Programmkomposition

24. Mai 2009

Mein Studium endet. Dieses Jahr gehe ich über die lang ersehnte Ziellinie, etwas erschöpft, aber als Sieger. Drei große Aufgaben muß ich noch bewältigen, dann bin ich wirklich Gesangspädagoge.

Die erste Aufgabe wird die methodische Prüfung nächste Woche sein. Sie beinhaltet, zwei Lehrproben vorzuführen, einen Kurzvortrag zu halten und ein Kolloquium mit der dreiköpfigen Kommission zu bestreiten.

Die zweite Aufgabe ist der wissenschaftliche Teil der Abschlußprüfung, die Diplomarbeit. In den Sommerferien werde ich ca. 40 Seiten über ein stimmphysiologisches Thema schreiben, wofür ich bereits jetzt fleißig Lehrbücher und Fachaufsätze zusammentrage.

Die dritte Aufgabe ist die künstlerische Prüfung, das Abschlußkonzert, in dem ich 50 Minuten solistische Vokalmusik darbieten darf.

Diese letztere hat mich heute sehr beschäftigt, weil morgen die erste Durchlaufprobe mit dem Pianisten unter Beisein meines Hauptfachlehrers stattfinden wird. Das Programm selbst steht bereits seit einem halben Jahr im Wesentlichen fest. Bevor aber die musikalische Gestaltung, die Textinterpretation, die darstellerische Interpretation vor allem der Opernarien und Balladen ausgearbeitet sind, gehen Monate ins Land, vom memorieren der Stücke ganz zu schweigen. Morgen also werde ich erstmals versuchen, eine Dreiviertelstunde lang auswendig zu singen, davon ein Viertel auf italienisch, und dabei bis zum Schluß eine optimale Körperspannung und sinnliche Konzentration zu behalten.

Anders als die meisten Prüflinge habe ich aber schon die Programmgestaltung als ersten kreativen Akt aufgefaßt. Die meisten schustern willkürlich Stücke der verschiedensten Genres zusammen, die ihnen persönlich liegen, ohne roten Faden, ohne Struktur. Man muß einräumen, daß dieses Vorgehen taktisch klug sein kann, wenn man sich nur wenig Zeit nimmt, um die Stücke intensiv durchzuarbeiten. Das Ergebnis ist aber, daß das Konzert einzig durch die Person des Prüflings zusammengehalten wird und die Werke selbst nur als Material gebraucht werden. Das widerstrebt mir. In meinem Prüfungskonzert will ich zwar zeigen, was ich gelernt habe, aber dazu gehört eben prinzipiell eines: Daß der Sänger dem Werk dient, d.h. der Musik und dem Gedicht. Nur wenige Sängerpersönlichkeiten halten den scharfen Blick auf ihre eigene Einzigartigkeit aus, wenn sie sich mit ihrer Individualität in den Vordergrund stellen und das Publikum mit ihrem Namen locken. Mittelmäßige Sänger wie ich dienen dem einzigartigen Werk, so gut sie eben können.

Deshalb also habe ich das Programm sehr bewußt zusammengestellt und genug Zeit eingeplant, um auch den schwierigen Stücken gerecht zu werden. Bei der Erstellung hatte ich von den Vorgaben der hiesigen Diplomprüfungsordnung auszugehen:

a. Das Programm dauert etwa 50 Minuten.

b. Kunstlied, Oratorium und Musiktheater müssen vertreten sein.

c. Es müssen außerdem vertreten sein: Barock, Klassik, Romantik/Impressionismus und Moderne/Gegenwart;

d. Die Oratorienarien müssen von zwei verschiedenen Komponisten stammen, darunter J.S. Bach;

e.  Schließlich werden zwei Lieder von F. Schubert erwartet.

Um eine Schusterei zu vermeiden, müßte ich eine begrenzte Zahl von konsistenten Programmteilen zusammenstellen. Die Teile selbst mußten natürlich ebenfalls einer Struktur folgen, für die sich aufgrund der Vorgabe c die historische Dimension anbot. Der barocke Teil mußte nun mindestens eine Oratorienarie von Bach enthalten, der romantische Teil zwei Lieder  von Schubert. Damit waren zugleich zwei von drei obligatorischen Genres abgedeckt. Es blieb das Musiktheater, welches mit der Klassik kombiniert den suchenden Blick auf Mozart lenkte, der meiner Stimme wie den meisten Singstimmen mittlerer Größe entgegenkam. Damit war einiges an Klarheit und viel an exquisiter Qualität garantiert: Bach für das barocke Oratorium, Mozart für die klassische Oper und Schubert für das romantische Kunstlied. Es schien mir eine gute Idee zu sein, in jedem Teil beim jeweils einem Komponisten zu bleiben, stellen sich doch auf diese Weise die Ohren aller (auch meine eigenen) auf einen bestimmten Kompositionsstil ein und nehmen die Details deutlicher war.

Es fehlte noch die Moderne, die eine zweite Oratorienarie enthalten mußte. Nun sind mir die meisten modernen Komponisten nicht recht zugänglich. Zu einem bestimmten anerkannten Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts habe ich jedoch eine persönliche, nämlich verwandtschaftliche Verbindung, und sein herber Ton entspricht meinem Temperament. Johannes Drießler ist vor allem durch sein Oratorium „Dein Reich komme“ von 1950 bekannt. Eine der wenigen abgeschlossenen solistischen Nummern daraus ist das Vaterunser, das entsprechend der Vox-Christi-Tradition für tiefe Männerstimme gesetzt ist. Daneben hat Drießler einige schöne und ausdrucksstarke Lieder geschrieben.

Damit stand also auch der vierte Teil fest, und ich konnte an die Stückauswahl gehen. An dieser Stelle kam nun meine eigene Erfahrung ins Spiel, welche Partien oder Texte mir persönlich lagen und mich genügend interessierten, um mich ein volles Jahr hindurch zu beschäftigen. Daneben achtete ich darauf, in jedem Teil einen gewissen textliche Zusammenhang zu schaffen. So handeltBei der Bestimmung der Reihenfolge der Stücke in jedem Teil versuchte ich schließlich, allzu schroffe Tonartwechsel zu vermeiden.

So entstand das folgende Programm mit dem Titel:
Glaube, Liebe, Hoffnung

Teil I
Bach: Matthäuspassion
1. Gebt mir meinen Jesum wieder
2. Am Abend, da es kühle war (Rez.)
3. Mache Dich, mein Herze, rein

Teil II
Mozart
1. Don Giovanni: Ho capito
2. La Clemenza di Tito: Tardi s’avvede d’un tradimento
3. Così fan tutte: Vorrei dir, e cor non ho
4. Le Nozze di Figaro: Tutto è disposto (Rez.) – Aprite un po‘ quegl’occhi

Teil III
Schubert
1. Der Musensohn
2. Der Sänger (mit Rez.)
3. An die Türen will ich schleichen
4. Der Leiermann

Teil IV
Driessler
1. Der Leiermann
2. Durch die Nacht
3. Die offene Tür

4. Dein Reich komme: Vaterunser (quasi Rez.)
[In dem Oratorium folgt auf das Christus-Wort der Choral „Vater unser im Himmelreich“ unisono; ich lasse in der Prüfung ein Vokalquartett die erste Strophe unsiono singen, wie Drießler es vorgesehen hat.

Darauf folgen attacca zwei weitere Strophen des gleichen Kirchenliedes auf den vierstimmigen Satz „Dein Will gescheh‘, Herr Gott, zugleich“ aus der Johannespassion von Bach.]

Wie man sieht, sind sogar die Zahlenverhältnisse ausbalanciert: Alle vier Komponisten tragen jeder vier Nummern bei, von denen jeweils eine ein Rezitativ ist oder rezitativische Anteile hat.
Bach vertritt das barocke Oratorium; die Texte sind bis auf einen von Picander und behandeln den Abschied vom geliebten Jesus.
Mozart vertritt die klassische Oper; die Texte sind bis auf einen von Da Ponte und behandeln die Wut über Untreue.
Schubert vertritt das romantische Lied; die Texte sind bis auf einen von Goethe und behandeln Glück und Elend des Sängers.
Driessler vertritt die Moderne, mit drei nüchtern-melancholischen Liedern nach Heribert Menzel und einem zentralen Stück Oratorium, über welches der Bogen zurück zum Bachschen Beginn geschlagen wird. Der Schlußpunkt wird nicht von mir allein gesetzt, sondern ich lasse meine Stimme als Chorbaß in einem Ensemble aufgehen.

Überstanden! Mein erster Gedanke nach dem heutigen Studentenkonzert war Erleichterung und eine tiefe Müdigkeit und Leere. Wir hatten ein ganzes Semester lang die Abgründe der Liedkomposition im 20. Jahrhundert erforscht und am Abschlußabend die ganze Palette angeboten: Wiener Schule, neues amerikanisches Lied,  Reimann, Stockhausen, Cage, zur Versöhnung am Ende ein Spätwerk von Mahler (ein Stück aus dem „Lied von der Erde“).

Ich selber quälte mich durch ein Lied von Webern, das natürlich ausschließlich aus Dissonanzen bestand. Es ist gleich, ob ich solche Musik höre oder singe: Ich verspanne mich innerlich und kann meine Stimme nicht mehr entfalten. Wie praktisch, daß die Dynamik des Stückes zwischen mezzopiano und pianississimo schwankte…

Mich selber innerlich auslachen mußte ich bei einem Werk nach Cage. Man muß schon sagen „nach Cage“ und nicht „von Cage“, da er für dieses „Solo for Voice“ aus den „Songbooks“ quasi nur eine Bastelanleitung bereitstellt, der gemäß die Ausführenden selbst ihre Partitur herstellen, mit zahlreichen Zufallselementen. Das Ergebnis war dann ein Ensemblestück, in welchem nach einer zufallsgenerierten Partitur auf willkürlich (und natürlich ohne Koordination mit den Mitsängern) festgelegten Vokalen und Konsonanten  improvisierte Töne gesungen wurden. Auch wurden dann und wann Geräuscheffekte eingemischt (z. B. Pferdeschnauben oder auf „s“ entweichende Luft). Nur die Zeitleiste wurde auf die Sekunde genau befolgt. Dieses Ereignis war gewiß lustig anzuhören und gab uns das Gefühl von Freiheit und fehlender Komponistenautorität. Natürlich hat das pädagogisch ein großen Nutzen und philosophisch eine gewisse Aussagekraft. Vom Musikalischen her fehlt mir bei solchen Dingen eindeutig die gestaltende und anordnende Kraft eines phantasiebegabten Geistes, die eine eigentliche Komposition ausmacht; ja, ich wage sogar zu sagen: welche eine Bedingung für ein wirkliches, ernstzunehmendes Kunstwerk ist.

Wirklich genossen habe ich nur den halben „Tierkreis“-Zyklus von Stockhausen. Dort beschreibt sich jedes Sternzeichen selbst mit einem astrologisch fundierten Text auf einer charakteristischen Melodie. Wir hatten im Seminar glücklicherweise Sänger, deren Sternzeichen gerade einen halben, zusammenhängenden Ausschnitt aus dem Tierkreis darstellten. Ich selber gab den Skorpion: „Wasser im Sturm. Mars, Pluto. Kämpfer stark. Zerstörende Gewalt, unermeßlich tief. Brennt, beißt, sticht – jagt, sucht den Kern aller Dinge. Selbstüberwindung als Sieger.“ Doch, dieses Stück hat mir etwas gesagt, und die Melodie war auch sofort nachfühlbar.

Ansonsten gab es bei mir mehrmals Kopfschmerzalarm.

Außer den aktiven Studenten und den beiden Seminarleitern waren sieben Zuhörer gekommen, davon zwei Lehrkräfte vom Kon und zwei Ehegatten. Neue Musik hat selbstverständlich ihre Reize, denen selbst ich konservativer Knochen mich nicht gänzlich entziehen konnte. Aber den meisten Menschen scheint doch andere Musik Freude zu machen. Man könnte jetzt die Gründe hinterfragen, darüber philosophieren, wie es idealerweise sein sollte; ich für meinen Teil ziehe es vor, diese Tatsache einfach hinzunehmen und mich weiterhin auf Schubertlieder, Mozartopern und Bachkantaten einzuschießen. Davon haben erfahrungsgemäß alle Beteiligten einfach mehr.

Avantgarde dürfen gerne andere spielen.