert, und die ständige Abhängigkeit von der Hilfe des Personals lähmt die Eigeninitiative. Dessen Überlastung trägt auch nicht dazu bei, die Stimmung in ihrem neuen Zuhause aufzuhellen – sofern man hier überhaupt von Zuhause im vollgültigen Sinne sprechen kann, denn Privatsphäre ist in einem Pflegeheim ein Fremdwort. Wer sich in einer solchen Umgebung unwohl und deprimiert fühlt, zu wenig angeregt wird und sich auch körperlich zu wenig bewegt, wird bald Pflegestufe II oder gar III erreichen. Ich bin überzeugt, daß man diesen Prozess wenigstens verlangsamen könnte, wenn die Bewohner mit Pflegestufe I stimmlich trainiert würden. Ein solches Training wäre weit effektiver als Ergotherapie mit Handarbeiten oder Brettspielen, weil die Stimme auch der alltäglichen Kommunikation dient. Es ist schwierig, einem Menschen zu geben, was er braucht, wenn man ihn kaum versteht.

Sicherlich ist mein Optimismus übertrieben. Aber ich bin ernstlich überzeugt, daß ein Unterrichts- und Trainingskonzept, wie ich es seit Anfang Oktober erlerne, die Lebensqualität vieler Menschen nachhaltig verbessern kann. Daß wäre in meinen Augen ein lohnendes Ziel, mit dem ich mich gerne identifiziere. Auf solche Arbeit habe ich Lust.

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