Liebeskummergedichte

28. Dezember 2008

Es ist schon von verschiedenen Seiten die Frage an mich gerichtet worden, warum die meisten meiner Werke von Ein­samkeit und Liebeskummer handeln.
Die Antwort hängt mit den günstigen Bedingungen zusammen, die derjenige Zustand für das Dichten bietet, aus dem Liebeskummergedichte entstehen. Diesen Begriff möchte ich zunächst definieren und einordnen.

In der Lyrik ist die Gattung „Liebesgedicht“ ohne Frage dominierend. Die gängigsten Arten sind (mit stufenlosen Übergängen): das Liebeswerbegedicht, das Liebesglücksgedicht und das Liebeskummergedicht. Im Liebeswerben erklärt das lyrische Ich dem lyrischen Du seine Zuneigung und versucht, es dazu zu bewegen, diese Zuneigung zu erwidern. Im Liebesglücksgedicht jubelt oder schwelgt das LI in der Freude der erfüllten Liebe und des Zusammenseins. Im Liebeskummer­ge­dicht beklagt es die Abweisung durch ein LD oder die Leiden der Einsamkeit.

Nach meiner Beobachtung sind die Exemplare der Arten Liebeswerbegedicht und Liebeskummergedicht weit zahlreicher als die des Liebesglücksgedichts. Dieser Umstand ist bemerkenswert: Gedichtet wird meist dann, wenn das Liebesglück nicht gegenwärtig ist, sondern er­sehnt oder vermißt wird. Das Schreiben über die nicht gelebten Gefühle scheint eine Art Kompensation für das Entbehrte zu bieten. Selbst Liebesglücksgedichte werden übrigens in stillen Momenten des Alleinseins verfaßt, in der Erinnerung oder Erwartung des bedich­teten Erlebnisses.
Schreiben ist per se eine einsame Beschäftigung. Zum Schreiben werden Ruhe und Konzentration benötigt. Die wenigsten Gedichte werden (wie bei Goethe und Eckermann) im Gespräch mit anderen Personen entstehen.
Weiter bedarf es zum Dichten zweier Dinge: der Mo­tivation, dem Bedürfnis, etwas zu sagen, in der Regel ein nach Ausdruck verlangendes Gefühl einerseits; der Ausdrucksfähigkeit, des Vermögens seine Gefühle in Worte zu fassen und diesen eine Form zu geben, ande­rerseits.
Eine starke Motivation zum Dichten liegt also vor, wenn der Dichter ein intensives Gefühlserlebnis hat. Seine Fähigkeit, dies auszudrücken, setzt aber eine ra­tionale Distanzierung von diesem inneren Geschehen voraus. Wer dichten will, muß auch dies wollen. Dies scheint ein Dilemma zu sein.

Der Zustand des Liebeskummers jedoch vereint alle drei Voraussetzungen:
Der Schreibende ist allein. Er muß sich nicht einmal zurückziehen, um schreiben zu können. Er wird in Ruhe gelassen.
Er hat intensive Gefühle (Zuneigung, Begehren, Trau­er, vielleicht Ärger), die nach Mitteilung verlangen. Ge­rade in seiner Lage ist aber die eigentliche Adressatin nicht präsent. Anderen gegenüber fällt es einem sen­sib­len Menschen oft schwer, einen in solchem Grade verletz­lichen Zustand zu offenbaren. So liegt denn die lyrische Feder als Ersatzinstrument zur Erfüllung des Aus­drucksbedürfnisses nahe.
Außerdem sind es Gefühle, die ihn, anders als das Lie­besglück, nicht zum Schwelgen im realen tathaften Er­lebnis einladen (dort im Küssen und Kosen). Wer Lie­bes­schmerzen leidet, kommt über diese Schmerzen ins Grübeln, oder er unternimmt es bewußt, sich durch Tä­tigkeit abzulenken. Sowohl das Grübeln als auch der Wunsch nach Ablenkung können zum distanzierenden poetischen Prozeß führen, in welchem emotionale Zu­stände verbalisiert, rationalisiert, in Metaphern reprä­sentiert und im Gedicht versachlicht werden.

Nebenbei entsteht ein künstlerisches Werk, dessen Fertigstellung dem verletzten Selbstwertgefühl des Ab­gewiesenen wieder zuträglich ist.
Im Ergebnis ist es also gleichermaßen empfehlenswert, das Dichten als Soforthilfe bei Liebeskummer einzu­setzen, als auch, im wirklichen Leben Liebeskummer zu riskieren. Auch wenn es mit dem Liebesglück nichts wird: Wenigstens gerät man dadurch in die seelische Lage, sein poetisches Talent zu entfalten.

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One Response to “Liebeskummergedichte”

  1. sigerics Says:

    Im Rahmen eines Vortragsabends an der Musikhochschule hat eine Rezitatorin heute aus Luise Rinsers Roman „Mitte des Lebens“ einen Abschnitt gelesen, der ungefähr mit den Worten endete: „… glaubst du, du könntest schreiben, wenn du glücklich wärst?“.

    Das bringt Wesentliches von dem, was ich oben geschrieben habe, konzise auf den Punkt.

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