Ein Ende

31. Dezember 2008

In meinem letzten Wort zum Sonntag (für dieses Jahr) war von Liebeskummergedichten die Rede, und zwar eher theoretisch und lebenspraktisch. Um diesen profanen Wortknochen rückblickend ein wenig mit Versfleisch zu veredeln, gebe ich hier einmal zwei Gedichte von mir hinterher, in denen das besagte Thema mit einer ähnlichen Metaphorik beschrieben wird.

Die beiden repräsentieren auch einen wichtigen Abschnitt meiner lyrischen Entwicklung. Das erste, „Jung gestorben“, stammt von 2002 und erscheint nun nach gründlicher Überarbeitung in meiner persönlichen Anthologie „Jugendblütenlese“. Man erkennt hier sofort den Bezug zur traditionellen, mit Reim und Metrum geordneten Dichtung sowie speziell zur alten Sonettform.  Das zweite ist, wenn man makabrerweise so sagen darf, ein Neugeborenes. Ich habe es heute verfaßt, und man merkt ihm den Einfluß der Lyrikforen an, in denen ich mich seit Oktober 2007 herumtreibe. Dort erst bin ich wirklich von der modernen, freieren Art zu Dichten berührt worden, wobei sich dieser Ansatz in meinen Texten fast immer mit anderen Ordnungsprinzipien vereinigt – wie ich hoffe, fruchtbar.

~

Jung gestorben

Und wieder bringt ein hübsches kleines Kind
Ganz heimlich meine Seele auf die Welt,
Gezeugt von Deinem Anblick, ganz sein Bildnis.

Und wieder bringt das Früchtchen ihrer Sünd
Die junge Mutter, die am Leben hält
Sich selber schwerlich, in die Wildnis.

Es schmiegt sich ahnungslos an ihre Brüste –
Die gute Seele ihr Gewissen plagt.
Sie reut wohl, daß sie nachgab dem Gelüste;
Doch daß sie’s wieder tut, ist ihr vorhergesagt.

Was dieses Leben anderen versüßte,
Das bringt sie um und weint und klagt.
Das legt sie auf den Berg am Rand der Wüste –
Den Knochenberg -, rennt vom Geschrei gejagt

Und schluchzend schließt sie sich in ihrer Kammer ein,
Will ungequält von Stimmen – und von Deinem Anblick sein.

~

Klosterwesen

Unter den Kryptabögen
meiner Rippen
liegt in Klausur
ein fleischiger Kadaver.

Zersetzung tropft
in mein Becken,
regungslos in der Traufe
laicht das Kind ohne Taufspruch.

Fäulnisgas steigt
mir zu Kopfe,
tritt zum Gebiß aus, das stumm
stammelt:
Schädel! Schrei!
Kindischer! Traum! Stirb!

~

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