Lingua Franca?

21. Dezember 2008

Die deutsche Sprache spricht mir aus dem Herzen. Mit ihrer Hilfe fasse ich meine Gedanken, meine Gefühle in Worte, sie ist ein wichtiges Material für meine künstlerische Gestaltung, und mit deutscher Rechtsprechung ernähre ich mich. Ich bin daher mit Leibe und Seele an die deutsche Sprache gebunden, und ich liebe sie sehr.

So war es denn ein bedeutsamer Schritt für mich, als ich mich vor Kurzem in den Dienst einer Organisation getreten bin, in der Englisch die vorherrschende Verkehrssprache ist. Da gehen E-Mails zwischen England, Frankreich, Deutschland, Norwegen, Italien, Österreich und Schweden hin und her – Englisch ist unsere einzige Option, wenn wir einigermaßen effektiv miteinander kommunizieren wollen.

Diese neue Erfahrung löst in mir Zweifel aus, ob meine große Liebe auf lange Sicht überleben wird. Könnte es nicht sein, daß das omnipräsente Englisch andere Nationalsprachen in einigen Jahrzehnten in die Position von Provinzdialekten verdrängt haben wird?

Die Fachsprache der internationalisierten Wirtschaft ist Englisch.  Die Naturwissenschaft auf Weltniveau publiziert auf Englisch. Die Massenprodukte der Computer- und der Musikindustrie, die das Leben vieler Menschen in bedeutenden Teilen prägen, verbreiten auch englische Begriffe und englischsprachige Inhalte. Sogar die Angebote der Fastfood- und  Coffee-to-go-Ketten muß man bereits auf Englisch bestellen. Englisch ist die Sprache der Globalisierung.

Bei vielen Menschen löst es Ängste aus, wenn sie Englisch in dieser Weise als Weltsprache wahrnehmen. Diese Ängste reichen von einem irrationalen Unbehagen, das nicht zwischen sprachlicher und kultureller Beeinflussung einerseits und politischer Dominanz andererseits unterscheidet (das jedoch insofern nachvollziehbar ist, als fast alle gegenwärtigen Weltsprachen ihren Status durch imperialistische Ausweitung ihres Territoriums erlangt haben), bis hin zu der Befürchtung, hochwertige literarische Erzeugnisse könnten nicht mehr im Original rezipiert werden, wenn unter dem Einfluß des Englischen immer mehr Sprachkompetenz in der eigenen Muttersprache verloren ginge.

Ich meine, daß solche Bedenken in zweierlei Weise zerstreut werden können: Zum einen wird es zu einer solchen Verdrängung nicht kommen. Zum anderen wäre es sogar das geringere Übel für uns.

Es gibt derzeit ungefähr doppelt so viele Menschen, die das Hochchinesische als Muttersprache sprechen, als englische native speakers. Auch wächst die Bevölkerung im arabischen und südasiatischen Raum schnell, und die amerikanische Außenpolitik der Bush-Krieger hat nicht dazu geführt, das Englische als Verkehrssprache in dieser weltwirtschaftlich wichtigen Region aufzuwerten. Auch in Europa gibt es Widerstände gegen eine Anglisierung, von der hohen Académie française bis hinunter zu den deutschen „Weltnetz“-Benutzern. Ein solcher Regionalismus ist eine natürliche Reaktion auf fremde Einflüsse, er liegt in der instinktgesteuerten Natur des Menschen und wird deshalb auch nicht so schnell zu überwinden sein. Bei derart starken Widerständen und Gegengewichten aber ist nicht zu befürchten, daß die Deutschen einmal verlernen werden, deutsch zu sprechen.

Selbst wenn das in zwei- oder dreihundert Jahren aber doch der Fall sein sollte und Kants Kritik der praktischen Vernunft nur noch in englischer Übersetzung verbreitet werden wird (so wie ja heute kaum noch jemand die Ilias oder Walthers Minnelyrik im Original liest), so wäre das womöglich gar keine Katastrophe. Es würde zum Beispiel die deutschen Beiträge zur internationalen Naturwissenschaft in der Breite aufwerten, wenn die hiesigen Protagonisten englisch „wie ihre Muttersprache“ beherrschen würden und nicht eingeschränkt wären auf das sogenannte Basic Simple English, das gleich einer Seuche an den heutigen Universitäten grassiert und das Reden und Denken in internationalen Teams behindert. Das mag jetzt drastisch ausgedrückt sein, aber ich habe den Begriff ‚BSE‘ nicht erfunden und auch die Klage nicht, daß ein solches vereinfachtes Wissenschaftsenglisch nur einen vergleichsweise geringen Differenziertheitsgrad im Ausdruck ermöglicht, und damit leider auch im Denken. Wir können nur scharf denken und zu Papier bringen, was wir für uns selbst in Worte fassen können. Alles andere bleibt auch in unserem Bewußtsein vage. Aber das ist ja nur ein Spezialbereich.

Allgemein gesprochen darf ich die These in den Raum stellen, daß wir Europäer sogar Glück hätten, wenn sich Englisch als Sprache einer globalisierten Welt erhalten würde – und wir nicht eines Tages gezwungen wären, alle chinesisch zu lernen. Ich habe nichts gegen Chinesen, an meinem Konservatorium arbeite ich gerne auch mit Studenten aus Shanghai und dem Pekinger Raum zusammen. Aber die europäische Kultur liegt mir am Herzen, und die Englische Sprache und Literatur trägt noch mehr davon in sich als das Mandarin. Was ich damit sagen will, ist: Wer den Sinn und die Unausweichlichkeit der Globalisierung verstanden hat, sollte das Englisch als internationale Verkehrssprache nicht als fremd ablehnen, sondern als vertraut und verwandt mit der eigenen Muttersprache begrüßen. Das Deutsche hat aufgrund der Geschehnisse und Machtverschiebungen in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts ohnehin keine reelle Chance, sich in der ersten Liga zu behaupten.

Wie jedoch gesagt, glaube ich gar nicht daran, daß einer echten Verdrängung kommen wird. Ich glaube vielmehr, daß wir auch in Zukunft eine zahlenmäßig starke Basis von deutschen Muttersprachlern haben werden. Dabei wird es immer Schichten geben, die wenig differenziert damit umgehen, wie es sie in allen Zeiten und allen Sprachen gegeben hat (das Latein der Legionäre z. B. war nie dasjenige Cäsars). Aus diesem Humus werden aber stets auch Geister wachsen, die den Reichtum des deutschen Wortschatzes pflegen und die sprachlichen Kulturgüter an kommende Generationen überliefern.

Wer in dieser Weise seine ererbte Muttersprache wahrhaft erwirbt,  sensibilisiert seinen Geist auch für den Erwerb und Gebrauch einer Fremdsprache. Englisch ist ein geeignetes und bewährtes Kommunikationsmittel auf internationaler Ebene, das ebenso entwickelt werden will wie andere wissenschaftliche oder geschäftliche Standards. Es steht ja gar nicht die Frage im Raum, ob wir international Englisch oder unsere Muttersprache verwenden. Bei der zunehmenden Verflechtung innerhalb Europas kommen nationale Sprachen nur noch ausnahmsweise für den Verkehr in Betracht. Auch das Französische, das in der EU-Bürokratie ein stabiles Standbein hat, wird auf Dauer keine Alternative zu der englischen Lingua Franca sein können. Vielmehr hat jeder geistige Mensch zwei Herausforderungen unabhängig voneinander zu begegnen:

1. Die eigene Muttersprache muß mit der ihr zukommenden Liebe und Dankbarkeit gepflegt werden. Aus ihr wachsen neue und differenzierte Gedanken.

2. Das Englische als überlebensfähige, zukunftsträchtige Lingua Franca muß auf möglichst hohem Niveau beherrscht werden, wenn man in irgendeinem internationalen Kontext teamfähig sein will. Es ist Teil der wissenschaftlichen, kaufmännischen oder politischen Seriösität, professionell kommunizieren zu können.

Das sind, frank und frei geäußert, meine Meinungen. Ich würde mich sehr über eine kontroverse Debatte hierüber freuen, falls jemand zufällig auf diesen Text trifft.

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