Rühmkorfs Vermächtnis – Inspiration und Methode

1. März 2009

Rühmkorfs Vermächtnis

Im Sommer letzten Jahres ist der bedeutende deutsche Dichter Peter Rühmkorf verstorben. Vor Kurzem ist nun ein ungewöhnliches Buch aus seiner Feder bzw. Schreibmaschine neu aufgelegt worden: „Selbst III/88. Aus der Fassung“.

Rühmkorf hat darin einen 17seitigen Essay über Grundsätzliches zur Dichtkunst veröffentlicht und seine Ausführungen mit dem Gedicht „Selbst III/88“ illustriert – einschließlich der Faksimiles sämtlicher Vorstufen, Entwürfen, Notizen, Recherchen auf fast 700 Seiten. Wer sich in Rühmkorfs nicht ganz einfache Handschrift eingelesen hat, kann so minutiös mitverfolgen, wie Rühmkorfs drittes lyrisches Selbstporträt von 1988 (das nämlich besagt der Titel) entstanden ist.

Die folgenden Zitate sind gemäß § 51 Ziff. 2 UrhG der folgenden Quelle entnommen:
Rühmkorf, Peter: Selbst III/88. Aus der Fassung. Frankfurt/Main (Haffmanns Verlag bei Zweitausendeins) 2009

Selbst III/88

Das in der vorliegenden Ausgabe siebenseitige Gedicht selbst steht in einem sehr freien Stil. Man lese nur den Anfang:

Zitat:
Mit den Jahren auch nicht mehr ganz in dem Zustand,
daß man sich
seine Liebhaberinnen noch persönlich aussuchen kann –
Wahrlich, so ist es, Freunde, keine widerspricht.

Noch Seher oder schon Spanner, das ist die Frage.
Vor meinem Augenhintergrund her steh ich
unseren Herrenmagazinen
eigentlich doch etwas näher
als den Zielen der Frauenbewegung
[…]

Die Überleitung zum Hauptthema (dem unaufhörlichen Unterwegssein des Protagonisten) ist wie folgt gestaltet:

Zitat:
[…]
Patient braucht keine Ruhe, Patient braucht Reize;
dafür haben wir uns doch extra
diesen raumgreifenden Lebensstil zugelegt,
um der Welt auf Teilstrecken nahezukommen:
Hamburg-Altona – Bremen – Münster –
Dortmund – Bochum – Essen –
Duisburg –
Düsseldorf –
Köln –
und in jeder vorüberrauschenden Stadt
eine Frau wie ein aufgeschlagenes Buch.
[…]

Allmählich geht Rühmkorf dann in die schwindelerregende Aufzählung von Ortsnamen über, die sich über eine längere Strecke (eine ganze Seite) unter erotischen Assoziationen gruppieren lassen

Zitat:
[…]
Niederbettingen – Tummelheim – Fümmelse

Ober-Werbe – Kissing – Petting

Kleinenkneten – Helpup – Schleckheim – Leckingsen – Leck
[…]

um dann in der Abstraktion aufzugehen und einsilbige Ortsnamen nach dem Anfangsbuchstaben alphabetisch zu ordnen. Das Gedicht wird von einem Prosaabschnitt beschlossen, der eine Vermißtenmeldung im Radio wiedergibt und mit den Worten endet:

Zitat:
[…] Der alte Herr ist vermutlich geistesgestört und irrt orientierungslos in der Gegend umher. Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.)

Inspiration und Methode

Diese Stellen sollen hier das Endprodukt einer erwiesenermaßen langwierigen und sorgfältigen dichterischen Arbeit veranschaulichen, über die sich der Dichter im Nachwort des Bandes grundsätzlich äußert. Der Leser hat beim Durchgehen des Buches bereits gesehen, daß die scheinbar freien und prosanahen Verse weder willkürlich gesetzt noch in einem inspirierten Schaffensrausch niedergelegt wurden. Es ist daher zutiefst glaubwürdig und keinesfalls allgemeinplätzig, wenn Rühmkorf schreibt:

Zitat:
Poetologisch weiterführend scheint mir dabei weder das Kathederphilosophem von der Machbarkeit der Kunst noch der Köhlerglaube an ihre noktambule Selbstentfaltung. Offensichtlich handelt es sich um ziemlich beliebig verwendliche Irrwische, die den wechselhaften Entwicklungsverlauf der Lyrik eskortieren wie vertrauenswürdige Warenbegleitpapiere, doch ob der Homo-Faber-Werkbund wirklich mehr als Blaupausen produziert oder die Unbewußte-Empfängnis-GmbH etwas besseres als alraunhaftes Gekrumpel, verdichtet sich mir mit den Jahren immer dringender zur Zweifelsfrage.

Wir haben auf der anderen Seite gesehen, daß Rühmkorf im hier angeführten künstlerischen Text keinen Wert auf einen Bezug zum traditionellen Formenkanon legt. Seine Methode wird, über den ganzen Essay verteilt, mit folgenden Sätzen umrissen:

Zitat:
Am Anfang des Gedichtes steht der Einfall, nicht das Wort, was ich als goldene Poetenregel nun schon einige Jahrzehnte vor mir hertrage.

Zwei Seiten später gibt er für seinen zentralen Begriff eine griffige Definition:

Zitat:
Der Einfall ist die kleinste belebte Einheit des Gedichtes, fraglos seiner selbst sicher und doch zugleich der Ausdruck universaler Fassungslosigkeit. Als Lichtblick oder Begleitschatten spiegelt er die Gereiztheit des Subjektes an einem bestimmten Zeitpunkt und an einer bestimmten Stelle […]. Was sie auszeichnet vor einer Welt geschlossener Systeme (auch dem formalen Ordnungssinn von regelrechten Strophen), ist ja gerade ihre unüberlegte Sprunghaftigkeit, Leichtfertigkeit und Treffsicherheit.

Rühmkorf spricht wohlgemerkt vom ersten improvisierten Einfall. Er setzt weiter (in Übereinstimmung mit den Dokumenten, die den Hauptteil des Buches ausmachen) einen auf dem Einfall aufbauenden „Bildungsprozess des Gedichtes“ in mehreren „Instanz[en]“ voraus. Doch bevor dieser Ausarbeitungs- und Rechercheprozess einsetzen kann, muß der Dichter zunächst zurechtkommen mit dem

Zitat:
Myriadenheer von unzusammenhängenden Wahrnehmungs-, Beobachtungs- und Empfindungspartikeln, die manchmal noch nicht einmal den Qualitätsansprüchen eines Aperçus, eines Epigramms oder einer parabolischen Leuchtspurgarbe genügen. Nehmen wir als heuristischen Ahnungshauch wenigstens soviel zur Kenntnis, daß es sich um versprengte Massenteilchen aus dem Sternbild Lyra handelt (von jetzt ab so benannte „Lyriden“), die sich ihrer verlustig gegangenen Heimat wegen einer utopischen Sammelstätte namens Lyrik entgegensehnen.

Es liegt in der Verantwortung des Dichters, sich dieser armen versprengten Lyriden anzunehmen, die Assoziationen nach Gesichtspunkten zu ordnen, die dem Material inhärent sind (ihm also nicht vom dichtenden Homo Faber aufgezwungen werden), schließlich auch vormals zurückgelegte Einfälle aus seinem Zettelkasten zu ergänzen:

Zitat:
Da sich Einfälle normalerweise nicht am Schreibtisch erdrücken lassen […], müssen wir sie im Bedarfsfall eben aus unseren Skizzenbüchern und Allerweltskatalogen heranzitieren, und nur ob der Einfall sich als bleibender Glücksfall halten läßt, wird dann doch am Schreibtisch entschieden.

Wiederholt äußert Rühmkorf seine Vorstellung von einer „organologischen“ Methode: Das Gedicht „arbeitet sich voran“, wie er sagt. Die Einfälle werden verschoben, gestrichen, wiederbelebt, umgeformt, bis sie sich in den lebendigen Organismus des Gedichtes einfügen. Dieser Prozess entspricht einer anthropologisch notwendigen „poetischen Neuerfassung des zerteilten Individuums“.

Dabei ist auch auf den Auffassungshorizont des lebendigen Rezipienten zu achten:

Zitat:
Wer über den langen Weg nicht langweilen will, hat in ganz besonderem Maße auf Kurzweil zu achten, wozu das in allen Ausdehnungs- oder Auftriebsfragen unerläßliche Ventilationsvermögen gehört. Auch der genaueste Nerv für die optimale Fließgeschwindigkeit der zu transportierenden Texteinheiten. Auch der feinste barometrische Sinn für die wechselnden Druckverhältnisse innerhalb und außerhalb der Versverbände. Wenn ich rückblickend bedenke, wieviel kostbare Lebenszeit ich allein auf die genaueste Auskultation von sogenannten Leerstellen verwendet habe, auf die richtige atmosphärische Dichte der Zwischenräume, das weiße Rauschen der Pausen, wird mir nachträglich noch ganz blümerant zumute […].

Andererseits stellt Rühmkorf aber auch klar:

Zitat:
Mit besonnener Dramaturgie und rational kalkuliertem Kompositionswesen hat das alles wenig zu tun.

und findet für seine endgültige Zielvorgabe eine feine Differenzierung:

Zitat:
[…] ich meine sogar, daß in einem zu Ende gearbeiteten Gedicht schließlich jede Stelle bewußt und keine bloß absichtsvoll sein sollte.

Erörterung zweier Grenzen

Es stecken noch mehr Gedanken im Nachwort Rühmkorfs, aber ich will diesen einen, zentralen herausgreifen: Das Verhältnis zwischen Machbarkeit und Inspiration. Da es sich bei diesem künstlerischen Aspekt des Dichtens um einen Balanceakt zwischen zwei Extremen handelt, ist die Abgrenzungsdiskussion nach zwei Seiten hin zu führen:

1. Was unterscheidet das „rational durchkalkulierte Kompositionswesen“ von der „organologischen“ Auffassung, nach welcher der Dichter seine Einfälle entsprechend ihrer Eigengesetzlichkeit, ansonsten aber frei durcharbeitet?
Offensichtlich befürwortet Rühmkorf es durchaus, daß jedes Wort an seiner Stelle einen Sinn ergeben und bewußt gesetzt worden sein soll. Ich verstehe ihn bisher so, daß das abzulehnende „Kompositionswesen“ seinen leblosen Charakter durch ein Mißverhältnis zwischen willentlichen dichterischen Eingriffen (einschließlich der metrisch und strophisch ordnenden „Zwangsgedanken“) und der Lebenskraft und den Entfaltungsbedürfnissen der „Lyriden“ annimmt.

2. Was hebt die Offenheit für eigenwillig aufscheinende Einfälle ab von dem blinden und blendenden Vertrauen auf die „unterbewußte Diktiermaschine“, das den Rhapsoden ohne Auslese und Anordnung die Worte niederschreiben läßt, wie sie ihm die Muse gerade einflüstert?
Mir scheint klar, daß allzuoft die Zwanglosigkeit und Ungebundenheit freier Verse im Ergebnis verwechselt wird mit dem Schaffensprozess selbst. Wie oft reagieren Amateurdichter (vielleicht in anderen Foren noch öfter als hier) auf Kritik mit der Vorstellung: Diese Worte sind mir in dieser Form eingefallen, ich arbeite nie lange an meinen Gedichten herum, so ist mein Kind zur Welt gekommen und so will ich es auch gelten lassen etc. – und meinen, sich damit auf die Grundsätze des freien Verses zu berufen. Der Schaffensprozess aber, das erklärt Rühmkorf theoretisch und zeigt es in seinen Arbeitsunterlagen zu Selbst III/88 praktisch, ist auch in diesem Ausdrucksstil mit harter Arbeit und viel sensibler Bewußtheit verbunden.

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