Freudlose Lehre

12. April 2009

Ich hätte mich nicht dazu breitschlagen lassen sollen. Diese Woche habe ich die erste Unterrichtseinheit eines Kurses gegeben, für den ich von meinem derzeitigen Hauptarbeitgeber engagiert wurde. Ich erwähnte schon an anderer Stelle, daß ich meinen derzeitigen Broterwerb als überaus freudlos erlebe und lieber Musiklehrer wäre. Nun dachte ich, als der Anruf vom Ausbildungsgericht kam: Nun, es ist immerhin Unterricht und keine Aktenschmiererei, bei den auszubildenden Sekretärinnen werden wohl auch ein oder zwei nette junge Damen dabei sein (nicht, daß ich in solch einem Kontext bestimmte Absichten gehabt hätte;  die Gesellschaft attraktiver junger Damen ist mir einfach angenehm) – und vor allem gibt es ein wenig Geld extra, das meine Kriegskasse füllt, die mir den Ausbruch in die Selbständigkeit ermöglichen soll.

Was die Attraktivität angeht, so ist zwei von vier eine gute Quote. Die Damen sind auch lernwillig und diszipliniert, wie man es von zukünftigen Beamtinnen erwartet. Ich doziere, frage, stelle Übungsaufgaben, benutze Materialien, Gesetzestext, Tafel mit bewußt eingesetzter Abwechslung. Die Umstände gefallen mir eigentlich gut. Aber trotzdem fühle ich mich insgesamt unwohl, und das liegt am Inhalt. Es interessiert mich selbst nicht wirklich, was ich den jungen Leuten da beibringe. Ich langweile mich, beim Vermitteln noch weniger als bei der einsamen Stundenvorbereitung. Und ich fürchte, daß mein im Gesangsstudium angebildetes Schauspieltalent nicht ausreichen wird, um acht Wochen lang den engagierten Lehrer zu spielen. Was das Geld angeht, so stellt sich heraus, daß die Aufwandsentschädigung zwar für die Präsenzzeit ganz in Ordnung ist, aber eben auch Vorbereitung und Anfahrt mit abdeckt. Da die Vorbereitung nur sehr zäh vonstatten geht und die ÖPNV-Verbindung zum Unterrichtsort nicht optimal auf den dortigen Stundenplan abgestimmt ist, wird der Stundensatz unter die Geringfügigkeitsgrenze gedrückt. Die Energie, die ich hierfür aufwende, fehlt mir aber beim Ausbau meiner musikalischen Lehrtätigkeit.

Ich werde das in den nächsten Wochen beobachten, aber hypothetisch stelle ich den Erfahrungssatz auf, daß ich langfristig nur das unterrichten sollte, was mir persönlich Freude macht. Alles andere ist eine Vergeudung von Kraft, u.U. anderen Gelegenheiten, in jedem Fall aber eigener und fremder Lebenszeit. Als Lehrer präge ich mit der Atmosphäre im Unterricht auch die Einstellung, welche die Schüler in ihrem zukünftigen Umgang mit der Materie haben werden. Impfe ich ihnen unterschwellig die Botschaft ein, das mein Unterrichtsfach öde und kopflastig-anstrengend ist, werden sie möglicherweise in Zukunft wenig Freude an ihrer Arbeit haben, und damit hätte ich als Pädagoge eine Sünde begangen.

Ich bemühe mich also, lächelnd durchzuhalten, werde es aber wohl nicht wieder tun.

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