Singe, wem Gesang gegeben!

3. Mai 2009

Soweit ist alles klar und die Welt in Ordnung. Was aber ist mit einem Menschen, dem der Gesang nicht gegeben? Darf man hier mit der juristischen Denkfigur des Umkehrschlusses argumentieren und sagen: ‚Er schweige‘? Ich habe solch einen Schüler in meiner neuen Musikschulklasse. Er hat sage und schreibe fünf chromatische Halbtöne, die er nachsingen kann. Das ist ein Umfang von einer großen Terz. Normale trainierte Singstimmen bringen es auf zwei brauchbare Oktaven, das heißt sechsmal so viel wie dieser. Er braucht etwa zehn Versuche, um einfache Körperübungen korrekt zu imitieren, mit oder ohne verbale Hilfestellung. Sein Ohr ist musikalisch ungeübt. Drei Töne innerhalb seines beschränkten Umfangs nachzusingen ist eine schwierige Aufgabe. Bei der elementaren Gehörbildungsaufgabe, die Richtung eines sukzessiv gespielten oder gesungenen Intervalls (aufwärts oder abwärts) anzugeben, hat er eine Trefferquote von ca. 60 %. Sein Körper ist klein und verspannt, seine Sprechstimme gehemmt, mit hartem Einsatz und Absatz. Als ich ihn wegen der ungewöhnlichen Beschränkung des Umfangs zu einer mir bekannten Phoniaterin schickte, um die Kehlkopfmuskulatur auf Fehlfunktionen oder organische Schäden zu prüfen, kam er unverrichteter Dinge zurück: Sein Organismus war bei der Untersuchung derart nervös, daß die Ärztin ihre Linse selbst unter Zuhilfenahme eines Betäubungssprays nicht in den Rachen einführen konnte: Der Würgereiz war zu stark und ließ nicht nach.

Es geht mir hier keineswegs darum, seine Schwächen hervorzukehren, sondern um die Reflexion, ob ich bei dieser extrem ungünstigen Veranlagung überhaupt seriösen Gesangsunterricht anbieten kann. Normalerweise würde ich als verantwortlicher Gesangslehrer sagen: ‚Mensch, es gibt doch noch andere Hobbys.‘ Aber er will es, trotz meiner ehrlichen Rückmeldung. Und letztlich sehe ich dann doch einen Sinn in unserer Arbeit: Ein klein wenig hat sich seine Haltung verbessert, sein Körperbewußtsein und damit sein Selbst-Bewußtsein im buchstäblichen Sinne wächst langsam, aber stetig, inzwischen kann er sich sogar selbst im Spiegel ansehen. Mit Sprechstimmübungen motiviere ich ihn zu einer ungehemmten Lautäußerung, die Gehörbildungsübungen wecken seine Aufmerksamkeit für Klänge in seiner Umgebung. Das sind alles Schlüsselkompetenzen, die diesen jungen Mann ganz unabhängig vom Singen bereichern können. Ich werde also seinem Wunsch entsprechen und den Unterricht fortsetzen, in aller Geduld und ohne großen Leistungsanspruch. An der Frage nach einem stimmärztlichen Befund bleiben wir aber dran, und wenn sich beim nächsten Versuch ein Ergebnis feststellen läßt und der Vokalismuskel ist tatsächlich schadhaft, überweise ich ihn zur Behandlung an die Stimmärztin.

Man muß seine Grenzen kennen.

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