Musik im Blut

25. Januar 2009

Liegt die Neigung zu musischer und kreativer Tätigkeit in den Genen? Ich glaube es fast. Meine eigene musische Begabung ist gewiß nicht epochal, aber doch erkennbar. Zumindest manche meiner Gedichte finden Beifall, vor allem aber entsprechen meine Leistungen als Sänger und Musiklehrer wenigstens den Anforderungen eines regulären Hochschulstudiums. Das Irritierende daran ist, daß mein Elternhaus weitgehend amusisch geartet war: Eine ungelernte Hausfrau und ein tagesschautreuer Speditionskaufmann, dessen Interesse für Musik in einem kleinbürgerlichen Pflicht- und Statusdenken kulminiert („Du setzt Dich jetzt dahin und schaust Dir die Zauberflöte an. Wird mal Zeit, daß Du ein bißchen Kultur abbekommst“ – also sprach man vorwurfsvoll mit mir als Siebenjährigem). Lange war es mir ein Rätsel, warum meine ganz konsequent aus kleinbürgerlichem Denken erwachsene Entscheidung für ein juristisches Studium mit dem Ziel einer Beamtenstelle meine Seele bald zum schluchzenden Zusammenkauern brachte und ich das Licht am Ende meines Tunnels erst sehe, seit ich vor viereinhalb Jahren die Aufnahmeprüfung an meinem Konservatorium bestanden habe. Meine sogenannte „Kuckucksei-Theorie“ hatte einige Zeit ihren Reiz, obwohl es nie konkrete Anhaltspunkte dafür gab.

Vor etwa zwei Jahren aber erwähnte mein Vater in einem unserer seltenen Gespräche nebenher seinen Onkel (meinen Großonkel), der „ja auch Musik studiert“ habe. Wie sich herausstellte, handelt es sich um einen Komponisten nationalen Ranges, der in den 50er und 60er Jahren insbesondere für seine sakrale Chor- und Orgelmusik bekannt war und später als stellvertretender Direktor einer renommierten Musikhochschule wirkte. Das Quellenmaterial, das ich inzwischen über ihn zusammengetragen habe (Einträge in Konversationslexika und Musikenzyklopädien, Fachartikel, eine Dissertation über sein Leben und Werk) füllt inzwischen einen breiten Leitz-Ordner.

Leider habe ich ihn nie kennenlernen dürfen, und das wird auch nicht mehr geschehen, denn er ist in eben dem Jahr verstorben, in dem ich (mit 18) meine ersten Chorproben besuchte. Und doch bin ich ihm an diesem Wochenende begegnet. Einer der beiden Söhne meines Großonkels, der folglich mein Onkel zweiten Grades ist, hat mich zum zweiten Mal als Gast zu sich nach Nordrhein-Westfalen eingeladen. Schon beim ersten Mal durfte ich mir einige Privatphotos meines Verwandten ansehen, die mich nachdenklich machten – denn auf keinem Bild sah er so glücklich und entspannt aus wie auf demjenigen, auf dem er selbst in fortgeschrittenem Alter notiert hatte, daß er das Komponieren von nun an sein lassen wollte. Was ist Wahrheit, fragte Pilatus, und so frage ich: Was macht uns glücklich? Aber das ist ein anderes Thema. Die posthume Begegnung mit meinem Großonkel wurde nun dadurch vertieft, daß ich mich ausgiebig in seine Musik einhören durfte, die bei meinem Onkel in Form von CD’s und Rundfunk-Mitschnitten archiviert war. Die Musik ist nebenbei modern und frei in der Tonalität, aber strukturell erkennbar von Bach und Brahms beeinflußt, für mich konservativen Hörer also eine geeignete Brücke ins 20. Jahrhundert, in dem ich mich musikalisch immer noch etwas fremd fühle. Zwischen den Stücken jedoch fand ich dann ein kurzes Interview, daß er Anfang der 70er Jahre im Radio gegeben hatte. Die leichte Sprödigkeit der Stimme, eine starke dialektale Färbung und eine Ausdrucksweise, welche die schriftliche Vorbereitung des Interviews nur zu deutlich verriet – all das konnte nicht verschleiern, welch ein frischer und durchreflektierter Intellekt hinter dieser Persönlichkeit stand. Nach allem, was ich über ihn erfahren habe, bewundere ich ihn aufrichtig.

Es ist ein Jammer, daß mein Vater mit der Familie seiner Mutter keinen Kontakt gepflegt hat. Vielleicht wäre ich diesem Mann gerne persönlich begegnet, und möglicherweise wäre meine Geschichte dann ein wenig anders verlaufen. Aber auch so wird es mir gelingen, die Musik in meinem Blut zum Klingen zu bringen – und vielleicht sogar die Lieder meines Großonkels zu singen. Drei davon habe ich auf das Programm meines Prüfungskonzerts im Herbst gesetzt – vielleicht ein lebendiger Anfang.

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One Response to “Musik im Blut”

  1. dieflora Says:

    Lieber Sigmar,

    ich finde die Entscheidung, die Lieder Deines Großonkels in Dein Konzert mit aufzunehmen, wunderbar! Man interpretiert diese Musik, die aus der eigenen Familie stammt, sicherlich mit großem Gefühl und Hingabe. Es ist ein spannendes Experiment, sowohl für Dich, als auch für Deine Zuhörer. Ich bin sehr gespannt, wie es aufgenommen wird.

    Herzliche Grüße,

    Flora (die immernoch eine Vorstadtdiva ist und sich hoffentlich bald mal wieder um ihren „alten“ Blog kümmert)

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