Erfreulicher Abschied

22. Februar 2009

Erlebnisse wie gestern Abend erinnern mich immer wieder daran, warum ich mich jetzt für einen pädagogischen Beruf entschieden habe.

Gestern Abend fand die Dernière, die letzte Vorstellung der Theaterproduktion statt, über deren Première ich vor einigen Wochen berichtete. Damals war es Max, der mich als seinen Sprecherzieher so übermäßig stolz gemacht hat. Gestern war ein andere sympathischer Junge aus meiner Gruppe im Einsatz, nämlich der quirlige kleine Rasmus. Das war schon ein Stück Arbeit mit diesem Racker, der immer wieder seinen eigenen Kopf durchsetzen wollte, mal zu einer Übung keine Lust hatte, mal eine ganz andere Idee für die Ausführung, oft auch mit schlagfertigen Antworten glänzte und mir die Mühe überließ, die Gruppe beim Thema zu halten. Seine Sache aber machte er dann doch sehr gut, und nachdem ich ihn, anders als vor zwei Wochen, vor der Vorstellung einem kleinen Einsprechen unterzogen hatte (je zwei knackigen Übungen für Atmung, Rufstimme, Kieferlockerung und Zungen-Lippen-Agilität), war seine stimmliche Leistung auch tadellos.

Nach dem letzten Publikumsgespräch gab es eine große Feier im Foyer des Theaters, mit freien Getränken für alle Mitwirkenden. Bei dieser Gelegenheit verabschiedete ich mich von jedem Mitglied dieses großartigen Teams, in dem ich mich rückhaltlos wohlfühlen durfte. Als die Reihe an Rasmus kam, hockte er gerade auf dem Teppich, vor den Füßen seiner Mutter. Ich setzte mich ihm im Schneidersitz gegenüber, sah ihm gerade ins Gesicht und bedankte mich bei ihm. Ich sagte ihm, wie gut er mitgearbeitet hatte und was für eine Freude er mir an diesem Abend wieder gemacht hätte. Ich drückte ihn sanft und verabschiedete mich – er selber brachte kaum ein Wort heraus, aber in seinen Augen schwammen Tränen. War er traurig, weil wir in den vorausgegangenen Wochen im Unterricht soviel Spaß zusammen gehabt hatten? Mochte er mich? Oder hatte ihn, unabhängig von meiner Person, das Lob vor seinen Eltern berührt?

Es kommt letztlich aufs Gleiche heraus: Dieser Junge hat eine ganz besondere Erfahrung als Kinderdarsteller auf einer professionellen Bühne gemacht, und ich war einer derjenigen, die ihn dabei begleitet und angeleitet haben. Ich habe ihm etwas fürs Leben mitgegeben – und es hat ihn emotional bewegt. Wenn man das so deutlich wahrnehmen kann wie in diesen großen, feuchten Kinderaugen, die mich beim Aufstehen von unten anschauten, dann war mein Dasein und meine oft anstrengende Arbeit an diesem Ort nicht vergeblich.

Der Mix macht’s

15. Februar 2009

Es gibt Körperschulen, die Sängern grundsätzlich mißtrauen einflößen können. Dazu gehört insbesondere die allgemein sehr erfolgreiche PILATES-Methode. Gerade diese haben wir unseren Kollegen Gesangslehrern gestern im Rahmen einer Regionalfortbildung vorgestellt. Tatsächlich gab es da aus dem Plenum kritische Anmerkungen, denn der rote Faden durch all unsere Übungen war das Halten des körperlichen Gleichgewichts in unterschiedlichen Positionen und Dehnkonfigurationen durch eine starke Anspannung der Bauchdecke. Von dort, aus dem Schwerpunkt des Körpers, sollte er zentriert und dadurch zugleich die Muskulatur trainiert werden. Da der Bauchmuskel in seiner starken Anspannung keine Tiefatmung zuläßt, wird die Atmung bei diesen Übungen in die Flanken verlagert.

Nun lautet das Credo der klassischen Gesangspädagogik, daß die Bauchdecke der Einatmungsspannung des Zwerchfells nichts entgegensetzen darf. Sie soll für die effektive Einatmung reflexartig abspannen, um den vom Zwerchfell bewegten Eingeweiden nachzugeben, so daß der Atem zwanglos in den Körper einfallen kann. Wie ist das mit dem Haltetraining und der Brustkorbatmung beim PILATES-Training zu vereinbaren?

Die Antwort ergab sich für mich implizit aus dem zweiten Teil der Fortbildung, der die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson zum Thema hatte. Das dort ausgiebig durchgeführte Prinzip lautet, daß ein Muskel, wenn er kurze Zeit bewußt stark kontrahiert und danach entspannt wurde, erstens entspannter ist als vor der Übung und zweitens (mit der Zeit) immer bewußter wahrgenommen wird.

Nun bekam auch das PILATES-Training einen neuen Sinn für Sänger: In Maßen ausgeführte Übungen mit starker Bauchdeckenspannung trainieren nicht etwa nur die Muskeln. Das Loslassen der Spannung nach der Übung lockert ihn. Außerdem schult das Training das Körperbewußtsein in diesem Bereich. Der Sänger nimmt langfristig deutlicher wahr, ob sich eine dem Singen hinderliche Bauchdeckenverspannung aufgebaut hat, und kann dem entgegenwirken.

Ich weiß nicht, ob diese Erkenntnis von der Dozentin in dieser Form intendiert war. Sie ist selbst keine ausgebildete Sängerin, und ich hielt es auch für angemessen, wenn ich Student mich in der Plenumsbesprechung nach der Fortbildung etwas zurückhalte, um nochmals gründlich über meine Einfälle nachzudenken. Aber auch hiernach erscheint mir der Gedanke schlüssig: Die Stimme ist ein derart komplexes und auch universelles Phänomen, das die widersprüchlichsten Prinzipien und Lehren in der richtigen Kombination und an der richtigen Stelle angewandt, ihre zielführende Nutzanwendung finden. Faszinierend!

Nachhaltigkeit

8. Februar 2009

Die Ausbildung der Stimme funktioniert nicht im Crash-Kurs-Verfahren. Wie alle komplexen, an Organsysteme und soziales Umfeld gebundenen Erscheinungen entwickeln sie sich nur bei langfristiger gezielter Anleitung und Übung. Das erwies sich heute Abend anschaulich in einer Vorstellung des Theaterstücks, von dessen Première ich Mitte Januar berichtet habe. Damals waren die Effekte der sprecherzieherischen Übungen, die wir über einige Wochen konsequent praktiziert hatten, deutlich zu vernehmen. Vor allem der kleine Max hatte sich ja hervorragend entwickelt.

Heute war ein anderer Junge aus meiner Gruppe an der Reihe gewesen, die Rolle zu spielen. Es war ganz sicher nicht seine Schuld, daß ich nicht zufrieden sein konnte. Unbesehen mußte ich nach der Vorstellung davon ausgehen, daß sich bei allen drei Knaben, wie bei diesem hier, fast alle Verbesserungen im Stinmklang wieder zurückgebildet hatten. Die Atmung war wieder so flach, der Kiefer wieder so fest wie am Anfang. Die Stimme klang zwar ganz süß, hoch und schlank. Die Körperlosigkeit stand dem Protagonisten in seiner Opferrolle gut an. Aber professionelles Theater verlangt eben, unabhängig von darstellerischen Aspekten, eine gewisse stimmliche Souveränität, die auch alle Schauspieler zeigten, nur eben Rasmus nicht. Das Problem daran war nicht so sehr, daß man seinen Text nicht verstanden hätte – das Publikum verhielt sich wohlerzogen still, obwohl die Vorstellung fast ausverkauft war. Aber physische Symptome von Aufregung, wie der Kleine sie hier zeigte, drücken unabhängig vom Text aus, wie befangen er sich vor all den Leuten fühlte, und genau das zerstört die theatrale Illusion. Die Stimme soll so frei klingen wie im Alltag, wo der Sprecher von hochgradiger Aufmerksamkeit unbelastet agiert, und zwar im ganzen großen Saal.

Ich ärgerte mich im Stillen, daß ich mich widerspruchslos der Anweisung der Regisseurin gefügt hatte, während der Vorstellungen, d.h. nach der mehrwöchigen Vorbereitungsphase, kein Stimmtraining mehr zu veranstalten, damit die Schauspieler sich nicht auf die Technik, sondern auf die Rolle konzentrieren konnten. Schon damals hatte ich Bedenken dagegen gehabt, aber der langjährigen Erfahrung der Künstlerin vertraut. Nun wußten wir es besser: Der Umgang mit der Stimme verändert sich nur bei nachhaltiger Begleitung. Ohne sie paßt sie sich wieder ungesteuert den Alltagsgewohnheiten an, die in unserer körperlosen und überreizt-gestreßten Gesellschaft leider nicht der Entfaltung einer körperlich fundierten Stimme dienen. Schade um dieses Mal, es hätte soviel schöner sein können.

Schöne Aussicht

1. Februar 2009

Am Donnerstag hatte ich ein Gespräch, das meine Zukunftsaussichten weiter aufgehellt hat: Vermittelt von einer guten Freundin hat mich mein erstes Stellenangebot an einer Musikschule erreicht. Noch geht es um nichts Großes, noch will man mich testen und bietet mir für den Anfang einen Unterrichtsraum für einen Nachmittag in der Woche an. Aber wer weiß, was mir das bedeutet: Ein Unterrichtsraum! Bisher unterrichte ich Gesang, wenn nicht als Stimmbildner bei Chören oder in den Gruppenkursen der Seniorenakademie, in meinem Kämmerlein, meiner Kombination aus Studentenbude und kleinbürgerlicher Einzimmer-Behausung, an einem billigen YAMAHA-Keyboard zwischen der Couch und den sieben Bücherregalen von IKEA. Daß diese Umgebung manche Schüler irritiert, ist klar, und mich selbst engt es auch ein, ganz buchstäblich. Die Musikschule bietet mir eine professionelle Arbeitsumgebung mit atmosphärischem polytonalen Geübe auf dem Flur, einem Unterrichtsraum ohne fachfremde Ablenkungen und – einem Traum von einem weißen Flügel. Da fühle ich mich ernstgenommen, da fühle ich mich inspiriert, da kann ich im Unterricht frei agieren. Vor allem vermittelt mir die Schule Gesangsklienten, die den Weg zu mir als freiberuflichem Einzelkämpfer nie gefunden hätten. Ich denke die ganze Zeit: Wenn das funktioniert, wenn der Nachmittag voll wird, wenn sie mir noch einen zweiten Tag einrichten… Wieviel näher kann mich das meinem Ziel bringen, mich ganz der Gesangspädagogik zu widmen? Doch, ich wage es, mir das auszumalen.

In zwei Wochen sind die ersten Probestunden mit neuen Schülern terminiert. Ich bin fest entschlossen, diese Chance zu nutzen.