Jenseits der Rampe

18. Januar 2009

Diese Woche war Premiere, und ich war ausgesprochen nervös. Dabei stand ich gar nicht auf der Bühne, sondern saß mit dem Publikum in den Zuschauerreihen eines mittelgroßen Theaters meiner Stadt. Vorne aber spielte ein kleiner Junge das erste Mal eine Rolle, und ich fieberte jedem seiner Worte innerlich entgegen. So ähnlich könnte sich ein Vater fühlen, wenn sein Sohn seinen ersten großen Auftritt hat.

Der kleine Max ist indessen nicht mein Sohn, er war mein Schüler. Er gehört zu einer Gruppe von drei Jungs zwischen acht und zehn Jahren, die eine Rolle in einem modernen Drama besetzen. Die Produktion läuft an einem renommierten Haus; insgesamt sind 40 Vorstellungen geplant, von denen jeder Kinderdarsteller ein Drittel zu spielen hat. Entsprechend hoch waren oder sind natürlich die Erwartungen, ja geradezu extravagant:

„Es wäre gut, wenn man die Knaben auch jenseits der Rampe noch hört.“

Mit dieser Lernzielvorgabe wurde ich vier Wochen vor der Premiere von der Regisseurin engagiert, um den Kleinen bühnengerechtes Sprechen beizubringen. Schüchternheit, schlechte Atemtechnik und schlaffe Haltung ließen ihre Stimmen klein und dünn klingen; Aufregung, feste Kiefer und norddeutsch-gelähmte Lippen machten die Worte manchmal geradezu unverständlich, und zwar schon aus 20 Meter Entfernung. Der Abstand zwischen der Bühne und den hinteren Reihen aber ist größer als 20 Meter, und auch die Zuschauer dort bezahlen ihre Karten und haben ein Recht darauf, jedes Wort zu hören und zu verstehen.

So gingen wir also an die Arbeit. Ich weckte Ihre Randfunktion und das Resonanzempfinden („Stellt Euch vor, Ihr seid Frösche. Da sirren Fliegen um Euch herum: ’ssssss‘. Mit einem ‚Wapp!‘ fangt ihr sie und laßt sie Euch schmecken: ‚Mmmmm'“). Ich ließ die drei auf der Stelle treten und laut zählen („Schön hoch die Knie!“), ich aktivierte die Bauchdecken-Zwerchfell-Atmung („Habt ihr mal im Urlaub eine Luftmatratze aufgepumpt?“), fokussierte den Ausatmungsluftstrom („Ihr seid jetzt Punker und sprayt Eure Namen vor Euch an die Wand“). Sie spielten Basketballer („Hier ist der Ball! Pass ihn rüber zu Deinem Mitspieler und sag zu ihm ‚Hopp'“!), Cowboys („Schwing Deinen Arm wie ein Lasso und wirf das Wort mit einem Schwung in den Raum“) und Sumoringer („Du bist groß, dick und stark! Linkes Bein fest auf den Boden! Rechtes Bein fest auf den Boden! Jetzt sieh mir in die Augen und mach mir Angst mit einem tiefen  ‚Ho‘!). Ich löste die Kiefermuskulatur („Guckt mich mal richtig doof an! Ja, genau so, mit weit offenem Mund!“), lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die sonst vernuschelten Nebensilben („Und jetzt das ganze in Zeitlupe! Jeedees Woort gaaanz laaangsaaam!“) und verbesserte den Vordersitz der Stimme („Mamma mia! Spriiche mite mire wieaine Italiänere!“). Nach jeder Übung setzten wir die Technik in einem oder zwei Sätzen aus dem Rollentext um. Alle verbesserten sich sichtlich, nur der schüchterne kleine Max kam nicht so recht aus sich heraus und verschluckte weiterhin ganze Wörter. Insgesamt aber erzielten die Knaben gute Ergebnisse – auf der kleinen Probebühne

Als es dann auf die große Bühne im Haupthaus des Theaters ging, war plötzlich bei allen dreien die Hälfte des Erarbeiteten wieder verloren gegangen. Zu groß und leer war der Zuschauerraum für die kindlichen Gemüter, und zuviel ging um sie herum vor, als daß sie sich weiterhin auf ihr Sprechen hätten konzentrieren können. Wir intensivierten die Betreuung und gaben jedem Knaben jetzt halbe Stunden im Einzelunterricht – das verhalf auch Max zum Durchbruch. Am Ende der Probenphase hatte er sich zum Besten der Gruppe gemausert und durfte nun die Premiere spielen. Aber es blieb eine Zitterpartie. Würde er in der Aufregung doch wieder anfangen zu nuscheln? Würde er wieder zu leise rufen, weil der Atem hoch ging? Oder würde er sich im Gegenteil verschreien, weil die Regisseurin immer nur „Lauter, lauter!“ gefordert hatte? Und: wie würde er im Falle eines Mißerfolges emotional reagieren? Ich ging nicht ohne ein mulmiges Gefühl in diesen Abend.

Nach der Vorstellung jedoch hatte sich alle Besorgnis in Wohlgefallen aufgelöst. Max hielt sich gut und bekam mehr Bravo-Rufe als die erwachsenen Hauptdarstellerinnen – was die alte Schauspielerweisheit bestätigte, daß man niemals mit einem Tier oder mit einem Kind auf die Bühne treten sollte. Max aber hatte den Beifall wirklich verdient, denn es war ihm etwas Ungewöhnliches geglückt: Bei seinem ersten Auftritt mit Text verwechselte er die Szenen und sprach Worte, die er später im Stück zu sagen hatte. Abgebrüht wie eine Profi ließ er sich nichts, gar nichts anmerken: Er wurde nicht rot, er fluchte nicht, seine Stimme brach nicht weg. Er sprach einfach weiter und kam nun in der richtigen Szene an, was seiner Dialogpartnerin das richtige Stichwort lieferte. Ich kam nach dem Vorhang zu ihm in die Garderobe, klopfte ihm auf die Schulter und lobte ihn vor allem für diese Leistung. Da wurde er rot und zeigte mehr Verlegenheit als bei dem Fehler auf der Bühne. Ich glaube aber, er hat sich gefreut.

Vielleicht bleibt er der Bühne ja auch über dieses Projekt hinaus treu, denn er zeigte sich am Ende als durchaus begabt. Und immerhin hört man ihn jetzt auch „jenseits der Rampe“…

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One Response to “Jenseits der Rampe”

  1. widerspenst Says:

    Ich gratuliere dir und Max zu eurem gemeinsamen Erfolg! Selbst wenn er nicht weiter Theater spielt, wird er sicherlich aus der Arbeit mit dir profitieren – bei Referaten, Vorstellungsgesprächen und, und, und…

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