Ich hasse Applaus

14. Dezember 2008

Natürlich liebt jeder Künstler Applaus. Auch ich liebe ihn, wenn ich vor Menschen gesungen habe und diese mir durch Applaus bestätigen, daß es ihnen gefallen hat – oder daß sie mir gegenüber zumindest höflich sein wollen, was auch schon etwas ist.

Aber als Besucher eines Konzerts, eines Vortrags, einer Aufführung in einem Sprech- oder Musiktheater fürchte ich kurz vor dem Ende der Veranstaltung einen bestimmten Moment: denjenigen nämlich, in dem der Applaus beginnt. Mein Sitznachbar zur Rechten hat so große, kräftige Hände und so ein breites Kreuz – wird er seiner Muskelmasse und seinem natürlichen Dominanzanspruch nicht auch durch schallendes Klatschen in die gewölbte Hand Präsenz geben? Meine Begleiterin links von mir schaut die ganze Zeit so begeistert drein und wirkt unruhig – fühlt sie sich am Ende dazu veranlaßt, ihren Enthusiasmus in aufgeregtem, maschinengewehrartigem Applaudieren zu entladen? Und wer weiß, wer direkt hinter mir sitzt. Das ist eigentlich das Schlimmste: Einen aufrichtig erfreuten, selbstbewußten und musikalischen Menschen hinter sich zu haben, dessen Hände unmittelbar hinter dem eigenen Kopf, in direkter Nähe der Gehöreingänge, eine Kanonade dumpfer  Klatschgeräuschen abfeuern, in gleichbleibender Lautstärke von Anfang bis zum Abgang des Publikums.

Warum ich die Musikalität erwähne? Es ist manchen Menschen gegeben, den Wirkungsgrad ihres Klatschens zu optimieren, und das heißt in vielen Fällen: den Dezibel-Output zu maximieren. Es gibt einen bestimmten Wölbungsgrad der passiven Hand und einen bestimmten Winkel beim Auftreffen der aktiven Hand, in welchem der Knall der komprimierten Luft die höchste Lautstärke erreicht, unabhängig von der Kraftanstrengung.  Es ist für meine Ohren eine Folter, neben solchen Menschen zu sitzen. Man mag mit ihnen noch so interessante Pausengespräche geführt haben (denn sie sind intelligent, aufmerksam und sensibel, sonst hätten sie den maximalen Wirkungsgrad nie herausgefunden und könnten ihn auch nicht so präzise reproduzieren): In dem Augenblick, in dem sie mit dem Beifall beginnen, werden sie mir zu Feinden, und ich suche die erste Gelegenheit, mich vor ihnen in Sicherheit zu bringen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß mir meine begeisterten Mithörer mehr als einmal ein lästiges Ohrenpfeifen beschert haben.

Ich verstehe sie ja! Sie haben lange gesessen, und der Bewegungsdrang bricht sich Bahn. Sie haben lange zugehört und aufgenommen, und nun wollen sie ihrerseits dem Künstler ein Signal senden. Es fühlt sich auch gut an, durch den Applaus seine Leistung zu bewerten, denn es erinnert einen daran, daß man ja schließlich derjenige ist, der hier bezahlt hat und Qualität erwarten durfte; die meisten Menschen bewerten denn auch tendenziell positiv, auch wenn sie von der Kunst des Musikers oder des Schauspielers gar nichts verstehen, einfach, weil sie sich selbst das Gefühl geben wollen, den Abend sinnvoll verbracht und etwas Hochwertiges erlebt zu haben. Schließlich kommt noch der Hordeninstinkt dazu, die Masse der klatschenden Menschen, der man gerne angehören und in der man aufgehen möchte – und hier muß man nicht einmal im Gleichschritt mittun, wenngleich auch das vorkommt, insbesondere bei Volksmusik. Vielleicht denken die Reflektierteren unter den Claqueuren auch an den Künstler und sagen sich, daß dieser sich gewiß über engagierten, d.h. lauten Beifall freuen dürfte. Wer bin denn schon ich, der ich mir vor Schmerzen beide Hände an den Schädel legen muß?

Dabei geht es doch auch anders. Wie differenziert hat nicht das Publikum bei den alten Römern ihr Gefallen bekundet. Das lautstarke Krachschlagen mit den gewölbten Händen war den wirklich außerordentlichen Leistungen vorbehalten. Für Durchschnittlicheres (und wir erleben ja nun wirklich viel Durchschnittliches auf heutigen Bühnen) gab es Abstufungen vom Aneinanderschlagen der acht Finger über das Schnippsen bis zum dezenten Wedeln mit einer Ecke der Toga. Eine solche trägt heutzutage natürlich kaum noch jemand. Aber das Applaudieren unter Auslassung des Handtellers, was immerhin die zweithöchste Auszeichnung nach dem römischen System darstellte, genügt doch vollkommen, um die meisten Bedürfnisse des erfreuten Zuhörers zu befriedigen. Ich zumindest habe sie mir zur Regel gemacht und behalte das optimierte schwere Klatschen den besonders zu würdigenden Leistungen vor. Und siehe: Ich vermisse gar nichts.

Und der Künstler, der den Beifall so sehr liebt? Vladimir Horowitz soll einmal gesagt haben, daß der Applaus gar nicht das sei, was für ihn wirklich zähle, sondern die gespannte Stille vor und während der Darbietung. Ich möchte ergänzen: Auch eine kurze Stille nach dem Vorhang oder dem Schlußakkord sagt dem Künstler mehr darüber, wie tief er seine Zuhörer berührt und welche Ehrfurcht vor dem Werk er erregt hat, als das aufgeregte Lärmen, das heute ohne Verzug über den Nachklang hereinbricht. Lärm gibt es in dieser Welt so viel, Stille ist selten und kostbar – und leise Töne zeugen von echter Kultur und sensibler Empfindung.

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2 Responses to “Ich hasse Applaus”

  1. widerspenst Says:

    Ich stimme voll zu und ergänze: Schlimmer als jeder Applaus nach der Darbietung ist der, der währenddessen geschieht. Ich habe jedesmal eine Stinkwut auf die Krachmacher, die mitten in der Oper losklatschen. Warum tun sie das? Weil die Sängerschauspieler eine so tolle Leistung hingelegt haben? Oder vielleicht doch nur, weil sie sich freuen, einen Gassenhauer wiedererkannt zu haben?

  2. sigerics Says:

    Deinen Ärger verstehe ich gut. Dieser ‚wilde Applaus‘ lenkt Deine Aufmerksamkeit von der Handlung ab und zieht sie auf die Meinungsäußerungen dieser Menschen, an denen Du aber in diesem Moment wenig bis gar kein Interesse hast.
    Ich sehe hier allerdings noch einen Unterschied zwischen dem Applaus nach einer Bravourarie oder einer abgeschlossenen Szene und einem, der mitten in den Fortgang der Musik einfällt.

    Ich habe einmal in Hildesheim eine Freiluftaufführung von Dvoraks Neunter Symphonie miterlebt. Hildesheim ist in der Szene bekannt für sein jährliches Jazz-Festival, und im Jazz ist es absolut üblich, ein virtuoses Solo mit Zwischenapplaus zu würdigen. Scheinbar waren nun einige Zuhörer des Symphoniekonzerts von dieser Praxis geprägt, denn sie spendeten nicht nur Beifall zwischen den Sätzen (was unter Kennern der ‚klassischen‘ Musik ja an sich schon verpönt ist), sie applaudierten auch nach Stellen wie dem schönen Flötensolo im ersten Satz sowie bei schmissigen Tuttithemen – daß sie die ‚wiedererkannt‘ haben, bezweifle ich. Sie fanden sie einfach nur schön und dachten sich nichts dabei. Und ich vergab ihnen, denn sie wußten nicht, was sie tun…

    Da man die Menge aber nicht ändern kann, fürchte ich, wir werden mit unserer Stinkwut und dem Ohrenpfeifen leben müssen, bis unsere Sinne soweit abgestumpft sind, daß uns diese Dinge nicht mehr reizen. Oder sehe ich das jetzt zu negativ?

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