young@heart

26. Oktober 2008

„Im Herzen jung“, das ist der Name eines wunderbaren Films, den ich in vergangenen Woche im Kino gesehen habe und als eine große Bereicherung ansehe. Ja, ich möchte ihn in eine Reihe stellen mit „Rhythm is it“, „Wie im Himmel“, „Die Kinder des M. Mathieu“ und anderen berührenden Musikfilmen, welche den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Vitalität, Gemeinsinn, Lebensfreude und dem Musizieren in der Gruppe vor Augen führen.

Das Besondere an diesem Film ist die Tatsache, daß es hier um einen amerikanischen Chor geht, dessen Mitglieder durchschnittlich 80 Jahre alt sind – und der nicht etwa Volkslieder oder Messvertonungen singt, sondern Pop, Rock und Punk, und zwar mit Begeisterung. Dabei sind es keineswegs ausgeflippte Modesenioren, die ihr Altsein leugnen würden: Sie sind sich ihres körperlichen Verfalls durchaus bewußt, sie leben mit ihren eigenen Einschränkungen, witzeln gar darüber, nehmen aber auch Rücksicht auf die Gebrechen ihrer Kameraden.  Fragt man einzelne Chormitglieder nach ihrer bevorzugten Musik, dann erklären sie sich meist für klassische Musik. Aber ungeachtet all dessen schafft es der hochengagierte Chorleiter immer wieder, seine Sängerinnen und Sänger von Ungewohntem und Schwierigem zu begeistern, etwa von „Yes, I can can“ oder „Schizophrenia“. Auch, wenn das Gedächtnis manchmal nicht so schnell hinterherkommt, die Stimme eines Solisten in der Probe nicht so recht ansprechen will oder zum zehnten Mal der Text verwechselt wird – der Chorleiter und seine Leute bleiben beharrlich an der Sache dran, und in der Hochspannung des öffentlichen Auftritts klappt dann alles wie am Schnürchen.

Wenn man an Hochbetagte denkt, erscheinen einem jungen Menschen wie mir oft Bilder aus einem Altersheim: abgemagerte, apathische Bettlägerige, die nur noch auf das Ende warten und inzwischen mit Kartoffelbrei und Medikamenten gefüttert werden. Ich habe diese Seite der Wirklichkeit gesehen, als ich ein Jahr lang in einem Altenpflegeheim gedient habe. Dieser Film zeigt die andere Seite, nämlich wie gut es den Vitalkräften tut, wenn sie bis zuletzt gefordert werden. Der Leiter von „young@heart“ besitzt zwar eine Engelsgeduld und viel Verständnis für die Schwächen seiner Schützlinge, aber er arbeitet mit einem hohen Qualitätsanspruch und weiß den Chor auch entsprechend zu reizen, wenn mehr Leistung nötig ist. Die Chorsänger wiederum kennen ihn ja und haben auch genug Lebenserfahrung, um es richtig einzuordnen, wenn sie nach dem zwölften Texthänger mal etwas rauher angesprochen werden. Alle Beteiligten sind dabei ehrlich zueinander, was die Kommunikation unglaublich frei macht. Letztlich geht es allen um die gemeinsame Sache und darum, ihre eigene Begeisterung für das Singen auf die Besucher ihrer Konzerte zu übertragen.

Selbst traurige Ereignisse, die aber nun einmal zum Leben dazugehören, wie etwa der Tod von Mitsängern können sie davon nicht abhalten. Dies geschieht in diesem Film zweimal, und in beiden Fällen trifft es Menschen, die dem Zuschauer vorher durch besondere Begabungen und ihren Wert für die Gemeinschaft aufgefallen sind. Der Chor betrauert seine verlorenen Mitglieder offen, und es läßt sich erahnen, daß hinter manchem bekümmerten Blick auch der Gedanke steht: Wann bin ich selbst an der Reihe? Das Konzert wird trotzdem in aller beherzten Professionalität durchgezogen, die Toten ehrt man durch eine Ansage an das Publikum, und der inspirierte Vortrag von Songs mit passendem Text untermalt den Abschied von den alten Freunden stimmig.

Wer sich ein Bild von den Fähigkeiten dieser hochaktiven Senioren machen möchte, kann auf youtube unter „young@heart“ mehrere Musikvideos finden, die zwischen die dokumentarischen Teile des Films eingeschaltet sind. Sie sind sowohl in der gesanglichen Qualität als auch in der filmischen Umsetzung mehr als überzeugend.

Der Gedanke, den ich für mich aus diesem Film mitgenommen habe, ist tröstlich: Ich darf irgendwann alt sein. Ich darf schwach werden. Ich darf versagen.  All das läßt mein Potential, meinen Wert als Mitmensch, meine Würde unberührt. Ich habe grundsätzlich die Freiheit und die Chance, bis zum Ende wach und aktiv zu bleiben, wenn ich mich selbst niemals aufgebe, sondern Dinge tue, die meine Kräfte fordern und mir Lebensfreude schenken.

Jetzt verstehe ich auch den Erfolg der Senioren-Gruppenkurse, in denen ich seit letzter Woche als Co-Leiter angelernt werde. Diese alten Menschen haben zum Teil jahrzehntelang in Chören gesungen, der Gesang ist Teil ihrer Identität geworden, und die Chorgemeinschaft trägt sie seelisch mit. Plötzlich will die Stimme nicht mehr mitmachen, Verspannungen und fehlende Atemtechnik machen sich bemerkbar – die Chormitgliedschaft steht in Frage. Doch wie glücklich sind die Gesichter unserer Teilnehmer, wenn die klaren, körperorientierten Übungen unserer Chefin in der ganzen Gruppe die geraden Bauchmuskel aktivieren, die Kiefer lösen, die Konsonanten elastisch machen – nicht nur ist das klangliche Ergebnis um ein Vielfaches überzeugender, der singende Mensch fühlt seinen eigenen Körper auf diese Weise viel intensiver und erfährt seinen Gesang als etwas Elementares, das ihn mit seinen noch keineswegs verbrauchten Lebenskräften in Kontakt bringt.

Das Leben folgt keinen Klischees, es folgt den Gesetzen der Natur. Lebe, dann bleibst Du lebendig. Das sind für mich nun keine leeren Worte mehr, sondern eine lebendige Lehre, und auch der Film young@heart hat hierzu, genau zum richtigen Zeitpunkt, beigetragen.