Nachhaltigkeit

8. Februar 2009

Die Ausbildung der Stimme funktioniert nicht im Crash-Kurs-Verfahren. Wie alle komplexen, an Organsysteme und soziales Umfeld gebundenen Erscheinungen entwickeln sie sich nur bei langfristiger gezielter Anleitung und Übung. Das erwies sich heute Abend anschaulich in einer Vorstellung des Theaterstücks, von dessen Première ich Mitte Januar berichtet habe. Damals waren die Effekte der sprecherzieherischen Übungen, die wir über einige Wochen konsequent praktiziert hatten, deutlich zu vernehmen. Vor allem der kleine Max hatte sich ja hervorragend entwickelt.

Heute war ein anderer Junge aus meiner Gruppe an der Reihe gewesen, die Rolle zu spielen. Es war ganz sicher nicht seine Schuld, daß ich nicht zufrieden sein konnte. Unbesehen mußte ich nach der Vorstellung davon ausgehen, daß sich bei allen drei Knaben, wie bei diesem hier, fast alle Verbesserungen im Stinmklang wieder zurückgebildet hatten. Die Atmung war wieder so flach, der Kiefer wieder so fest wie am Anfang. Die Stimme klang zwar ganz süß, hoch und schlank. Die Körperlosigkeit stand dem Protagonisten in seiner Opferrolle gut an. Aber professionelles Theater verlangt eben, unabhängig von darstellerischen Aspekten, eine gewisse stimmliche Souveränität, die auch alle Schauspieler zeigten, nur eben Rasmus nicht. Das Problem daran war nicht so sehr, daß man seinen Text nicht verstanden hätte – das Publikum verhielt sich wohlerzogen still, obwohl die Vorstellung fast ausverkauft war. Aber physische Symptome von Aufregung, wie der Kleine sie hier zeigte, drücken unabhängig vom Text aus, wie befangen er sich vor all den Leuten fühlte, und genau das zerstört die theatrale Illusion. Die Stimme soll so frei klingen wie im Alltag, wo der Sprecher von hochgradiger Aufmerksamkeit unbelastet agiert, und zwar im ganzen großen Saal.

Ich ärgerte mich im Stillen, daß ich mich widerspruchslos der Anweisung der Regisseurin gefügt hatte, während der Vorstellungen, d.h. nach der mehrwöchigen Vorbereitungsphase, kein Stimmtraining mehr zu veranstalten, damit die Schauspieler sich nicht auf die Technik, sondern auf die Rolle konzentrieren konnten. Schon damals hatte ich Bedenken dagegen gehabt, aber der langjährigen Erfahrung der Künstlerin vertraut. Nun wußten wir es besser: Der Umgang mit der Stimme verändert sich nur bei nachhaltiger Begleitung. Ohne sie paßt sie sich wieder ungesteuert den Alltagsgewohnheiten an, die in unserer körperlosen und überreizt-gestreßten Gesellschaft leider nicht der Entfaltung einer körperlich fundierten Stimme dienen. Schade um dieses Mal, es hätte soviel schöner sein können.

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