Programmkomposition

24. Mai 2009

Mein Studium endet. Dieses Jahr gehe ich über die lang ersehnte Ziellinie, etwas erschöpft, aber als Sieger. Drei große Aufgaben muß ich noch bewältigen, dann bin ich wirklich Gesangspädagoge.

Die erste Aufgabe wird die methodische Prüfung nächste Woche sein. Sie beinhaltet, zwei Lehrproben vorzuführen, einen Kurzvortrag zu halten und ein Kolloquium mit der dreiköpfigen Kommission zu bestreiten.

Die zweite Aufgabe ist der wissenschaftliche Teil der Abschlußprüfung, die Diplomarbeit. In den Sommerferien werde ich ca. 40 Seiten über ein stimmphysiologisches Thema schreiben, wofür ich bereits jetzt fleißig Lehrbücher und Fachaufsätze zusammentrage.

Die dritte Aufgabe ist die künstlerische Prüfung, das Abschlußkonzert, in dem ich 50 Minuten solistische Vokalmusik darbieten darf.

Diese letztere hat mich heute sehr beschäftigt, weil morgen die erste Durchlaufprobe mit dem Pianisten unter Beisein meines Hauptfachlehrers stattfinden wird. Das Programm selbst steht bereits seit einem halben Jahr im Wesentlichen fest. Bevor aber die musikalische Gestaltung, die Textinterpretation, die darstellerische Interpretation vor allem der Opernarien und Balladen ausgearbeitet sind, gehen Monate ins Land, vom memorieren der Stücke ganz zu schweigen. Morgen also werde ich erstmals versuchen, eine Dreiviertelstunde lang auswendig zu singen, davon ein Viertel auf italienisch, und dabei bis zum Schluß eine optimale Körperspannung und sinnliche Konzentration zu behalten.

Anders als die meisten Prüflinge habe ich aber schon die Programmgestaltung als ersten kreativen Akt aufgefaßt. Die meisten schustern willkürlich Stücke der verschiedensten Genres zusammen, die ihnen persönlich liegen, ohne roten Faden, ohne Struktur. Man muß einräumen, daß dieses Vorgehen taktisch klug sein kann, wenn man sich nur wenig Zeit nimmt, um die Stücke intensiv durchzuarbeiten. Das Ergebnis ist aber, daß das Konzert einzig durch die Person des Prüflings zusammengehalten wird und die Werke selbst nur als Material gebraucht werden. Das widerstrebt mir. In meinem Prüfungskonzert will ich zwar zeigen, was ich gelernt habe, aber dazu gehört eben prinzipiell eines: Daß der Sänger dem Werk dient, d.h. der Musik und dem Gedicht. Nur wenige Sängerpersönlichkeiten halten den scharfen Blick auf ihre eigene Einzigartigkeit aus, wenn sie sich mit ihrer Individualität in den Vordergrund stellen und das Publikum mit ihrem Namen locken. Mittelmäßige Sänger wie ich dienen dem einzigartigen Werk, so gut sie eben können.

Deshalb also habe ich das Programm sehr bewußt zusammengestellt und genug Zeit eingeplant, um auch den schwierigen Stücken gerecht zu werden. Bei der Erstellung hatte ich von den Vorgaben der hiesigen Diplomprüfungsordnung auszugehen:

a. Das Programm dauert etwa 50 Minuten.

b. Kunstlied, Oratorium und Musiktheater müssen vertreten sein.

c. Es müssen außerdem vertreten sein: Barock, Klassik, Romantik/Impressionismus und Moderne/Gegenwart;

d. Die Oratorienarien müssen von zwei verschiedenen Komponisten stammen, darunter J.S. Bach;

e.  Schließlich werden zwei Lieder von F. Schubert erwartet.

Um eine Schusterei zu vermeiden, müßte ich eine begrenzte Zahl von konsistenten Programmteilen zusammenstellen. Die Teile selbst mußten natürlich ebenfalls einer Struktur folgen, für die sich aufgrund der Vorgabe c die historische Dimension anbot. Der barocke Teil mußte nun mindestens eine Oratorienarie von Bach enthalten, der romantische Teil zwei Lieder  von Schubert. Damit waren zugleich zwei von drei obligatorischen Genres abgedeckt. Es blieb das Musiktheater, welches mit der Klassik kombiniert den suchenden Blick auf Mozart lenkte, der meiner Stimme wie den meisten Singstimmen mittlerer Größe entgegenkam. Damit war einiges an Klarheit und viel an exquisiter Qualität garantiert: Bach für das barocke Oratorium, Mozart für die klassische Oper und Schubert für das romantische Kunstlied. Es schien mir eine gute Idee zu sein, in jedem Teil beim jeweils einem Komponisten zu bleiben, stellen sich doch auf diese Weise die Ohren aller (auch meine eigenen) auf einen bestimmten Kompositionsstil ein und nehmen die Details deutlicher war.

Es fehlte noch die Moderne, die eine zweite Oratorienarie enthalten mußte. Nun sind mir die meisten modernen Komponisten nicht recht zugänglich. Zu einem bestimmten anerkannten Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts habe ich jedoch eine persönliche, nämlich verwandtschaftliche Verbindung, und sein herber Ton entspricht meinem Temperament. Johannes Drießler ist vor allem durch sein Oratorium „Dein Reich komme“ von 1950 bekannt. Eine der wenigen abgeschlossenen solistischen Nummern daraus ist das Vaterunser, das entsprechend der Vox-Christi-Tradition für tiefe Männerstimme gesetzt ist. Daneben hat Drießler einige schöne und ausdrucksstarke Lieder geschrieben.

Damit stand also auch der vierte Teil fest, und ich konnte an die Stückauswahl gehen. An dieser Stelle kam nun meine eigene Erfahrung ins Spiel, welche Partien oder Texte mir persönlich lagen und mich genügend interessierten, um mich ein volles Jahr hindurch zu beschäftigen. Daneben achtete ich darauf, in jedem Teil einen gewissen textliche Zusammenhang zu schaffen. So handeltBei der Bestimmung der Reihenfolge der Stücke in jedem Teil versuchte ich schließlich, allzu schroffe Tonartwechsel zu vermeiden.

So entstand das folgende Programm mit dem Titel:
Glaube, Liebe, Hoffnung

Teil I
Bach: Matthäuspassion
1. Gebt mir meinen Jesum wieder
2. Am Abend, da es kühle war (Rez.)
3. Mache Dich, mein Herze, rein

Teil II
Mozart
1. Don Giovanni: Ho capito
2. La Clemenza di Tito: Tardi s’avvede d’un tradimento
3. Così fan tutte: Vorrei dir, e cor non ho
4. Le Nozze di Figaro: Tutto è disposto (Rez.) – Aprite un po‘ quegl’occhi

Teil III
Schubert
1. Der Musensohn
2. Der Sänger (mit Rez.)
3. An die Türen will ich schleichen
4. Der Leiermann

Teil IV
Driessler
1. Der Leiermann
2. Durch die Nacht
3. Die offene Tür

4. Dein Reich komme: Vaterunser (quasi Rez.)
[In dem Oratorium folgt auf das Christus-Wort der Choral „Vater unser im Himmelreich“ unisono; ich lasse in der Prüfung ein Vokalquartett die erste Strophe unsiono singen, wie Drießler es vorgesehen hat.

Darauf folgen attacca zwei weitere Strophen des gleichen Kirchenliedes auf den vierstimmigen Satz „Dein Will gescheh‘, Herr Gott, zugleich“ aus der Johannespassion von Bach.]

Wie man sieht, sind sogar die Zahlenverhältnisse ausbalanciert: Alle vier Komponisten tragen jeder vier Nummern bei, von denen jeweils eine ein Rezitativ ist oder rezitativische Anteile hat.
Bach vertritt das barocke Oratorium; die Texte sind bis auf einen von Picander und behandeln den Abschied vom geliebten Jesus.
Mozart vertritt die klassische Oper; die Texte sind bis auf einen von Da Ponte und behandeln die Wut über Untreue.
Schubert vertritt das romantische Lied; die Texte sind bis auf einen von Goethe und behandeln Glück und Elend des Sängers.
Driessler vertritt die Moderne, mit drei nüchtern-melancholischen Liedern nach Heribert Menzel und einem zentralen Stück Oratorium, über welches der Bogen zurück zum Bachschen Beginn geschlagen wird. Der Schlußpunkt wird nicht von mir allein gesetzt, sondern ich lasse meine Stimme als Chorbaß in einem Ensemble aufgehen.

Advertisements

Soweit ist alles klar und die Welt in Ordnung. Was aber ist mit einem Menschen, dem der Gesang nicht gegeben? Darf man hier mit der juristischen Denkfigur des Umkehrschlusses argumentieren und sagen: ‚Er schweige‘? Ich habe solch einen Schüler in meiner neuen Musikschulklasse. Er hat sage und schreibe fünf chromatische Halbtöne, die er nachsingen kann. Das ist ein Umfang von einer großen Terz. Normale trainierte Singstimmen bringen es auf zwei brauchbare Oktaven, das heißt sechsmal so viel wie dieser. Er braucht etwa zehn Versuche, um einfache Körperübungen korrekt zu imitieren, mit oder ohne verbale Hilfestellung. Sein Ohr ist musikalisch ungeübt. Drei Töne innerhalb seines beschränkten Umfangs nachzusingen ist eine schwierige Aufgabe. Bei der elementaren Gehörbildungsaufgabe, die Richtung eines sukzessiv gespielten oder gesungenen Intervalls (aufwärts oder abwärts) anzugeben, hat er eine Trefferquote von ca. 60 %. Sein Körper ist klein und verspannt, seine Sprechstimme gehemmt, mit hartem Einsatz und Absatz. Als ich ihn wegen der ungewöhnlichen Beschränkung des Umfangs zu einer mir bekannten Phoniaterin schickte, um die Kehlkopfmuskulatur auf Fehlfunktionen oder organische Schäden zu prüfen, kam er unverrichteter Dinge zurück: Sein Organismus war bei der Untersuchung derart nervös, daß die Ärztin ihre Linse selbst unter Zuhilfenahme eines Betäubungssprays nicht in den Rachen einführen konnte: Der Würgereiz war zu stark und ließ nicht nach.

Es geht mir hier keineswegs darum, seine Schwächen hervorzukehren, sondern um die Reflexion, ob ich bei dieser extrem ungünstigen Veranlagung überhaupt seriösen Gesangsunterricht anbieten kann. Normalerweise würde ich als verantwortlicher Gesangslehrer sagen: ‚Mensch, es gibt doch noch andere Hobbys.‘ Aber er will es, trotz meiner ehrlichen Rückmeldung. Und letztlich sehe ich dann doch einen Sinn in unserer Arbeit: Ein klein wenig hat sich seine Haltung verbessert, sein Körperbewußtsein und damit sein Selbst-Bewußtsein im buchstäblichen Sinne wächst langsam, aber stetig, inzwischen kann er sich sogar selbst im Spiegel ansehen. Mit Sprechstimmübungen motiviere ich ihn zu einer ungehemmten Lautäußerung, die Gehörbildungsübungen wecken seine Aufmerksamkeit für Klänge in seiner Umgebung. Das sind alles Schlüsselkompetenzen, die diesen jungen Mann ganz unabhängig vom Singen bereichern können. Ich werde also seinem Wunsch entsprechen und den Unterricht fortsetzen, in aller Geduld und ohne großen Leistungsanspruch. An der Frage nach einem stimmärztlichen Befund bleiben wir aber dran, und wenn sich beim nächsten Versuch ein Ergebnis feststellen läßt und der Vokalismuskel ist tatsächlich schadhaft, überweise ich ihn zur Behandlung an die Stimmärztin.

Man muß seine Grenzen kennen.

Ja, ich war Jesus…

5. April 2009

… in Bachs Matthäuspassion.

Nein, leider nicht in der Aufführung, aber immerhin als studentische Vertretung des verhinderten Bassisten in einer Registerprobe Orchester I – Streichertutti in einer der großen Kirchen meines Studienortes. Dort wurde ich also entjungfert, was das solistische Singen mit Orchester und Dirigentin angeht – und das ausgerechnet mit meiner Lieblingspartie aus dem Lieblingswerk meines Lieblingskomponisten! Da hat sich das Schicksal ja einen geistreichen Scherz erlaubt, würde ich sagen – wenn ich denn an die Vorsehung glaubte… Natürlich sind die Jesus-Rezitative noch zwei Nummern zu groß für mich, um sie öffentlich zu singen, aber ich bin ja auch noch keine dreißig, und das war ungefähr Jesu Lebensalter zur Zeit des Passionsgeschehens. Erstmal durfte ich lernen, daß man mit der (stilechten) Flexibilität des Metrums unter Begleitung eines Orchesters vorsichtiger sein muß, als wenn man das gleiche Rezitativ in der Korrepetition nur mit seinem vertrauten Pianisten singt. Auch Auftakte sind immer besonders deutlich anzuzeigen, wenn die Musiker, die darauf reagieren sollen, hinter einem sitzen. Nachdem wir diese Dinge geklärt hatten, verlief die einstündige Probe aber ganz befriedigend.

Die Aufführung selbst erlebte ich als Honorarverstärkung im Baß des Chores II mit, und wieder genoß ich im Eingangschor ein unbeschreibliches Hochgefühl, als über der komplexen Polyphonie von Orchester und vielstimmigem gemischten Chor ein Mädchenchor (in weißen Kleidern und mit Bändern im Haar) als neunte Vokalstimme den Choral „Oh Lamm Gottes unschuldig“ anstimmte. Das gleiche Gefühl hatte ich vor sechs Jahren gehabt, als ich das erste Mal die Matthäuspassion als Chorsänger erleben durfte – eine der Initialerfahrungen, die mich wenig später dazu motivierten, Musik zu studieren.

Seitdem habe ich meine Beziehung zu diesem Werk noch intensivieren können: An unserer Akademie gibt es einen hervorragenden Dozenten für Musikwissenschaft, der mit uns ein ganzes Semester lang jede Woche anderthalb Stunden damit verbrachte, die Bachsche Matthäuspassion von allen Seiten zu durchleuchten und zu betrachten, in ihrem musikhistorischen, theologischen, aufführungspraktischen Kontext und in allen textlichen und kompositorischen Details. Eine solche Beschäftigung führt keineswegs dazu, daß man des Stoffes irgendwann überdrüssig würde oder vor lauter satztechnischer und rhetorische Analyse die Ehrfurcht und Liebe für das Großwerk verlöre. Im Gegenteil steigt die Ehrfurcht noch, wenn man erfährt, wie dieses und jenes denn von Bach handwerklich „gemacht“ ist, denn die Elemente sind in derart genialer Weise miteinander verknüpft und auf das Ganze bezogen, daß man unentwegt neue Einzelheiten und Verbindungen entdeckt. Die dreistündige Aufführung ist mir dann auch wie im Fluge vergangen, da beim Mitlesen des Klavierauszuges jedes Rezitativ und jede Arie auf mehreren Ebenen Wichtiges und Schönes offenbarte, und ich möchte fast sagen: taktweise.

Da die Chorleiterin wußte, daß ich ein solches Seminar besucht und eine Hausarbeit über Bachs Passionen verfaßt hatte, tat sie mir auch die Ehre, mich den Einführungstext für das Konzertprogramm schreiben zu lassen. Da ich denke, daß sich hier noch mehr Leute für die Matthäuspassion interessieren als für mein persönliches Erlebnis damit, drucke ich ihn auch hier einmal ab und wünsche jedem, der die Matthäuspassion zufällig noch nicht kennt, sie zu hören, und jedem, der sie schon kennt, sich in sie zu vertiefen. Es kann den Glauben an Bach und die Aussagekraft seiner Musik nur stärken.

~

Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion

Die Matthäuspassion ist „nicht nur die umfangreichste Komposition Bachs in Bezug auf Spieldauer und Aufführungsapparat, sie gilt auch als die bedeutendste aller Passionsvertonungen und als eine der Gipfelleistungen abendländischer Kultur“ (Emil Platen).

Tatsächlich kann die Matthäuspassion auch innerhalb des hochstehenden Werkes Johann Sebastian Bachs als eine Frucht ausgereifter Meisterschaft gelten: Der Leipziger Thomaskantor schuf sein Opus Magnum 1727 auf der Grundlage der Kompositionserfahrung, die ihm zu Beginn seiner Amtstätigkeit einige Jahre zuvor die kleinere Johannespassion und seitdem mehrere vollständige Kantatenjahrgänge verschafft hatten.

Bestimmt war sie für den großen Karfreitagsgottesdienst. Aus diesem Gebrauchszweck erklärt sich auch die Zweiteilung des Werkes: Der erste Teil wurde vor der Predigt, der zweite danach musiziert. Bachs Absicht war es nicht, ein reines Kunstwerk für den Konzertbetrieb zu schaffen, sondern vielmehr die Verkündung und Illustration des Bibelworts vor einer realen Kirchengemeinde.

Der Bericht der Leidensgeschichte Jesu aus dem Matthäusevangelium bildet dementsprechend die textliche Basis dieser oratorischen Passion. Sie wird vom Tenorsolisten, dem Evangelisten, vorgetragen. Aus seiner leidenschaftlichdüsteren Erzählung strahlen die Christusworte mit ihrem charakteristischen Streicherteppich hervor, der wohl einen klanglichen Heiligenschein darstellt. Das wesentliche Geschehen um den leidenden Christus spielt sich in fünf Szenen ab: im Garten Gethsemane, vor den Hohepriestern, vor Pilatus, am Kreuz und am Grab. Im Vergleich mit dem Evangelientext der Johannespassion fällt vor allem auf, dass bei Matthäus zahlreiche lebendige Dialoge stattfinden. Die Matthäuspassion erscheint darum noch mehr als ihre ältere Schwester als ein bewegtes und bewegendes Drama.

Zwischen die Abschnitte des Evangelientextes sind Choralsätze eingefügt, die der Leipziger Gemeinde dem Text und der Melodie nach vertraut waren. Diese Cantus firmi aus dem 16. Jahrhundert sind in Bachs eigenhändig angefertigter, kalligraphischer Reinschrift der Passion, ebenso wie der Bibeltext, mit roter Tinte hervorgehoben. Bach kam es hier anscheinend nicht in erster Linie darauf an, was er selbst geleistet hatte: Heilig war ihm das Überlieferte und Allgemeingültige.

Um diese feststehenden Grundlagen herum wurden in Form von Rezitativen, Arien sowie den beiden Rahmenchören eigens hierfür verfasste Verse des Leipziger Dichters Picander angeordnet. Ihr Zweck ist es, die Affekte des einzelnen Gemeindemitgliedes bei der Betrachtung von Jesu Leiden exemplarisch auszudrücken.

Evangelista, Choräle und madrigalische Dichtung überspannen so die Jahrhunderte von der Lebenszeit Jesu über die Reformation bis zur Gegenwarts Bachs und der Besucher des Karfreitagsgottesdienstes. Die Texte aller drei Ebenen sind kunstvoll miteinander verknüpft. Viele Soli und Choräle können Figuren aus der biblischen Handlung zugeordnet werden, z.B. „Ich bin’s, ich sollte büßen“ und „Gebt mir meinen Jesum wieder“ (Judas), „Mache dich, mein Herze, rein“ (Joseph von Arimathia) oder auch das Rezitativ „Er hat uns allen wohlgetan“, mit dem der Sopran wie eine anonyme Anhängerin Jesu auf Pilatus’ „Was hat er denn Übels getan?“ gleichsam in die Szene hinein antwortet. Überhaupt ist die Matthäuspassion (auf allen drei genannten Textebenen) von gewichtigen und drängenden Fragen durchzogen, die teilweise unbeantwortet bleiben, in jedem Fall aber Spannung erzeugen und die Handlung vorantreiben. Weitere Beispiele sind die Einwürfe „Wen?“, „Wie?“, „Was?“ und „Wohin?“ im Eingangschor, der erste Choralsatz „Herzliebster Jesu, was hast Du verbrochen?“, das elfmalige „Herr, bin ich’s?“ und Judas’ einsames „Bin ich’s, Rabbi?“, die spätere, vielschichtige Gegenfrage „Mein Freund, warum bist Du kommen?“, das erregende „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden?“ u. v. m. Welche theologische Aussage in diesem Riesenwerk für Bach wesentlich war, ergibt sich nach einer Analyse des Bach-Forschers Friedrich Smend von 1928 aus der Anlage des Herzstücks der Passion. Wie in vielen anderen Kompositionen Bachs sind die Sätze unter bestimmten formalen und textlichen Gesichtspunkten symmetrisch um einen Kern, hier die Nr. 46-49 (vgl. Textteil) angeordnet. Bach und Picander setzen durch diese Einschachtelung einen Bedeutungsschwerpunkt auf die Feststellung, dass Jesus ohne eigene Schuld für die Menschheit gestorben ist.

Dieser Gedanke wird bereits im Eingangschor eingeführt, vor allem in dem (in Bachs Manuskript rot eingetragenen) Choral „O Lamm Gottes unschuldig, / am Stamm des Kreuzes geschlachtet“. Auch musikalisch enthält dieser erste Satz die Quintessenz der ganzen Passion. In der kompositorischen Struktur wird die Barform des Chorals (A-A’-B) und die arienhafte Da-Capo-Form der freien Dichtung (A-B-A’) übereinander geblendet. Zugleich stellt er einen gewaltigen Trauermarsch dar, eine aufgewühlte Menschenmenge, die sich in Gestalt der beiden vierstimmigen Chöre sammelt, um den Weg zu Jesu Kreuz nachzuvollziehen.

Auch die heutige Gemeinde darf sich durch Bachs unwiderstehliche Musik in diesen Menschenstrom hineingezogen fühlen.

Der Beruf des Gesangslehrers ist alt und ehrwürdig. Das wissen alle, die sich damit auskennen. Die meisten denken in diesem Zusammenhang aber zu kurz, nämlich nur wenige hundert Jahre, zurück in die Blütezeit des Belcanto, als die großen italienischen Gesangsmeister wie Nicola Porpora (1686-1768) wirkten. Wer die Geschichte der Gesangspädagogik intensiver studiert hat, weiß vielleicht noch von den Phonascern im alten Rom und die Unterscheidung des Quintilian (35-96) in den „Institutio oratorii“ zwischen dem Redner, der Ausdauer und große Stimmkraft benötige, und dem Sänger, dessen Stimme weich und sanft gemacht werden müsse.

Vor einigen Tagen war ich zum Abendessen bei einer bewundernswert gebildeten Gesangsprofessorin meiner Musikhochschule, die mich während unserer Konversation auf eine noch frühere Quelle zu unserem Beruf hinwies. Sie wurde vermutlich im 5. Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben und berichtet aus dem Israel König Davids, der angeblich um 1000 v. Chr. regierte. Die Rede ist vom 1. Buch der Chronik, wo es in der Beschreibung des Triumphzuges der Bundeslade nach Jerusalem im 15. Kapitel heißt:

Und David befahl den Obersten der Leviten, daß sie ihre Brüder, die Sänger, bestellen sollten mit Saitenspielen, mit Psaltern, Harfen und hellen Zimbeln, daß sie laut sängen und mit Freuden. […] Kenanja aber, der Leviten Oberster, der Singmeister, unterwies sie im Singen; denn er verstand sich darauf. […] Und David hatte ein Obergewand aus feinem Leinen an, desgleichen alle Leviten, die die Lade trugen, und die Sänger und Kenanja, der Oberste beim Gesang der Sänger; […].

(V. 16, 22, 27)

Mag hier auch der Gesangslehrer funktionell noch nicht vom Chorleiter und Vorsänger getrennt sein, so hat Kenanja doch ohne Zweifel auch die Tätigkeit eines Stimmbildners ausgeübt. Die Gesangspädagogik kann folglich auf eine mindestens dreitausendjährige Geschichte zurückblicken. Man darf stolz darauf sein, diesem Berufsstand anzugehören!

Der Mix macht’s

15. Februar 2009

Es gibt Körperschulen, die Sängern grundsätzlich mißtrauen einflößen können. Dazu gehört insbesondere die allgemein sehr erfolgreiche PILATES-Methode. Gerade diese haben wir unseren Kollegen Gesangslehrern gestern im Rahmen einer Regionalfortbildung vorgestellt. Tatsächlich gab es da aus dem Plenum kritische Anmerkungen, denn der rote Faden durch all unsere Übungen war das Halten des körperlichen Gleichgewichts in unterschiedlichen Positionen und Dehnkonfigurationen durch eine starke Anspannung der Bauchdecke. Von dort, aus dem Schwerpunkt des Körpers, sollte er zentriert und dadurch zugleich die Muskulatur trainiert werden. Da der Bauchmuskel in seiner starken Anspannung keine Tiefatmung zuläßt, wird die Atmung bei diesen Übungen in die Flanken verlagert.

Nun lautet das Credo der klassischen Gesangspädagogik, daß die Bauchdecke der Einatmungsspannung des Zwerchfells nichts entgegensetzen darf. Sie soll für die effektive Einatmung reflexartig abspannen, um den vom Zwerchfell bewegten Eingeweiden nachzugeben, so daß der Atem zwanglos in den Körper einfallen kann. Wie ist das mit dem Haltetraining und der Brustkorbatmung beim PILATES-Training zu vereinbaren?

Die Antwort ergab sich für mich implizit aus dem zweiten Teil der Fortbildung, der die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson zum Thema hatte. Das dort ausgiebig durchgeführte Prinzip lautet, daß ein Muskel, wenn er kurze Zeit bewußt stark kontrahiert und danach entspannt wurde, erstens entspannter ist als vor der Übung und zweitens (mit der Zeit) immer bewußter wahrgenommen wird.

Nun bekam auch das PILATES-Training einen neuen Sinn für Sänger: In Maßen ausgeführte Übungen mit starker Bauchdeckenspannung trainieren nicht etwa nur die Muskeln. Das Loslassen der Spannung nach der Übung lockert ihn. Außerdem schult das Training das Körperbewußtsein in diesem Bereich. Der Sänger nimmt langfristig deutlicher wahr, ob sich eine dem Singen hinderliche Bauchdeckenverspannung aufgebaut hat, und kann dem entgegenwirken.

Ich weiß nicht, ob diese Erkenntnis von der Dozentin in dieser Form intendiert war. Sie ist selbst keine ausgebildete Sängerin, und ich hielt es auch für angemessen, wenn ich Student mich in der Plenumsbesprechung nach der Fortbildung etwas zurückhalte, um nochmals gründlich über meine Einfälle nachzudenken. Aber auch hiernach erscheint mir der Gedanke schlüssig: Die Stimme ist ein derart komplexes und auch universelles Phänomen, das die widersprüchlichsten Prinzipien und Lehren in der richtigen Kombination und an der richtigen Stelle angewandt, ihre zielführende Nutzanwendung finden. Faszinierend!

Schöne Aussicht

1. Februar 2009

Am Donnerstag hatte ich ein Gespräch, das meine Zukunftsaussichten weiter aufgehellt hat: Vermittelt von einer guten Freundin hat mich mein erstes Stellenangebot an einer Musikschule erreicht. Noch geht es um nichts Großes, noch will man mich testen und bietet mir für den Anfang einen Unterrichtsraum für einen Nachmittag in der Woche an. Aber wer weiß, was mir das bedeutet: Ein Unterrichtsraum! Bisher unterrichte ich Gesang, wenn nicht als Stimmbildner bei Chören oder in den Gruppenkursen der Seniorenakademie, in meinem Kämmerlein, meiner Kombination aus Studentenbude und kleinbürgerlicher Einzimmer-Behausung, an einem billigen YAMAHA-Keyboard zwischen der Couch und den sieben Bücherregalen von IKEA. Daß diese Umgebung manche Schüler irritiert, ist klar, und mich selbst engt es auch ein, ganz buchstäblich. Die Musikschule bietet mir eine professionelle Arbeitsumgebung mit atmosphärischem polytonalen Geübe auf dem Flur, einem Unterrichtsraum ohne fachfremde Ablenkungen und – einem Traum von einem weißen Flügel. Da fühle ich mich ernstgenommen, da fühle ich mich inspiriert, da kann ich im Unterricht frei agieren. Vor allem vermittelt mir die Schule Gesangsklienten, die den Weg zu mir als freiberuflichem Einzelkämpfer nie gefunden hätten. Ich denke die ganze Zeit: Wenn das funktioniert, wenn der Nachmittag voll wird, wenn sie mir noch einen zweiten Tag einrichten… Wieviel näher kann mich das meinem Ziel bringen, mich ganz der Gesangspädagogik zu widmen? Doch, ich wage es, mir das auszumalen.

In zwei Wochen sind die ersten Probestunden mit neuen Schülern terminiert. Ich bin fest entschlossen, diese Chance zu nutzen.

Die lustigen Alten

7. Dezember 2008

Nein, der Titel ist nicht despektierlich gemeint. Ich spreche nicht von lächerlichem Verhalten, sondern von lebenslustigen Senioren, die ich in den vergangenen Wochen bei Gesangs-Gruppenkursen anleiten durfte.  Sie bestätigen meine Rede der vergangenen fünf Jahre, daß Singen nicht irgendeine Freizeitbeschäftigung ist, sondern an den physisch-seelischen Kern des Menschen rührt wie nichts anderes. Daß die Wirkung eines Gegenübers auf uns maßgeblich von Klang und Führung seiner Stimme abhängt, ist inzwischen allgemein anerkannt. Aber dieser Effekt tritt auch selbstbezüglich ein: Unser Selbstgefühl ändert sich, wenn wir unsere eigene Stimme anders erleben als bisher.

Durch körperliche Übungen, welche die Zwischenrippenmuskulatur, den geraden Bauchmuskel und die Beckenbodenmuskulatur gezielt aktivieren, setzt unsere Leiterin die Stimmen der Teilnehmer auf eine völlig neue Basis. Ich habe erlebt, wie kleingewachsene Rentnerinnen, die mit einer dünnen, hohen Greisenstimme zu sprechen gewohnt waren, plötzlich Töne produzierten, mit denen man eine kleine Kirche hätte füllen können – weil sie vom ganzen Körper unterstützt wurden. Und wie erschrocken war solch ein liebenswert-bescheidener Mensch nicht über das Kräftepotential, das sich in dieser Situation zeigte! Das beschränkte sich auch nicht auf die Lautstärke, sondern auf die ganze Haltung, die ja Voraussetzung für eine gute Atemführung und damit für eine kraftvolle Stimme ist: Unter der Anleitung unserer Professorin und ihres Teams werden die Teilnehmer buchstäblich mehrere Zentimeter größer. Und was diese Redewendung besagt, trifft hier auch voll und ganz zu. Gutes Stimmtraining richtet auf.

Hinzu kommt noch der seelentröstende Effekt für alte Menschen, die zu einem großen Teil auch alleine leben, wenn sie einmal die Woche in diese Gruppe kommen, in der sich durch die gemeinsamen, synchronisierten Bewegungen und das harmonische Vereinen der Stimme ganz instinktiv ein Zugehörigkeitsgefühl einstellt. Die Krönung ist natürlich dann das Singen von (stimmbildnerisch geeigneten) Advents- und Weihnachtsliedern, die den Teilnehmern seit ihrer Kindheit vertraut sind. Am Donnerstag findet das diesjährige Adventssingen statt, das die laufende Arbeitsphase befriedigend abschließt, bevor es bis Mitte Januar in eine Regenerationspause geht. Ich freue mich von Herzen auf die leuchtenden Augen der Sängerinnen und Sänger sowie die (alle Jahre wieder) angenehme Überraschung der Zuhörer, die von Seniorengruppen einen ganz anderen Klang erwarten als diese hier tatsächlich bietet.

Ich blicke zurück in meine Jugend und erinnere mich an die Bewohner des Altenheims, in dem ich mein Pflichtjahr als Pflegehelfer abgedient habe. Wieviel mehr an Vitalität, Selbstwertgefühl, Kommunikationsfähigkeit hätte man diesen Menschen erhalten können, wenn man ein- oder zweimal die Woche auf diese Weise die Wurzel ihrer Körperlichkeit gepflegt hätte? Nun, wird man hier einwenden, das waren doch aber Pflegefälle. Richtig, sage ich, aber man muß sich darüber im Klaren sein, daß das Leben in einem Altenpflegeheim, mag dieses noch so seriös geführt sein, den Bewohnern oft nicht gut tut und die Entwicklung zu einem schweren Pflegefall erst begünstigt. Ich habe viele Menschen gesehen, die mit Pflegestufe I in unser Heim eingezogen sind (aus Gründen der Vorsorge, und weil sie keine hilfsbereiten Verwandten in der Nähe hatten), und die innerhalb weniger Monate bettlägerig wurden. Platt ausgedrückt: Es ist langweilig dort, die Menschen werden nur wenig animiert, und die ständige Abhängigkeit von der Hilfe des Personals lähmt die Eigeninitiative. Dessen Überlastung trägt auch nicht dazu bei, die Stimmung in ihrem neuen Zuhause aufzuhellen – sofern man hier überhaupt von Zuhause im vollgültigen Sinne sprechen kann, denn Privatsphäre ist in einem Pflegeheim ein Fremdwort. Wer sich in einer solchen Umgebung unwohl und deprimiert fühlt, zu wenig angeregt wird und sich auch körperlich zu wenig bewegt, wird bald Pflegestufe II oder gar III erreichen. Ich bin überzeugt, daß man diesen Prozess wenigstens verlangsamen könnte, wenn die Bewohner mit Pflegestufe I stimmlich trainiert würden. Ein solches Training wäre weit effektiver als Ergotherapie mit Handarbeiten oder Brettspielen, weil die Stimme auch der alltäglichen Kommunikation dient. Es ist schwierig, einem Menschen zu geben, was er braucht, wenn man ihn kaum versteht.

Sicherlich ist mein Optimismus übertrieben. Aber ich bin ernstlich überzeugt, daß ein Unterrichts- und Trainingskonzept, wie ich es seit Anfang Oktober erlerne, die Lebensqualität vieler Menschen nachhaltig verbessern kann. Daß wäre in meinen Augen ein lohnendes Ziel, mit dem ich mich gerne identifiziere. Auf solche Arbeit habe ich Lust.

young@heart

26. Oktober 2008

„Im Herzen jung“, das ist der Name eines wunderbaren Films, den ich in vergangenen Woche im Kino gesehen habe und als eine große Bereicherung ansehe. Ja, ich möchte ihn in eine Reihe stellen mit „Rhythm is it“, „Wie im Himmel“, „Die Kinder des M. Mathieu“ und anderen berührenden Musikfilmen, welche den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Vitalität, Gemeinsinn, Lebensfreude und dem Musizieren in der Gruppe vor Augen führen.

Das Besondere an diesem Film ist die Tatsache, daß es hier um einen amerikanischen Chor geht, dessen Mitglieder durchschnittlich 80 Jahre alt sind – und der nicht etwa Volkslieder oder Messvertonungen singt, sondern Pop, Rock und Punk, und zwar mit Begeisterung. Dabei sind es keineswegs ausgeflippte Modesenioren, die ihr Altsein leugnen würden: Sie sind sich ihres körperlichen Verfalls durchaus bewußt, sie leben mit ihren eigenen Einschränkungen, witzeln gar darüber, nehmen aber auch Rücksicht auf die Gebrechen ihrer Kameraden.  Fragt man einzelne Chormitglieder nach ihrer bevorzugten Musik, dann erklären sie sich meist für klassische Musik. Aber ungeachtet all dessen schafft es der hochengagierte Chorleiter immer wieder, seine Sängerinnen und Sänger von Ungewohntem und Schwierigem zu begeistern, etwa von „Yes, I can can“ oder „Schizophrenia“. Auch, wenn das Gedächtnis manchmal nicht so schnell hinterherkommt, die Stimme eines Solisten in der Probe nicht so recht ansprechen will oder zum zehnten Mal der Text verwechselt wird – der Chorleiter und seine Leute bleiben beharrlich an der Sache dran, und in der Hochspannung des öffentlichen Auftritts klappt dann alles wie am Schnürchen.

Wenn man an Hochbetagte denkt, erscheinen einem jungen Menschen wie mir oft Bilder aus einem Altersheim: abgemagerte, apathische Bettlägerige, die nur noch auf das Ende warten und inzwischen mit Kartoffelbrei und Medikamenten gefüttert werden. Ich habe diese Seite der Wirklichkeit gesehen, als ich ein Jahr lang in einem Altenpflegeheim gedient habe. Dieser Film zeigt die andere Seite, nämlich wie gut es den Vitalkräften tut, wenn sie bis zuletzt gefordert werden. Der Leiter von „young@heart“ besitzt zwar eine Engelsgeduld und viel Verständnis für die Schwächen seiner Schützlinge, aber er arbeitet mit einem hohen Qualitätsanspruch und weiß den Chor auch entsprechend zu reizen, wenn mehr Leistung nötig ist. Die Chorsänger wiederum kennen ihn ja und haben auch genug Lebenserfahrung, um es richtig einzuordnen, wenn sie nach dem zwölften Texthänger mal etwas rauher angesprochen werden. Alle Beteiligten sind dabei ehrlich zueinander, was die Kommunikation unglaublich frei macht. Letztlich geht es allen um die gemeinsame Sache und darum, ihre eigene Begeisterung für das Singen auf die Besucher ihrer Konzerte zu übertragen.

Selbst traurige Ereignisse, die aber nun einmal zum Leben dazugehören, wie etwa der Tod von Mitsängern können sie davon nicht abhalten. Dies geschieht in diesem Film zweimal, und in beiden Fällen trifft es Menschen, die dem Zuschauer vorher durch besondere Begabungen und ihren Wert für die Gemeinschaft aufgefallen sind. Der Chor betrauert seine verlorenen Mitglieder offen, und es läßt sich erahnen, daß hinter manchem bekümmerten Blick auch der Gedanke steht: Wann bin ich selbst an der Reihe? Das Konzert wird trotzdem in aller beherzten Professionalität durchgezogen, die Toten ehrt man durch eine Ansage an das Publikum, und der inspirierte Vortrag von Songs mit passendem Text untermalt den Abschied von den alten Freunden stimmig.

Wer sich ein Bild von den Fähigkeiten dieser hochaktiven Senioren machen möchte, kann auf youtube unter „young@heart“ mehrere Musikvideos finden, die zwischen die dokumentarischen Teile des Films eingeschaltet sind. Sie sind sowohl in der gesanglichen Qualität als auch in der filmischen Umsetzung mehr als überzeugend.

Der Gedanke, den ich für mich aus diesem Film mitgenommen habe, ist tröstlich: Ich darf irgendwann alt sein. Ich darf schwach werden. Ich darf versagen.  All das läßt mein Potential, meinen Wert als Mitmensch, meine Würde unberührt. Ich habe grundsätzlich die Freiheit und die Chance, bis zum Ende wach und aktiv zu bleiben, wenn ich mich selbst niemals aufgebe, sondern Dinge tue, die meine Kräfte fordern und mir Lebensfreude schenken.

Jetzt verstehe ich auch den Erfolg der Senioren-Gruppenkurse, in denen ich seit letzter Woche als Co-Leiter angelernt werde. Diese alten Menschen haben zum Teil jahrzehntelang in Chören gesungen, der Gesang ist Teil ihrer Identität geworden, und die Chorgemeinschaft trägt sie seelisch mit. Plötzlich will die Stimme nicht mehr mitmachen, Verspannungen und fehlende Atemtechnik machen sich bemerkbar – die Chormitgliedschaft steht in Frage. Doch wie glücklich sind die Gesichter unserer Teilnehmer, wenn die klaren, körperorientierten Übungen unserer Chefin in der ganzen Gruppe die geraden Bauchmuskel aktivieren, die Kiefer lösen, die Konsonanten elastisch machen – nicht nur ist das klangliche Ergebnis um ein Vielfaches überzeugender, der singende Mensch fühlt seinen eigenen Körper auf diese Weise viel intensiver und erfährt seinen Gesang als etwas Elementares, das ihn mit seinen noch keineswegs verbrauchten Lebenskräften in Kontakt bringt.

Das Leben folgt keinen Klischees, es folgt den Gesetzen der Natur. Lebe, dann bleibst Du lebendig. Das sind für mich nun keine leeren Worte mehr, sondern eine lebendige Lehre, und auch der Film young@heart hat hierzu, genau zum richtigen Zeitpunkt, beigetragen.

Die Wonnen der Wissenschaft

19. Oktober 2008

Das schönste Erlebnis dieser Woche war für mich das Erscheinen eines längeren Berichts über ein Seminar in Schweden, das ich im Sommer besucht hatte. Nicht nur freute ich mich darüber, daß mein Artikel nun tatsächlich gedruckt wurde (ich hatte viel Arbeit in diese neun Seiten investiert); Ich genoß auch die Erinnerung an diese wunderbare Woche in Särmland.

Wir waren etwas über 20 Teilnehmer aus aller Welt, die meisten Europäer, aber auch eine Japanerin und ein US-Amerikaner. Unter der Leitung eines weltberühmten schwedischen Stimmforschers und eines deutschen Phoniaters betrachteten wir eine Woche lang die Singstimme aus allen möglichen Perspektiven.

Physiologisch nahmen wir sie mit den verschiedensten Geräten, Diagrammen und Begrifflichkeiten auseinander. Atmung, Tonerzeugung, Klangformung, Sprache, jeweils die wichtigen Muskeln, Räume, Bewegungen wurden klar benannt und in ihrer Funktion analysiert. Das Ergebnis, die menschliche Stimme, wurde aufgezeichnet, elektronisch verändert, mit Computertechnik synthetisiert. Es wurden aus Hartplastik Modelle von Rachen und Mundhöhle gebaut und die Vokalfarben verglichen; wir sangen in spezielle Mikrophone und schlossen aus den Veränderungen des Luftstroms auf die Bewegung der Muskeln im Kehlkopf; wir ließen uns kleine Kameras durch die Nase einführen und beobachteten die Stimmlippen in unseren eigenen Kehlen von oben bei der Erzeugung von Gesangstönen.

Auch an den Raum und die Schallwellen hatten die Kursplaner gedacht: Wie entstehen Klanglöcher in einem Konzertraum? Welche Auswirkungen haben schwere Vorhänge auf den Klang der Stimme in den Ohren der Hörer? Wie klingen wir direkt vor, neben und hinter unserem Kopf (und warum drehen sich Schauspieler und Sänger ohne Mikrophon so ungern vom Publikum weg?…) Das sind schon Fragen, die absolut relevant für die sängerische Praxis sind. Auch besondere Effekte des Chorgesangs auf die eigene Wahrnehmung wurden erörtert, die ja auf eine breite Basis von Laiensängern einwirken. Und alle anwesenden Sänger schrieben sehr aufmerksam mit, als unser Stimmarzt von den Lebensphasen und der klugen Behandlung der eigenen Stimme unter medizinischem Aspekt sprach.

Wir sangen aber auch selbst: Opernarien, Chorsätze, Soul- und Pop-Übungen, Kabarett und schwedische Folklore waren in dieser Woche zu hören. Es war einfach ein grandioses Programm, das in einer Formel aus dem letzten Vortrag gipfelte:

Die menschliche Stimme ist, in ihrer Funktion und ihrem Gebrauch, eine derart komplexe Erscheinung, daß keine Untersuchungsmethode, kein Modell und keine Lehre sie vollständig zu erfassen vermag. Sie ist einfach so stark mit der Vitalität des Menschen, seinem Körper und seinem sozialen Umfeld verbunden, daß jede mögliche Perspektive auf sie nur einen begrenzten Ausschnitt des ganzen Phänomens zeigt. Trotzdem ist es natürlich sinnvoll, alle diese Modelle und Betrachtungsweisen zu studieren und zu kennen, denn in ihrer Summe ergeben sie durchaus ein dreidimensionales Bild, das sich der Realität spürbar annähert. Auf dieser Grundlage kann man kompetente wissenschaftliche, therapeutische und gesangspädagogische Entscheidungen treffen.

Abgesehen von der großen Inspiration, die für alle Teilnehmer von der Fülle der aktuellen Erkenntnisse und ihrer Verknüpfung ausging, war die Umgebung einfach sehr menschenfreundlich. Anders hätten wir das sehr dicht durchgeplante Wochenprogramm auch gar nicht überstanden… Wir verbrachten die Zeit in einem abgelegenen schwedischen Landhaus, ganz traditionell mit dunkelroten Brettern und weißen Rahmen. Die Gastgeber waren unheimlich zugewandt, nach schwedischer Sitte duzten alle einander, nicht einmal der berühmte Professor nahm sich aus. Und das Essen war nicht nur reichlich und nahrhaft, sondern auch überaus wohlschmeckend. So macht Wissenschaft Freude, so sind Seele und Geist auch geöffnet für neue Gedanken und Meinungen und gestärkt genug, innerhalb einer Woche das ganze Spektrum der Stimmwissenschaft zu durchreisen.

Ich bin so dankbar, daß ich das erleben durfte!

Natürlich habe ich die Publikation gleich bei der VG Wort gemeldet und darf mich auf die Ausschüttung der Tantiemen für die Kopierrechte nächstes Jahr freuen. Dieses Mal hatte es für die Veröffentlichungen 2007 runde 50,00 EUR gegeben – mithin einen Kinobesuch mit Abendessen zu zweit. Auch solche Wonnen kann die Wissenschaft spenden…

Vom Zweck einer Fachtagung

11. Oktober 2008

Warum steht man als erwachsener, geistig gesunder Mensch, gerade von einer anstrengenden Reise heimgekehrt, morgens um 5:00 Uhr auf und fährt gleich zur nächsten Veranstaltung quer durch Norddeutschland? Nun, dafür gibt es mehrere vernünftige Gründe.

Zum ersten ist ein Fachkongress natürlich eine Quelle des Wissens. Gerade als Student gibt es noch viel Inhaltliches zu lernen. Und die Tagung, die ich heute besucht habe, bot von allem etwas: ein wissenschaftlich fundiertes Konzept für die Unterrichtspraxis (das vor Ort auch gleich an uns Teilnehmern ausprobiert wurde – singen macht wach!), die Vorstellung einer statistischen Studie über Stimmentwicklung (Gold für jemanden, der u.a. auch in einem großen Kinderchor unterrichtet), einen Vortrag aus einem angrenzenden Fachgebiet (um die Interdisziplinarität zu garantieren und das eigene Fach im größeren Zusammenhang einzuordnen) und schließlich eine Präsentation aus dem unerschöpflichen Schatz der Weltmusik, der auch innerhalb des Faches den Horizont erweitert.

Vom konkreten Inhaltlichen abgesehen ist es für einen Studenten, der später einmal selbst Vorträge halten und Seminare leiten will, von großem Wert, Vorbilder in Augenschein zu nehmen. Wissenschaftliche Standards, die geeignete Sprache für mündliche Ausführungen, Details des Auftretens sind nicht wirklich aus Lehrbüchern zu lernen, dafür braucht man gute und schlechte Beispiele. Es ist nicht gut, ebenso schnell zu sprechen wie man als wissenschaftlicher Kopf denkt. Es ist nicht gut, mit den Teilnehmern zu reden, während ein Demonstrationsvideoclip mit Musik und Sprecherkommentaren läuft – denn in diesem Fall nehmen die Zuhörer weder die Informationen aus dem Film noch die Einwürfe des Vortragenden auf. Es ist in dem Falle, daß zwei Referenten gemeinsam auftreten, vorteilhaft, wenn sie ihre Kleidung und mehr noch die Übergänge zwischen den Einzelbeiträgen sorgfältig abgestimmt haben. Das alles mag banal klingen und auch häufig in irgendwelchen Ratgebern stehen – in diesen Punkten kommt es doch immer wieder zu Unzulänglichkeiten, weil die Wissenschaftler andere Dinge im Kopf bewegen…

Zum dritten ist es eine gute Sache, Kollegen zu treffen, Hände zu schütteln, E-Mail-Adressen auszutauschen. Nicht nur die Arbeit eines Berufsverbandes profitiert von Vernetzungen unter engagierten Mitgliedern und der Weitergabe von Veranstaltungsterminen und organisatorischer Erfahrung: Auch persönlich empfinde ich es als eine große Bereicherung, mit eben solchen Menschen in Kontakt zu treten, die a. den Beruf ergriffen haben, den ich gerade lerne, und b. zu derartigen Veranstaltungen kommen. Es sind nämlich oft überdurchschnittlich aktive, informierte und erlebnisoffene Zeitgenossen, deren Gespräche äußerst anregend wirken.

So ging ich denn abends mit einem neuen Bekannten und einer alten Freundin, die vor Ort lebt, lecker italienisch essen und hatte viel Spaß in dieser Runde. So wurde dieser Kongreßtag angenehm abgerundet.

So kann es weitergehen.

Überstanden! Mein erster Gedanke nach dem heutigen Studentenkonzert war Erleichterung und eine tiefe Müdigkeit und Leere. Wir hatten ein ganzes Semester lang die Abgründe der Liedkomposition im 20. Jahrhundert erforscht und am Abschlußabend die ganze Palette angeboten: Wiener Schule, neues amerikanisches Lied,  Reimann, Stockhausen, Cage, zur Versöhnung am Ende ein Spätwerk von Mahler (ein Stück aus dem „Lied von der Erde“).

Ich selber quälte mich durch ein Lied von Webern, das natürlich ausschließlich aus Dissonanzen bestand. Es ist gleich, ob ich solche Musik höre oder singe: Ich verspanne mich innerlich und kann meine Stimme nicht mehr entfalten. Wie praktisch, daß die Dynamik des Stückes zwischen mezzopiano und pianississimo schwankte…

Mich selber innerlich auslachen mußte ich bei einem Werk nach Cage. Man muß schon sagen „nach Cage“ und nicht „von Cage“, da er für dieses „Solo for Voice“ aus den „Songbooks“ quasi nur eine Bastelanleitung bereitstellt, der gemäß die Ausführenden selbst ihre Partitur herstellen, mit zahlreichen Zufallselementen. Das Ergebnis war dann ein Ensemblestück, in welchem nach einer zufallsgenerierten Partitur auf willkürlich (und natürlich ohne Koordination mit den Mitsängern) festgelegten Vokalen und Konsonanten  improvisierte Töne gesungen wurden. Auch wurden dann und wann Geräuscheffekte eingemischt (z. B. Pferdeschnauben oder auf „s“ entweichende Luft). Nur die Zeitleiste wurde auf die Sekunde genau befolgt. Dieses Ereignis war gewiß lustig anzuhören und gab uns das Gefühl von Freiheit und fehlender Komponistenautorität. Natürlich hat das pädagogisch ein großen Nutzen und philosophisch eine gewisse Aussagekraft. Vom Musikalischen her fehlt mir bei solchen Dingen eindeutig die gestaltende und anordnende Kraft eines phantasiebegabten Geistes, die eine eigentliche Komposition ausmacht; ja, ich wage sogar zu sagen: welche eine Bedingung für ein wirkliches, ernstzunehmendes Kunstwerk ist.

Wirklich genossen habe ich nur den halben „Tierkreis“-Zyklus von Stockhausen. Dort beschreibt sich jedes Sternzeichen selbst mit einem astrologisch fundierten Text auf einer charakteristischen Melodie. Wir hatten im Seminar glücklicherweise Sänger, deren Sternzeichen gerade einen halben, zusammenhängenden Ausschnitt aus dem Tierkreis darstellten. Ich selber gab den Skorpion: „Wasser im Sturm. Mars, Pluto. Kämpfer stark. Zerstörende Gewalt, unermeßlich tief. Brennt, beißt, sticht – jagt, sucht den Kern aller Dinge. Selbstüberwindung als Sieger.“ Doch, dieses Stück hat mir etwas gesagt, und die Melodie war auch sofort nachfühlbar.

Ansonsten gab es bei mir mehrmals Kopfschmerzalarm.

Außer den aktiven Studenten und den beiden Seminarleitern waren sieben Zuhörer gekommen, davon zwei Lehrkräfte vom Kon und zwei Ehegatten. Neue Musik hat selbstverständlich ihre Reize, denen selbst ich konservativer Knochen mich nicht gänzlich entziehen konnte. Aber den meisten Menschen scheint doch andere Musik Freude zu machen. Man könnte jetzt die Gründe hinterfragen, darüber philosophieren, wie es idealerweise sein sollte; ich für meinen Teil ziehe es vor, diese Tatsache einfach hinzunehmen und mich weiterhin auf Schubertlieder, Mozartopern und Bachkantaten einzuschießen. Davon haben erfahrungsgemäß alle Beteiligten einfach mehr.

Avantgarde dürfen gerne andere spielen.

Szenisches

4. Oktober 2008

Warum eigentlich bin ich immer dann erkältet, wenn ein wichtiger Gesangsauftritt ansteht? Meine Nase ist zur Hälfte dicht, meine Ohren zu einem Viertel. Naja, solange die Stimmlippen nicht geschwollen sind und gut schließen…

Heute Abend nehme ich an einem schönen Konzert teil, das hauptsächlich von fortgeschrittenen Schülern einer hervorragenden privaten Musikschule bestritten wird. Da dort aber vorwiegend Soprane singen, flankiert von wenigen Alti und vereinzelten Tenören, hat man meinen Bariton als Ergänzung hinzugekauft. Es gibt eben viele wunderbare Duette für Sopran und Bariton, auf die man bei solch einer Gelegenheit nicht wirklich verzichten kann.

Es wird z. B. viel Mozart geben. Ich singe Don Giovanni (der draufgängerisch die naive Zerlina verführt) und Figaro (der heimwerkermäßig-pantoffelheldisch das Zimmer für das neue Ehebett vermißt, während seine Verlobte Beachtung einfordert), außerdem Don Alfonso, den einsamen alten Philosophen, der zwei junge Pärchen mit seinen Intrigen an der Nase herumführt… C’est la vie.

Unterhaltsam ist auch der Streit von Annie und Frank aus dem Musical „Annie Get Your Gun“ von Irving Berlin. „Anything you can do I can do better“ lautet die erste Zeile und das Programm des Stückes, in dem Zicke und Streithammel darum wetteifern, sich gegenseitig zu übertreffen (im hoch Singen, im leise Singen, im Ton Aushalten, im schnell Sprechen, im süßlich Singen, im Angeben). Es ist klar, daß sie sich am Ende des Musicals kriegen werden.

Das schwierigste Stück heute Abend wird aber das Schmugglerquintett aus Bizets „Carmen“ sein. In dieser Szene tritt der Chef einer Schmugglerbande (ich) mit einem Kumpanen (der Tenor) an Carmen und zwei ihrer Freundinnen heran und will sie für ein krummes Ding gewinnen. Da kommen nun alle sängerischen Herausforderungen zusammen: hoch und laut, hoch und leise, leise und schnell, schnell und deutlich gesprochen. Außerdem ist das Stück etwas länglich und gelingt nur bei lebendigem Schauspiel. Wir werden unser Bestes tun.

Und ich gieße mir jetzt einen Tee auf und gurgele mit Salzwasser.

Über mir

3. Oktober 2008

Nein, ich habe nie in Berlin gelebt, obwohl meine Vorfahren in der Stammlinie (das sind diejenigen Ahnen, von denen ich meinen Familiennamen geerbt habe) in Berlin und Brandenburg ansässig waren.

Trotzdem schreibe ich „Über mir“ und nicht „Über mich“, zum einen, weil ich Individualist bin, zum anderen, weil ich gerne mit Worten spiele, und zum dritten, weil ich letztlich sagen will: Über mir wölbt sich nur der blaue Himmel.

Ich weiß, daß viele vieles besser können als ich, und ich lerne gerne von ihnen. Ich weiß, daß manche manchmal Entscheidungen treffen, von denen ich betroffen bin. Ich akzeptiere sie, solange sie gerecht sind. Und es gibt einige Menschen, denen ich begegnet bin, die mir ehrlichen Respekt abnötigen.

Im Ganzen gesehen erkenne ich aber über mir niemanden an. Ich bin ein freier Mann, und ich gestalte mein Leben aktiv und zielbewußt.

Ich übe einen Beruf aus, in welchem sachliche Unabhängigkeit gesetzlich garantiert ist und ich selbst Entscheidungen treffe, mit denen andere dann leben müssen. Mir redet niemand hinein. Zugleich halte ich eine sichere Stellung auf Lebenszeit oder wie lange auch immer ich es will.

Vorrangig aber studiere ich Musik in verschiedenen Fachrichtungen, die mir alle ein hohes Maß an Gestaltungsfreiheit lassen.

Ich mache eine Gesangsausbildung an einem Konservatorium. Dort und in meinen literarischen Nebenstunden genieße ich künstlerische Freiheit im Umgang mit den schönen Dingen des Lebens.

Ich werde zum Musiklehrer ausgebildet. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem Gesangsunterricht, eine wunderbare Beschäftigung für jemanden, der schöne Töne liebt und solche gern aus anderen Menschen hervorholt.

Ich baue ab diesem Semester auch die musikwissenschaftliche Perspektive unter professoraler Anleitung aus. Musik gibt mir zwar die Freiheit, mich als Hörer darin fallen zu lassen oder als Sänger damit zu verschmelzen. Aber ich denke auch mit großem Vergnügen nach, am liebsten über Dinge, die mir wichtig sind. Wichtig sind uns aber natürlicherweise, was starke Gefühle in uns erregt. So geht es mir mit der Musik.

Das klingt nun alles sehr selbstbezogen. Aber mein Ethos befiehlt mir auch, mich in Arbeiten zum Wohl der Gemeinschaft einzubringen. Da mich aber die politischen Parteien alle nicht so recht überzeugen können, habe ich mich für das Tätigkeitsfeld der Berufsverbände entschieden. Schon während meines juristischen Fachhochschulstudiums war ich in mehreren Verbänden engagiert und habe es dort bis zum stellvertretenden Landesvorsitzenden gebracht. Nachdem ich den Kurswechsel in das gelobte Land der Musik eingeleitet habe, bin ich zum Berufsverband meiner zukünftigen Kollegen übergelaufen. Daraus sind mir schöne Aufgaben und Erlebnisse zuteil geworden, und ich glaube, daß meine Arbeit auch zum Glück anderer ein klein wenig beigetragen hat.

So ist mein Leben zur Zeit sehr voll, aber noch sind die Wellen nicht über mir zusammengeschlagen. Es kommt vor, daß ich ins Schwimmen komme, meistens aber steuere ich mein Lebensschiff sicher durch den Ozean der Welt.

Und über mir wölbt sich der blaue Himmel.

Bach in h-Moll

2. Oktober 2008

Nicht zufällig ist die Musik von Johann Sebastian Bach für mich die Krone der kompositorischen Schöpfung. Ich bin in meiner Gesangsausbildung noch nicht weit genug gekommen, um Bach solistisch zu singen; aber als Teil eines Chores die großen Werke des Meisters buchstäblich im eigenen Leib zu erleben, ist auch bereits eine große Freude.

Dazu muß man wissen, daß die Chorpartien Bachs kaum weniger stimmtechnische Anforderungen stellen als die Soloarien. Es kommen sogar, vielleicht vom Sopran abgesehen, noch mehr irrsinnige, nur durch die ausgefeilte Harmonik zu begründende Sprünge darin vor als in den melodiöser angelegten Ariengesängen.

Nachdem ich nun die Matthäus- und die Johannespassion, einige der über 200 Kantaten sowie fünf der herrlichen Motetten je einmal und das Weihnachtsoratorium fünfmal gesungen habe (davon einmal alle sechs Kantaten an einem Abend!), kommt heute die h-Moll-Messe auf meine Meritenliste. Einer meiner Lehrer am Konservatorium berichtete mir einmal von einem geflügelten Wort: Die Passionen Bachs seien die musikalische Zusammenfassung der Kantaten, die h-Moll-Messe aber die Zusammenfassung der Passionen. Ein kundiger Chorbruder wandte hiergegen ein, die Passionen seien doch eher dramatisch geprägt und der Chor in den Turbae in einer bestimmten Rolle innerhalb der fortlaufenden Handlung (Jünger, Schriftgelehrte, Volk etc.), während in der Messe nur Betrachtungen und Glaubenssätze gesungen werden. Das stimmt. Trotzdem kommen alle Affekte, die in den Passionen vertont werden, auch in der Messe vor, wenn auch mit anderer Gewichtung, denn natürlich gibt es hier mehr Jubel und dort mehr Zorn und Trauer. Vorhanden ist aber alles. Davon abgesehen ging es bei dem zitierten Lehrmodell ja auch um die kompositorische Kunstfertigkeit – und da ist die h-Moll-Messe tatsächlich eine Art Zusammenfassung, z.B. hinsichtlich der Stile. Einige Sätze stehen im zu Bachs Zeit modernen Stil, mit viel Koloratur, Sprüngen, differenzierter Harmonik. Viele Stücke nähern sich aber der Schreibart der Renaissance und des Frühbarock an, mit langen Notenwerten und sanglichen Linien – dies trifft vor allem auf die zentralen Bekenntnissätze des alten lateinischen Credo zu („Credo in unum Deum“ und „Confiteor unum baptisma“). Schließlich schreibt Bach im leichten, galanten Stil, der zu seiner Zeit allmählich in Mode kam und bald den komplizierten modernen Stil verdrängen sollte. Bach hat auch diesen eingängigen Stil beherrscht und kunstvoll gestaltet. Er war nicht der trockene Theoretiker, als den ihn manche darstellen, er war Vollblutmusiker, bei aller verstandesmäßigen Genialität doch bewegt von dem zarten Empfinden für die passenden Mittel und Farben, bei aller Kenntnis der Alten Meister doch immer offen für Neues.

Mit Bach, das Wortspiel sei gestattet, kann sich keiner messen.