Ästhetik für Dichter

9. März 2009

Immer wieder gerate ich bei der Auseinandersetzung über eigene und fremde Lyrik auf meinen Foren in Grundsatzdiskussionen darüber, welchen Qualitätsmaßstäben ein Gedicht generell zu genügen hätte. Oft trifft man dabei auf Allgemeinplätze, verabsolutierten persönlichen Geschmack und beschränkte Literaturkenntnis. Da ich immer wieder feststellen mußte, daß dies auch auf meine eigenen Äußerungen zutrifft, wollte ich diesem diskussionswürdigen Gegenstand einmal ein solides Podest geben und fragen, welche ästhetischen Maßstäbe eigentlich da entwickelt wurden, wo die Fachleute für derartige Theoriebildung sitzen – in der philosophisch fundierten Ästhetik. Meine Quellen des ersten Zugriffs sind: Kants „Kritik der Urteilskraft“, Gelferts „Im Garten der Kunst“ (insbesondere das Kapitel: „Grundkategorien des ästhetischen Urteils“), darin zitiert Platon, Johannes Immanuel Volkelt und Edmund Burke.

1. Schönheit

Von Platon stammt das Prinzip, das als eine griffige Formel für Schönheit schon Jahrtausende überdauert: Die Einheit in der Vielfalt. Der Reiz der Abwechslung, abgewogen gegen das Wohlbefinden des Wiedererkennens, macht das Schöne aus. Ein Gedicht ist beispielsweise schön, soweit es aus regelmäßig gebauten Strophen mit immer neuem Inhalt besteht, wenn heterogene Elemente erkennbar zu einem formalen Ganzen abgerundet sind u.ä.

In der englischen Literatur (Burke, Wordsworth) wird auch eine Beziehung zwischen dem Empfinden von Schönheit in der Kunst und dem Sexualtrieb postuliert. Burke nennt u.a. Glätte, Zartheit, Eleganz und sanfte Übergänge als Schönheitsmerkmale, mithin Eigenschaften, welche eine Frau für einen Mann typischerweise begehrenswert mache. (Männer müssen ja bekanntlich nicht schön sein, um zu gefallen, sondern stark oder reich – aber das hier nur als Salzkrümelchen.) Bei einem Gedicht ist uns die Ästhetik wohl allen bekannt, die schroffe Brüche, Unregelmäßigkeiten in Metrum, Reim, Strophenbau etc. zu vermeiden sucht.

Kant beschreibt an anderer Stelle das Schöne als das subjektiv zweckmäßig erscheinende Zweckfreie. Kunst ist tatsächlich zweckfreies Spiel. Schön wirkt sie, wenn die einzelnen Gestaltungselemente reibungslos auf ein bestimmtes Ziel hinwirken, gleich den Mitgliedern eines Kollektivs bei einer gemeinsamen Anstrengung oder den einzelnen Maßnahmen bei einem umfangreicheren Projekt. Der künstlerische Pseudo-Zweck (der kein echter ist, weil es ihm an Notwendigkeit fehlt) kann ein Affekt sein, ein Bild, ein Spannungsbogen – entscheidend ist die Ausrichtung und Beziehung aller Elemente auf das Ganze und beider auf einen zweckfreien Zweck. Daraus ergibt sich, daß ein Gedicht als schön gelten kann, wenn es keine willkürlich der fiktiven Zweckmäßigkeit zuwiderlaufenden Elemente gibt. Das Gedicht ist schön gestaltet, wenn alle Details einen Sinn im Hinblick auf das Ganze haben.

Alle die genannten lyrischen Qualitätskriterien sind wohlgemerkt auf den Begriff des Schönen bezogen. Sie sind nicht die einzigen, die ein gutes Gedicht ausmachen, denn es gibt noch weitere ästhetische Kategorien.

2. Erhabenheit

Gelfert definiert: „Unter ‚erhaben‘ versteht man etwas, was mit Ernst, Ehrfurcht und feierlicher Würde wahrgenommen wird. Gotische Kathedralen, gewaltige Berge und das sturmgepeitschte Meer sind typische Beispiele für Wahrnehmungen, die dem Betrachter dies Gefühl vermitteln. Das gleiche bewirken in der Literatur feierliche Reden, Tragödien und Heldenepen.“ Burke nennt als Bestimmungsmerkmale „das Schreckliche, Dunkelheit, Größe, Macht, Unendlichkeit, monotone Wiederholung, das schwer zu Leistende und das Plötzliche.“ (zit. nach Gelfert).

Das Erhabene in der Kunst wirkt dadurch, daß es die Auffassungsgabe des Rezipienten überfordert und ihm dadurch das Gefühl von Unterlegenheit gibt. Das oben genannte Wort „Ehrfurcht“ leitet sich buchstäblich aus einem Angstgefühl her, das evolutionär aus der Furcht vor dem überlegenen Gegner erklärt werden kann, vor der bedrohlichen Naturgewalt, auch vor dem Stärkeren und Ranghöheren in der Horde. Ehrenbezeugungen haben ihre Wurzeln in der Unterwerfungsgeste, und die Ehrfurcht, die das künstlerisch Erhabene weckt, beruht auf der Größe des Werkes, der Existentialität des Inhalts oder der zum Ausdruck gebrachten Überlegenheit des Künstlers. (Sofern sie denn anerkannt wird, was in unserer individualistischen und relativistischen Zeit ein Problem darstellt; deswegen begegnen wir heute dem Erhabenen überwiegend in karikierter Form). Burke spricht in diesem Zusammenhang von einer „Angstlust“, welche die positiven Empfindungen bei der Anschauung des Erhabenen erzeugt.

Lyrik scheint aufgrund ihrer Kürze weniger Gelegenheit für das Erhabene zu bieten als ein Heldenepos. Aber auch Gedichte geringen Umfangs können durch ihren Gegenstand oder ihren Duktus Ernst und Würde vermitteln, man denke etwa an die potentiell kurze und dennoch weiträumig schwingende Ode. Auch eine äußerst kunstvolle Gestaltung, die in glaubwürdiger Weise Erstaunen und Respekt vor der Kunstfertigkeit erregt, gehört zum Erhabenen.

3. Charakteristik

Schönheit und Erhabenheit sind die wesentlichen Kategorien in Kants Ästhetik. J.I.Volkelt hat weitere „ästhetische Grundgestalten“ beschrieben, die z.T. dem Schönen oder dem Erhabenen subsummiert werden können.

Gelfert sieht auch den Begriff des Charakteristischen als problematisch an. Er könne zunächst Gegensätzliches bedeuten: zum einen das Typische (Charakteristik einer Menge), zum anderen das Atypische (Charakteristik für ein Individuum). Ferner gehöre es als das Typische dem Schönen an, als das Atypische dem Erhabenen. Ich selbst sehe beides nicht ein, was vielleicht daran liegt, daß ich hier Grundlegendes mißverstanden habe. Vielleicht kommt es aber im Ergebnis auch nicht darauf an. Zunächst sehe ich kein Auseinanderfallen von typisch und atypisch, denn beides fällt ja ineinander: Egal, ob etwas typisch für ein Individuum oder für eine Menge von Individuum ist, es ist dies immer nur, weil es atypisch für eine größere Menge ist. Die Charakteristik eines Sonetts ergibt sich entweder daraus, daß es Eigenschaften aufweist, die es von allen anderen Sonetten unterscheiden, oder dadurch, daß es typische Eigenschaften aufweist, die alle Sonette eines bestimmten Dichters von Sonetten anderer Autoren unterscheidet. In beiden Fällen ist Charakteristik gegeben. Eigenschaften, die typisch für ein Sonett überhaupt sind, machen eben keine Charakteristik aus, sondern (aufgrund der Glätte, des Fehlens von Regelverstößen) – pure Schönheit.

Charakteristik besteht mithin im Hinblick auf einen authentischen Personalstil oder im Hinblick auf die besondere Machart eines Gedichts. Charakteristik bedeutet Unverwechselbarkeit. Das setzt zugleich eine gewisse Einseitigkeit, die Wiederholung bestimmter Mittel und den Verzicht auf andere Mittel voraus. Ein Eklektizismus, der sich darauf beschränkt, die Regeln verschiedener historisch belegter Arten von Lyrik zu erlernen und umzusetzen, kann Schönes, kann auch Erhabenes, aber eben nichts Charakteristisches hervorbringen. Umgekehrt kann aber das Charakteristische und Individuelle kaum Bestand haben, wenn es nicht mit anderen ästhetischen Qualitäten einhergeht.

4. Humor

Weitere Punkte aus Volkelts „Grundgestalten“ sind das Komische, Witz und Humor. Da ich auf diesem Gebiet wenig erfahren bin, will ich mich hier gar nicht in humorlos-haarspalterischen Abgrenzungen ergehen. Vielmehr möchte ich in diesem Versuch die Tatsache nicht verleugnen, daß auch die Fähigkeit, Lachen zu erzeugen, ein Qualitätsmerkmal für ein Gedicht darstellen kann.

Zu diesem Zweck werden die anderen Kategorien oftmals gezielt verfremdet: Das Erhabene wird in der Schlußpointe verkleinert, so daß die lustvoll erlebte Angst vor dem Unkontrollierten plötzlich entweicht. An die Stelle des Charakteristischen können gezielte Platitüden gestellt werden, die aufgrund des Auseinanderfallens von Erwartung an das Werk und dem absichtlichen Unterbieten dieser Erwartung komisch wirken.

In jedem Fall ist die humoristische Ausrichtung eine Kunstrichtung mit Eigenwert, die nicht in jedem Fall mit den anderen Kategorien gemessen werden muß.Allerdings kann ein Werk künstlerisch erheblich wertvoller sein, wenn es das Humoristische mit dem Schönen oder dem Charakteristischen verbindet und zwischen mehreren Kategorien ausgleicht.

Ich würde herzlich gern über diese vier Punkte mit Euch ins Gespräch kommen, Irrtümer und oberflächliche Aussagen in meiner Darstellung berichtigen, weitere Beispiele erörtern. Bis hierher hoffe ich ein grobes Koordinatensystem nachvollzogen zu haben, in dem sich Kunstwerke verorten lassen.

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