Der Mix macht’s

15. Februar 2009

Es gibt Körperschulen, die Sängern grundsätzlich mißtrauen einflößen können. Dazu gehört insbesondere die allgemein sehr erfolgreiche PILATES-Methode. Gerade diese haben wir unseren Kollegen Gesangslehrern gestern im Rahmen einer Regionalfortbildung vorgestellt. Tatsächlich gab es da aus dem Plenum kritische Anmerkungen, denn der rote Faden durch all unsere Übungen war das Halten des körperlichen Gleichgewichts in unterschiedlichen Positionen und Dehnkonfigurationen durch eine starke Anspannung der Bauchdecke. Von dort, aus dem Schwerpunkt des Körpers, sollte er zentriert und dadurch zugleich die Muskulatur trainiert werden. Da der Bauchmuskel in seiner starken Anspannung keine Tiefatmung zuläßt, wird die Atmung bei diesen Übungen in die Flanken verlagert.

Nun lautet das Credo der klassischen Gesangspädagogik, daß die Bauchdecke der Einatmungsspannung des Zwerchfells nichts entgegensetzen darf. Sie soll für die effektive Einatmung reflexartig abspannen, um den vom Zwerchfell bewegten Eingeweiden nachzugeben, so daß der Atem zwanglos in den Körper einfallen kann. Wie ist das mit dem Haltetraining und der Brustkorbatmung beim PILATES-Training zu vereinbaren?

Die Antwort ergab sich für mich implizit aus dem zweiten Teil der Fortbildung, der die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson zum Thema hatte. Das dort ausgiebig durchgeführte Prinzip lautet, daß ein Muskel, wenn er kurze Zeit bewußt stark kontrahiert und danach entspannt wurde, erstens entspannter ist als vor der Übung und zweitens (mit der Zeit) immer bewußter wahrgenommen wird.

Nun bekam auch das PILATES-Training einen neuen Sinn für Sänger: In Maßen ausgeführte Übungen mit starker Bauchdeckenspannung trainieren nicht etwa nur die Muskeln. Das Loslassen der Spannung nach der Übung lockert ihn. Außerdem schult das Training das Körperbewußtsein in diesem Bereich. Der Sänger nimmt langfristig deutlicher wahr, ob sich eine dem Singen hinderliche Bauchdeckenverspannung aufgebaut hat, und kann dem entgegenwirken.

Ich weiß nicht, ob diese Erkenntnis von der Dozentin in dieser Form intendiert war. Sie ist selbst keine ausgebildete Sängerin, und ich hielt es auch für angemessen, wenn ich Student mich in der Plenumsbesprechung nach der Fortbildung etwas zurückhalte, um nochmals gründlich über meine Einfälle nachzudenken. Aber auch hiernach erscheint mir der Gedanke schlüssig: Die Stimme ist ein derart komplexes und auch universelles Phänomen, das die widersprüchlichsten Prinzipien und Lehren in der richtigen Kombination und an der richtigen Stelle angewandt, ihre zielführende Nutzanwendung finden. Faszinierend!

Lingua Franca?

21. Dezember 2008

Die deutsche Sprache spricht mir aus dem Herzen. Mit ihrer Hilfe fasse ich meine Gedanken, meine Gefühle in Worte, sie ist ein wichtiges Material für meine künstlerische Gestaltung, und mit deutscher Rechtsprechung ernähre ich mich. Ich bin daher mit Leibe und Seele an die deutsche Sprache gebunden, und ich liebe sie sehr.

So war es denn ein bedeutsamer Schritt für mich, als ich mich vor Kurzem in den Dienst einer Organisation getreten bin, in der Englisch die vorherrschende Verkehrssprache ist. Da gehen E-Mails zwischen England, Frankreich, Deutschland, Norwegen, Italien, Österreich und Schweden hin und her – Englisch ist unsere einzige Option, wenn wir einigermaßen effektiv miteinander kommunizieren wollen.

Diese neue Erfahrung löst in mir Zweifel aus, ob meine große Liebe auf lange Sicht überleben wird. Könnte es nicht sein, daß das omnipräsente Englisch andere Nationalsprachen in einigen Jahrzehnten in die Position von Provinzdialekten verdrängt haben wird?

Die Fachsprache der internationalisierten Wirtschaft ist Englisch.  Die Naturwissenschaft auf Weltniveau publiziert auf Englisch. Die Massenprodukte der Computer- und der Musikindustrie, die das Leben vieler Menschen in bedeutenden Teilen prägen, verbreiten auch englische Begriffe und englischsprachige Inhalte. Sogar die Angebote der Fastfood- und  Coffee-to-go-Ketten muß man bereits auf Englisch bestellen. Englisch ist die Sprache der Globalisierung.

Bei vielen Menschen löst es Ängste aus, wenn sie Englisch in dieser Weise als Weltsprache wahrnehmen. Diese Ängste reichen von einem irrationalen Unbehagen, das nicht zwischen sprachlicher und kultureller Beeinflussung einerseits und politischer Dominanz andererseits unterscheidet (das jedoch insofern nachvollziehbar ist, als fast alle gegenwärtigen Weltsprachen ihren Status durch imperialistische Ausweitung ihres Territoriums erlangt haben), bis hin zu der Befürchtung, hochwertige literarische Erzeugnisse könnten nicht mehr im Original rezipiert werden, wenn unter dem Einfluß des Englischen immer mehr Sprachkompetenz in der eigenen Muttersprache verloren ginge.

Ich meine, daß solche Bedenken in zweierlei Weise zerstreut werden können: Zum einen wird es zu einer solchen Verdrängung nicht kommen. Zum anderen wäre es sogar das geringere Übel für uns.

Es gibt derzeit ungefähr doppelt so viele Menschen, die das Hochchinesische als Muttersprache sprechen, als englische native speakers. Auch wächst die Bevölkerung im arabischen und südasiatischen Raum schnell, und die amerikanische Außenpolitik der Bush-Krieger hat nicht dazu geführt, das Englische als Verkehrssprache in dieser weltwirtschaftlich wichtigen Region aufzuwerten. Auch in Europa gibt es Widerstände gegen eine Anglisierung, von der hohen Académie française bis hinunter zu den deutschen „Weltnetz“-Benutzern. Ein solcher Regionalismus ist eine natürliche Reaktion auf fremde Einflüsse, er liegt in der instinktgesteuerten Natur des Menschen und wird deshalb auch nicht so schnell zu überwinden sein. Bei derart starken Widerständen und Gegengewichten aber ist nicht zu befürchten, daß die Deutschen einmal verlernen werden, deutsch zu sprechen.

Selbst wenn das in zwei- oder dreihundert Jahren aber doch der Fall sein sollte und Kants Kritik der praktischen Vernunft nur noch in englischer Übersetzung verbreitet werden wird (so wie ja heute kaum noch jemand die Ilias oder Walthers Minnelyrik im Original liest), so wäre das womöglich gar keine Katastrophe. Es würde zum Beispiel die deutschen Beiträge zur internationalen Naturwissenschaft in der Breite aufwerten, wenn die hiesigen Protagonisten englisch „wie ihre Muttersprache“ beherrschen würden und nicht eingeschränkt wären auf das sogenannte Basic Simple English, das gleich einer Seuche an den heutigen Universitäten grassiert und das Reden und Denken in internationalen Teams behindert. Das mag jetzt drastisch ausgedrückt sein, aber ich habe den Begriff ‚BSE‘ nicht erfunden und auch die Klage nicht, daß ein solches vereinfachtes Wissenschaftsenglisch nur einen vergleichsweise geringen Differenziertheitsgrad im Ausdruck ermöglicht, und damit leider auch im Denken. Wir können nur scharf denken und zu Papier bringen, was wir für uns selbst in Worte fassen können. Alles andere bleibt auch in unserem Bewußtsein vage. Aber das ist ja nur ein Spezialbereich.

Allgemein gesprochen darf ich die These in den Raum stellen, daß wir Europäer sogar Glück hätten, wenn sich Englisch als Sprache einer globalisierten Welt erhalten würde – und wir nicht eines Tages gezwungen wären, alle chinesisch zu lernen. Ich habe nichts gegen Chinesen, an meinem Konservatorium arbeite ich gerne auch mit Studenten aus Shanghai und dem Pekinger Raum zusammen. Aber die europäische Kultur liegt mir am Herzen, und die Englische Sprache und Literatur trägt noch mehr davon in sich als das Mandarin. Was ich damit sagen will, ist: Wer den Sinn und die Unausweichlichkeit der Globalisierung verstanden hat, sollte das Englisch als internationale Verkehrssprache nicht als fremd ablehnen, sondern als vertraut und verwandt mit der eigenen Muttersprache begrüßen. Das Deutsche hat aufgrund der Geschehnisse und Machtverschiebungen in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts ohnehin keine reelle Chance, sich in der ersten Liga zu behaupten.

Wie jedoch gesagt, glaube ich gar nicht daran, daß einer echten Verdrängung kommen wird. Ich glaube vielmehr, daß wir auch in Zukunft eine zahlenmäßig starke Basis von deutschen Muttersprachlern haben werden. Dabei wird es immer Schichten geben, die wenig differenziert damit umgehen, wie es sie in allen Zeiten und allen Sprachen gegeben hat (das Latein der Legionäre z. B. war nie dasjenige Cäsars). Aus diesem Humus werden aber stets auch Geister wachsen, die den Reichtum des deutschen Wortschatzes pflegen und die sprachlichen Kulturgüter an kommende Generationen überliefern.

Wer in dieser Weise seine ererbte Muttersprache wahrhaft erwirbt,  sensibilisiert seinen Geist auch für den Erwerb und Gebrauch einer Fremdsprache. Englisch ist ein geeignetes und bewährtes Kommunikationsmittel auf internationaler Ebene, das ebenso entwickelt werden will wie andere wissenschaftliche oder geschäftliche Standards. Es steht ja gar nicht die Frage im Raum, ob wir international Englisch oder unsere Muttersprache verwenden. Bei der zunehmenden Verflechtung innerhalb Europas kommen nationale Sprachen nur noch ausnahmsweise für den Verkehr in Betracht. Auch das Französische, das in der EU-Bürokratie ein stabiles Standbein hat, wird auf Dauer keine Alternative zu der englischen Lingua Franca sein können. Vielmehr hat jeder geistige Mensch zwei Herausforderungen unabhängig voneinander zu begegnen:

1. Die eigene Muttersprache muß mit der ihr zukommenden Liebe und Dankbarkeit gepflegt werden. Aus ihr wachsen neue und differenzierte Gedanken.

2. Das Englische als überlebensfähige, zukunftsträchtige Lingua Franca muß auf möglichst hohem Niveau beherrscht werden, wenn man in irgendeinem internationalen Kontext teamfähig sein will. Es ist Teil der wissenschaftlichen, kaufmännischen oder politischen Seriösität, professionell kommunizieren zu können.

Das sind, frank und frei geäußert, meine Meinungen. Ich würde mich sehr über eine kontroverse Debatte hierüber freuen, falls jemand zufällig auf diesen Text trifft.

Veni, vidi, vici!

10. Oktober 2008

Jawohl, es ist geschehen:

Die Reise, die ich gestern antrat, hat sich gelohnt. Nach nur zwei halben Tagen in Stockholm bin ich jetzt in verantwortlicher Stellung im Vorstand der europäischen Dachorganisation eines ganz besonderen Berufsstandes.

Das mag nach trockener Sitzungsarbeit, überfüllten E-Mail-Fächern und Reisekostenabrechnungen klingen – und genauso ist es auch. Aber das ist nicht alles: Dieser Verband ist erst vier Jahre jung, er wurde im gleichen Monat gegründet, in dem ich mein einschlägiges Studium begonnen habe. Die Strukturen sind folglich noch nicht festgelegt, viele Aufgabenfelder noch gar nicht erschlossen, Beziehungen zu Vertretern in den europäischen Mitgliedsländern eben noch nicht verkrustet, sondern teilweise sogar noch aufzubauen. Es wartet dort kein Verwaltungstrott auf mich, sondern die Möglichkeit, die Arbeit des Teams kreativ mitzugestalten, auf Reisen und in Meetings engagierte und interessante Menschen mit den verschiedensten Lebensläufen kennenzulernen und – buchstäblich den Verband mit zu formen.

Das ist keineswegs übertrieben, denn ich bin der einzige im Vorstand, der deutscher Muttersprachler ist (abgesehen von einer Österreicherin, aber das zählt ja nur halb…), und der einzige, der außer den berufsspezifischen Kenntnissen auch eine juristische Ausbildung besitzt. Genau solche braucht der Verband jetzt. Die Satzung und die Vereinsordnungen sind zu überarbeiten und dabei viele Entscheidungen für die zukünftigen Verfahrensweisen zu treffen. EU-Fördermittel werden seit kurzer Zeit acquiriert, die bürokratischen Hürden sind jedoch für ehrenamtliche Vorständler, die von Beruf Künstler und Lehrer sind, unangenehm hoch. Auch stellt sich die Präsidentin für die Zeit nach der endgültigen Konsolidierung eine Ausweitung der fachlichen Aktivitäten vor: Seminare, Expertenforen, Online-Publikationen; und ich selber tendiere ja auch zur wissenschaftlichen Ausprägung des Berufsstandes. Der Verband und diese visionäre Vorsitzende können mich definitiv gut gebrauchen.

Nach dem erreichten Ziel will ich nun kurz den Weg hierher skizzieren.

Ich kam

gestern Abend gegen halb neun in Stockholm an. Fast vierzig Minuten wartete ich vergeblich auf meine Mitfahrgelegenheit – wie sich später herausstellte, hatte sie die letze E-Mail mit der Ankunftszeit und meiner Mobilnummer aus unerfindlichen Gründen nicht erhalten – und begab mich schließlich per Taxi in das Hotel. Da die Rezeption aber schon geschlossen hatte, mußte ich über mein Handy die an der Tür angeschriebene Telephonnummer anrufen und mir den Zugangscode durchgeben sowie mich durch in der Nachtbeleuchtung schummernde, unbekannte Flure und Treppenhäuser zum Konferenzraum lotsen lassen, wo ich auf die Kolleginnen und Kollegen aus dem amtierenden Vorstand traf.

Ich sah

viele freundlich zugewandte Gesichter: Die Präsidentin, aus Kanada stammend und in Deutschland tätig, die mich wohlwollend und fast ein bißchen erleichtert empfing; den französischen Beisitzer, einen riesigen, etwas unsicheren, aber grundsympathischen Baß; eine stille, bescheidene Polin; eine weltoffene Grande Dame aus Österreich; den Schriftführer aus der Schweiz, einen zart gebauten Mann, der jedermann gegenüber charmant auftritt; meinen guten Bekannten und Vorgänger im Amt, den zeitweise in Deutschland beheimateten Norweger; und schließlich den strengen Vizepräsidenten, der aus den Vereinigten Staaten stammte.

Natürlich war das, was ich gestern zu seiner Person schrieb, nicht ganz ernst gemeint, sondern als literarische Überzeichnung. Er ist ein kompetenter, sehr gewissenhafter und emsiger Arbeiter, dessen Beiträge zur Arbeit des Verbandes Respekt verdienen. Ich empfand sogar Verständnis für ihn, als es in der laufenden Besprechung zu unschönen Wortwechseln kam: Er äußerte seine Meinung zu der gerade anstehenden Frage, andere Teilnehmer redeten aber in ihren Reaktionen etwas an ihm vorbei. Nun ist auch das verständlich, da das Gespräch auf Deutsch stattfand, das keiner der Diskutanten als Muttersprache beherrschte. Er aber geriet sichtlich in Rage, als seine Argumente mißverstanden wurden, insistierte erst, zügelte sich dann aber, auch unter Zureden der Präsidentin, selbst. Ich konnte mich gut in ihn einfühlen, aus eigener Erfahrung.

Als es dann um die Vorbereitung der Mitgliederversammlung und meine anstehende Kandidatur ging, kamen erwartungsgemäß die bereits bekannten Einwände. Ich achtete sorgfältig darauf, mich ihm aufmerksam zuzuwenden, zahlreiche Verstärker zu geben und zu Beginn meiner Erwiderung seine Argumente zu paraphrasieren. Er nickte dabei zustimmend und schon entspannter. Dann erklärte ich ihm meine Sichtweise, belegte sie mit Satzung und Rechtsprechung und machte schließlich konkrete Lösungsvorschläge, die nach längerer Debatte auch vom Vorstand angenommen wurden. Der Vizepräsident und ich  wünschten uns sehr freundlich und kollegial eine gute Nacht.

Der Abend war für mich jedoch noch lange nicht vorbei, denn mein norwegischer Kamerad lud mich und die Präsidentin noch auf sein Zimmer zu einigen Pappbechern Wein ein. Wer hätte da ’nein‘ sagen können? Bis spät in die Nacht saßen wir zu dritt beisammen, diskutierten über Personal und Perspektiven des Verbandes, tauschten Biographisches aus und wurden durch den Rotwein immer lustiger.

Am nächsten Morgen (ohne Kater – guter Wein!) ging es dann um die Vorstellung bei den Delegierten der Mitgliederversammlung, die über meine Wahl letztlich entscheiden würden. Meine offizielle Vorstellung war erst spät am Vormittag terminiert, im Rahmen der Vorbesprechung für die Mitgliederversammlung. Aber bis dahin war die Frage über Ablehnung oder Annahme ja längst entschieden…

Die italienische Delegierte (aus Massachusetts gebürtig) und den humorvollen Iren, der den englischen Verband vertrat, unterhielt ich beim Frühstück. Anschließend winkte mich der Wahlleiter aus Deutschland zu seinem Tisch, um ein paar Probleme der alten (und fehlerhaften) Wahlordnung zu diskutieren. Den Letten und die zweite Engländerin lernte ich in der Kaffeepause kennen, eine Schweizer Delegierte (die auch für den Vorstand kandidierte) kam dann zu Beginn der Vorbesprechung zu mir und stellte sich vor. Mit Zuversicht gab ich also, als die Präsidentin mir an geeigneter Stelle das Wort erteilte, meine Vorstellungsrede zu Gehör (ich hatte mich zwischendurch noch kurz eingesungen, um meine Stimme klangvoll zu machen). Das i-Tüpfelchen setzte dann der gute  Norweger darauf, der vor allen erklärte, daß er bei der Übergabe der Kasse an mich ein gutes Gefühl haben würde.

Ich verließ um kurz nach eins, nach dem Mittagessen sowie nach herzlichen Verabschiedungen, das Hotel und schlug mich unter Zeitdruck per U-Bahn und zu Fuß durch die fremde Großstadt, erwischte zum Glück gerade pünktlich meinen Flughafen-Transferbus und mein Flugzeug nach Hause, wo ich hauptsächlich etwas Schlaf nachholte. Während der Busfahrt vom deutschen Flughafen nach Hause rief dann die Präsidentin an: Alles sei wie geplant verlaufen, meine Wahl einstimmig, der Norweger als Beisitzer weiterhin im Vorstand und auch sonst ein hervorragend besetztes Team beisammen. Sie gratuliere mir, sei nun aber doch etwas müde – in ihrem Alter sollte sie nicht mehr halbe Nächte mit jungen Männern Rotwein trinken… Ich widersprach ihr natürlich.

Auch ich bin müde, und werde es auch ersteinmal bleiben, denn morgen in aller Frühe mache ich mich auf den Weg nach Potsdam zu einer Fachtagung. Aber ich tue es im Hochgefühl eines glücklichen und zukunftsträchtigen Erfolges:

Ich siegte.

Wegroute

9. Oktober 2008

Literatur und Musik sind die Dinge, mit denen ich mich am liebsten beschäftige. Aber mein Leben hat auch weniger strahlende Seiten, die zu jenem Licht den manchmal doch wohltuenden Schatten spenden.

Ich bin diplomierter Jurist mit Berufserfahrung im Staatsdienst und außerdem willens, mich als Zoon Politicon für das Gemeinwesen einzusetzen. Da mich unter den politischen Parteien keine so stark anzieht, daß ich ihr meine Kraft widmen würde, habe ich mich für das Tätigkeitsfeld der Berufsverbände entschieden.

Und das beinhaltet eben manchmal auch Reiseplanung.

Ich bin für heute Abend zu der Vorstandssitzung eines europäischen Dachverbandes eingeladen, als Fachmann für vereinsrechtliche Fragen. Morgen findet eine Informationsveranstaltung für die Teilnehmer der Mitgliederversammlung statt, bei der ich ebenfalls als Berater zugegen sein und mich außerdem den Delegierten vorstellen werde. Nachmittags wird nämlich in der Versammlung der Vorstand für die nächsten vier Jahre gewählt – und nach dem Willen der Präsidentin, die mich vor zwei Wochen deswegen anrief, soll ich eine Position im inneren Vorstand übernehmen.

Der scheidende Inhaber mag mich eventuell empfohlen haben, da wir in der Regionalgruppe des deutschen Verbandes hier an meinem Wohnort mehrere Jahre zusammen Seminare für die Kolleginnen und Kollegen organisiert haben. Allerdings bin ich unabhängig davon schon seit dem letzten Jahr auf europäischer Ebene (in einer unbedeutenden Funktion) präsent, und davor war ich in vielfältiger Weise an der Arbeit des deutschen Verbandes beteiligt.

Ein schöner, steil nordwärts gerichteter Reiseweg, wie ich finde…Hoffentlich geht morgen alles gut. Denn in dem Schauspiel, das da gegeben wird, gibt es neben der präsidialen Gönnerin, dem wohlwollenden alten Kameraden und dem strahlenden jungen Heldenbariton auch finstere Gestalten (ich überzeichne aus literarischen Gründen!), wie etwa den spitzstiftigen Vizepräsidenten und einen verunsicherten, allzu deutschen Wahlleiter, die beide die Satzungsbestimmungen fehlinterpretieren (das ist aus meiner Sicht vollkommen klar!), ihre Sicht der Dinge aber mit dem Brustton der Überzeugung verkünden und wohl daran festhalten wollen. Die beiden könnten mit ihren Nachfragen sowohl im Vorstand als auch in der Mitgliederversammlung für Verwirrung sorgen und meine Wahl verhindern, ist doch der Chor der Delegierten juristisch völlig unbeleckt. Das Ende ist offen, wir werden es morgen Abend kennen.

Nicht viel weniger abenteuerlich ist die An- und Abreise. Ich werde nach dem Mittagessen die S-Bahn Richtung Innenstadt besteigen, dort den Airport-Transferbus nehmen, nordwärts nach Skandinavien fliegen, vom dortigen Flughafen wieder per Bus in die Hauptstadt fahren und hoffentlich vom zentralen Busbahnhof abgeholt werden, um zu dem in einem Vorort gelegenen Hotel zu kommen. Morgen Abend geht der gesamte Weg dann retour, denn am Samstag bin ich in Potsdam und unterstütze meine Arbeitgeberin bei der Präsentation ihrer Gesangsgruppenkurse, von denen wir gestern sprachen.

So, das Essen ist fertig. Gleich muß ich weg von hier.