Programmkomposition

24. Mai 2009

Mein Studium endet. Dieses Jahr gehe ich über die lang ersehnte Ziellinie, etwas erschöpft, aber als Sieger. Drei große Aufgaben muß ich noch bewältigen, dann bin ich wirklich Gesangspädagoge.

Die erste Aufgabe wird die methodische Prüfung nächste Woche sein. Sie beinhaltet, zwei Lehrproben vorzuführen, einen Kurzvortrag zu halten und ein Kolloquium mit der dreiköpfigen Kommission zu bestreiten.

Die zweite Aufgabe ist der wissenschaftliche Teil der Abschlußprüfung, die Diplomarbeit. In den Sommerferien werde ich ca. 40 Seiten über ein stimmphysiologisches Thema schreiben, wofür ich bereits jetzt fleißig Lehrbücher und Fachaufsätze zusammentrage.

Die dritte Aufgabe ist die künstlerische Prüfung, das Abschlußkonzert, in dem ich 50 Minuten solistische Vokalmusik darbieten darf.

Diese letztere hat mich heute sehr beschäftigt, weil morgen die erste Durchlaufprobe mit dem Pianisten unter Beisein meines Hauptfachlehrers stattfinden wird. Das Programm selbst steht bereits seit einem halben Jahr im Wesentlichen fest. Bevor aber die musikalische Gestaltung, die Textinterpretation, die darstellerische Interpretation vor allem der Opernarien und Balladen ausgearbeitet sind, gehen Monate ins Land, vom memorieren der Stücke ganz zu schweigen. Morgen also werde ich erstmals versuchen, eine Dreiviertelstunde lang auswendig zu singen, davon ein Viertel auf italienisch, und dabei bis zum Schluß eine optimale Körperspannung und sinnliche Konzentration zu behalten.

Anders als die meisten Prüflinge habe ich aber schon die Programmgestaltung als ersten kreativen Akt aufgefaßt. Die meisten schustern willkürlich Stücke der verschiedensten Genres zusammen, die ihnen persönlich liegen, ohne roten Faden, ohne Struktur. Man muß einräumen, daß dieses Vorgehen taktisch klug sein kann, wenn man sich nur wenig Zeit nimmt, um die Stücke intensiv durchzuarbeiten. Das Ergebnis ist aber, daß das Konzert einzig durch die Person des Prüflings zusammengehalten wird und die Werke selbst nur als Material gebraucht werden. Das widerstrebt mir. In meinem Prüfungskonzert will ich zwar zeigen, was ich gelernt habe, aber dazu gehört eben prinzipiell eines: Daß der Sänger dem Werk dient, d.h. der Musik und dem Gedicht. Nur wenige Sängerpersönlichkeiten halten den scharfen Blick auf ihre eigene Einzigartigkeit aus, wenn sie sich mit ihrer Individualität in den Vordergrund stellen und das Publikum mit ihrem Namen locken. Mittelmäßige Sänger wie ich dienen dem einzigartigen Werk, so gut sie eben können.

Deshalb also habe ich das Programm sehr bewußt zusammengestellt und genug Zeit eingeplant, um auch den schwierigen Stücken gerecht zu werden. Bei der Erstellung hatte ich von den Vorgaben der hiesigen Diplomprüfungsordnung auszugehen:

a. Das Programm dauert etwa 50 Minuten.

b. Kunstlied, Oratorium und Musiktheater müssen vertreten sein.

c. Es müssen außerdem vertreten sein: Barock, Klassik, Romantik/Impressionismus und Moderne/Gegenwart;

d. Die Oratorienarien müssen von zwei verschiedenen Komponisten stammen, darunter J.S. Bach;

e.  Schließlich werden zwei Lieder von F. Schubert erwartet.

Um eine Schusterei zu vermeiden, müßte ich eine begrenzte Zahl von konsistenten Programmteilen zusammenstellen. Die Teile selbst mußten natürlich ebenfalls einer Struktur folgen, für die sich aufgrund der Vorgabe c die historische Dimension anbot. Der barocke Teil mußte nun mindestens eine Oratorienarie von Bach enthalten, der romantische Teil zwei Lieder  von Schubert. Damit waren zugleich zwei von drei obligatorischen Genres abgedeckt. Es blieb das Musiktheater, welches mit der Klassik kombiniert den suchenden Blick auf Mozart lenkte, der meiner Stimme wie den meisten Singstimmen mittlerer Größe entgegenkam. Damit war einiges an Klarheit und viel an exquisiter Qualität garantiert: Bach für das barocke Oratorium, Mozart für die klassische Oper und Schubert für das romantische Kunstlied. Es schien mir eine gute Idee zu sein, in jedem Teil beim jeweils einem Komponisten zu bleiben, stellen sich doch auf diese Weise die Ohren aller (auch meine eigenen) auf einen bestimmten Kompositionsstil ein und nehmen die Details deutlicher war.

Es fehlte noch die Moderne, die eine zweite Oratorienarie enthalten mußte. Nun sind mir die meisten modernen Komponisten nicht recht zugänglich. Zu einem bestimmten anerkannten Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts habe ich jedoch eine persönliche, nämlich verwandtschaftliche Verbindung, und sein herber Ton entspricht meinem Temperament. Johannes Drießler ist vor allem durch sein Oratorium „Dein Reich komme“ von 1950 bekannt. Eine der wenigen abgeschlossenen solistischen Nummern daraus ist das Vaterunser, das entsprechend der Vox-Christi-Tradition für tiefe Männerstimme gesetzt ist. Daneben hat Drießler einige schöne und ausdrucksstarke Lieder geschrieben.

Damit stand also auch der vierte Teil fest, und ich konnte an die Stückauswahl gehen. An dieser Stelle kam nun meine eigene Erfahrung ins Spiel, welche Partien oder Texte mir persönlich lagen und mich genügend interessierten, um mich ein volles Jahr hindurch zu beschäftigen. Daneben achtete ich darauf, in jedem Teil einen gewissen textliche Zusammenhang zu schaffen. So handeltBei der Bestimmung der Reihenfolge der Stücke in jedem Teil versuchte ich schließlich, allzu schroffe Tonartwechsel zu vermeiden.

So entstand das folgende Programm mit dem Titel:
Glaube, Liebe, Hoffnung

Teil I
Bach: Matthäuspassion
1. Gebt mir meinen Jesum wieder
2. Am Abend, da es kühle war (Rez.)
3. Mache Dich, mein Herze, rein

Teil II
Mozart
1. Don Giovanni: Ho capito
2. La Clemenza di Tito: Tardi s’avvede d’un tradimento
3. Così fan tutte: Vorrei dir, e cor non ho
4. Le Nozze di Figaro: Tutto è disposto (Rez.) – Aprite un po‘ quegl’occhi

Teil III
Schubert
1. Der Musensohn
2. Der Sänger (mit Rez.)
3. An die Türen will ich schleichen
4. Der Leiermann

Teil IV
Driessler
1. Der Leiermann
2. Durch die Nacht
3. Die offene Tür

4. Dein Reich komme: Vaterunser (quasi Rez.)
[In dem Oratorium folgt auf das Christus-Wort der Choral „Vater unser im Himmelreich“ unisono; ich lasse in der Prüfung ein Vokalquartett die erste Strophe unsiono singen, wie Drießler es vorgesehen hat.

Darauf folgen attacca zwei weitere Strophen des gleichen Kirchenliedes auf den vierstimmigen Satz „Dein Will gescheh‘, Herr Gott, zugleich“ aus der Johannespassion von Bach.]

Wie man sieht, sind sogar die Zahlenverhältnisse ausbalanciert: Alle vier Komponisten tragen jeder vier Nummern bei, von denen jeweils eine ein Rezitativ ist oder rezitativische Anteile hat.
Bach vertritt das barocke Oratorium; die Texte sind bis auf einen von Picander und behandeln den Abschied vom geliebten Jesus.
Mozart vertritt die klassische Oper; die Texte sind bis auf einen von Da Ponte und behandeln die Wut über Untreue.
Schubert vertritt das romantische Lied; die Texte sind bis auf einen von Goethe und behandeln Glück und Elend des Sängers.
Driessler vertritt die Moderne, mit drei nüchtern-melancholischen Liedern nach Heribert Menzel und einem zentralen Stück Oratorium, über welches der Bogen zurück zum Bachschen Beginn geschlagen wird. Der Schlußpunkt wird nicht von mir allein gesetzt, sondern ich lasse meine Stimme als Chorbaß in einem Ensemble aufgehen.

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Der Beruf des Gesangslehrers ist alt und ehrwürdig. Das wissen alle, die sich damit auskennen. Die meisten denken in diesem Zusammenhang aber zu kurz, nämlich nur wenige hundert Jahre, zurück in die Blütezeit des Belcanto, als die großen italienischen Gesangsmeister wie Nicola Porpora (1686-1768) wirkten. Wer die Geschichte der Gesangspädagogik intensiver studiert hat, weiß vielleicht noch von den Phonascern im alten Rom und die Unterscheidung des Quintilian (35-96) in den „Institutio oratorii“ zwischen dem Redner, der Ausdauer und große Stimmkraft benötige, und dem Sänger, dessen Stimme weich und sanft gemacht werden müsse.

Vor einigen Tagen war ich zum Abendessen bei einer bewundernswert gebildeten Gesangsprofessorin meiner Musikhochschule, die mich während unserer Konversation auf eine noch frühere Quelle zu unserem Beruf hinwies. Sie wurde vermutlich im 5. Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben und berichtet aus dem Israel König Davids, der angeblich um 1000 v. Chr. regierte. Die Rede ist vom 1. Buch der Chronik, wo es in der Beschreibung des Triumphzuges der Bundeslade nach Jerusalem im 15. Kapitel heißt:

Und David befahl den Obersten der Leviten, daß sie ihre Brüder, die Sänger, bestellen sollten mit Saitenspielen, mit Psaltern, Harfen und hellen Zimbeln, daß sie laut sängen und mit Freuden. […] Kenanja aber, der Leviten Oberster, der Singmeister, unterwies sie im Singen; denn er verstand sich darauf. […] Und David hatte ein Obergewand aus feinem Leinen an, desgleichen alle Leviten, die die Lade trugen, und die Sänger und Kenanja, der Oberste beim Gesang der Sänger; […].

(V. 16, 22, 27)

Mag hier auch der Gesangslehrer funktionell noch nicht vom Chorleiter und Vorsänger getrennt sein, so hat Kenanja doch ohne Zweifel auch die Tätigkeit eines Stimmbildners ausgeübt. Die Gesangspädagogik kann folglich auf eine mindestens dreitausendjährige Geschichte zurückblicken. Man darf stolz darauf sein, diesem Berufsstand anzugehören!

Schöne Aussicht

1. Februar 2009

Am Donnerstag hatte ich ein Gespräch, das meine Zukunftsaussichten weiter aufgehellt hat: Vermittelt von einer guten Freundin hat mich mein erstes Stellenangebot an einer Musikschule erreicht. Noch geht es um nichts Großes, noch will man mich testen und bietet mir für den Anfang einen Unterrichtsraum für einen Nachmittag in der Woche an. Aber wer weiß, was mir das bedeutet: Ein Unterrichtsraum! Bisher unterrichte ich Gesang, wenn nicht als Stimmbildner bei Chören oder in den Gruppenkursen der Seniorenakademie, in meinem Kämmerlein, meiner Kombination aus Studentenbude und kleinbürgerlicher Einzimmer-Behausung, an einem billigen YAMAHA-Keyboard zwischen der Couch und den sieben Bücherregalen von IKEA. Daß diese Umgebung manche Schüler irritiert, ist klar, und mich selbst engt es auch ein, ganz buchstäblich. Die Musikschule bietet mir eine professionelle Arbeitsumgebung mit atmosphärischem polytonalen Geübe auf dem Flur, einem Unterrichtsraum ohne fachfremde Ablenkungen und – einem Traum von einem weißen Flügel. Da fühle ich mich ernstgenommen, da fühle ich mich inspiriert, da kann ich im Unterricht frei agieren. Vor allem vermittelt mir die Schule Gesangsklienten, die den Weg zu mir als freiberuflichem Einzelkämpfer nie gefunden hätten. Ich denke die ganze Zeit: Wenn das funktioniert, wenn der Nachmittag voll wird, wenn sie mir noch einen zweiten Tag einrichten… Wieviel näher kann mich das meinem Ziel bringen, mich ganz der Gesangspädagogik zu widmen? Doch, ich wage es, mir das auszumalen.

In zwei Wochen sind die ersten Probestunden mit neuen Schülern terminiert. Ich bin fest entschlossen, diese Chance zu nutzen.

Musik im Blut

25. Januar 2009

Liegt die Neigung zu musischer und kreativer Tätigkeit in den Genen? Ich glaube es fast. Meine eigene musische Begabung ist gewiß nicht epochal, aber doch erkennbar. Zumindest manche meiner Gedichte finden Beifall, vor allem aber entsprechen meine Leistungen als Sänger und Musiklehrer wenigstens den Anforderungen eines regulären Hochschulstudiums. Das Irritierende daran ist, daß mein Elternhaus weitgehend amusisch geartet war: Eine ungelernte Hausfrau und ein tagesschautreuer Speditionskaufmann, dessen Interesse für Musik in einem kleinbürgerlichen Pflicht- und Statusdenken kulminiert („Du setzt Dich jetzt dahin und schaust Dir die Zauberflöte an. Wird mal Zeit, daß Du ein bißchen Kultur abbekommst“ – also sprach man vorwurfsvoll mit mir als Siebenjährigem). Lange war es mir ein Rätsel, warum meine ganz konsequent aus kleinbürgerlichem Denken erwachsene Entscheidung für ein juristisches Studium mit dem Ziel einer Beamtenstelle meine Seele bald zum schluchzenden Zusammenkauern brachte und ich das Licht am Ende meines Tunnels erst sehe, seit ich vor viereinhalb Jahren die Aufnahmeprüfung an meinem Konservatorium bestanden habe. Meine sogenannte „Kuckucksei-Theorie“ hatte einige Zeit ihren Reiz, obwohl es nie konkrete Anhaltspunkte dafür gab.

Vor etwa zwei Jahren aber erwähnte mein Vater in einem unserer seltenen Gespräche nebenher seinen Onkel (meinen Großonkel), der „ja auch Musik studiert“ habe. Wie sich herausstellte, handelt es sich um einen Komponisten nationalen Ranges, der in den 50er und 60er Jahren insbesondere für seine sakrale Chor- und Orgelmusik bekannt war und später als stellvertretender Direktor einer renommierten Musikhochschule wirkte. Das Quellenmaterial, das ich inzwischen über ihn zusammengetragen habe (Einträge in Konversationslexika und Musikenzyklopädien, Fachartikel, eine Dissertation über sein Leben und Werk) füllt inzwischen einen breiten Leitz-Ordner.

Leider habe ich ihn nie kennenlernen dürfen, und das wird auch nicht mehr geschehen, denn er ist in eben dem Jahr verstorben, in dem ich (mit 18) meine ersten Chorproben besuchte. Und doch bin ich ihm an diesem Wochenende begegnet. Einer der beiden Söhne meines Großonkels, der folglich mein Onkel zweiten Grades ist, hat mich zum zweiten Mal als Gast zu sich nach Nordrhein-Westfalen eingeladen. Schon beim ersten Mal durfte ich mir einige Privatphotos meines Verwandten ansehen, die mich nachdenklich machten – denn auf keinem Bild sah er so glücklich und entspannt aus wie auf demjenigen, auf dem er selbst in fortgeschrittenem Alter notiert hatte, daß er das Komponieren von nun an sein lassen wollte. Was ist Wahrheit, fragte Pilatus, und so frage ich: Was macht uns glücklich? Aber das ist ein anderes Thema. Die posthume Begegnung mit meinem Großonkel wurde nun dadurch vertieft, daß ich mich ausgiebig in seine Musik einhören durfte, die bei meinem Onkel in Form von CD’s und Rundfunk-Mitschnitten archiviert war. Die Musik ist nebenbei modern und frei in der Tonalität, aber strukturell erkennbar von Bach und Brahms beeinflußt, für mich konservativen Hörer also eine geeignete Brücke ins 20. Jahrhundert, in dem ich mich musikalisch immer noch etwas fremd fühle. Zwischen den Stücken jedoch fand ich dann ein kurzes Interview, daß er Anfang der 70er Jahre im Radio gegeben hatte. Die leichte Sprödigkeit der Stimme, eine starke dialektale Färbung und eine Ausdrucksweise, welche die schriftliche Vorbereitung des Interviews nur zu deutlich verriet – all das konnte nicht verschleiern, welch ein frischer und durchreflektierter Intellekt hinter dieser Persönlichkeit stand. Nach allem, was ich über ihn erfahren habe, bewundere ich ihn aufrichtig.

Es ist ein Jammer, daß mein Vater mit der Familie seiner Mutter keinen Kontakt gepflegt hat. Vielleicht wäre ich diesem Mann gerne persönlich begegnet, und möglicherweise wäre meine Geschichte dann ein wenig anders verlaufen. Aber auch so wird es mir gelingen, die Musik in meinem Blut zum Klingen zu bringen – und vielleicht sogar die Lieder meines Großonkels zu singen. Drei davon habe ich auf das Programm meines Prüfungskonzerts im Herbst gesetzt – vielleicht ein lebendiger Anfang.

young@heart

26. Oktober 2008

„Im Herzen jung“, das ist der Name eines wunderbaren Films, den ich in vergangenen Woche im Kino gesehen habe und als eine große Bereicherung ansehe. Ja, ich möchte ihn in eine Reihe stellen mit „Rhythm is it“, „Wie im Himmel“, „Die Kinder des M. Mathieu“ und anderen berührenden Musikfilmen, welche den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Vitalität, Gemeinsinn, Lebensfreude und dem Musizieren in der Gruppe vor Augen führen.

Das Besondere an diesem Film ist die Tatsache, daß es hier um einen amerikanischen Chor geht, dessen Mitglieder durchschnittlich 80 Jahre alt sind – und der nicht etwa Volkslieder oder Messvertonungen singt, sondern Pop, Rock und Punk, und zwar mit Begeisterung. Dabei sind es keineswegs ausgeflippte Modesenioren, die ihr Altsein leugnen würden: Sie sind sich ihres körperlichen Verfalls durchaus bewußt, sie leben mit ihren eigenen Einschränkungen, witzeln gar darüber, nehmen aber auch Rücksicht auf die Gebrechen ihrer Kameraden.  Fragt man einzelne Chormitglieder nach ihrer bevorzugten Musik, dann erklären sie sich meist für klassische Musik. Aber ungeachtet all dessen schafft es der hochengagierte Chorleiter immer wieder, seine Sängerinnen und Sänger von Ungewohntem und Schwierigem zu begeistern, etwa von „Yes, I can can“ oder „Schizophrenia“. Auch, wenn das Gedächtnis manchmal nicht so schnell hinterherkommt, die Stimme eines Solisten in der Probe nicht so recht ansprechen will oder zum zehnten Mal der Text verwechselt wird – der Chorleiter und seine Leute bleiben beharrlich an der Sache dran, und in der Hochspannung des öffentlichen Auftritts klappt dann alles wie am Schnürchen.

Wenn man an Hochbetagte denkt, erscheinen einem jungen Menschen wie mir oft Bilder aus einem Altersheim: abgemagerte, apathische Bettlägerige, die nur noch auf das Ende warten und inzwischen mit Kartoffelbrei und Medikamenten gefüttert werden. Ich habe diese Seite der Wirklichkeit gesehen, als ich ein Jahr lang in einem Altenpflegeheim gedient habe. Dieser Film zeigt die andere Seite, nämlich wie gut es den Vitalkräften tut, wenn sie bis zuletzt gefordert werden. Der Leiter von „young@heart“ besitzt zwar eine Engelsgeduld und viel Verständnis für die Schwächen seiner Schützlinge, aber er arbeitet mit einem hohen Qualitätsanspruch und weiß den Chor auch entsprechend zu reizen, wenn mehr Leistung nötig ist. Die Chorsänger wiederum kennen ihn ja und haben auch genug Lebenserfahrung, um es richtig einzuordnen, wenn sie nach dem zwölften Texthänger mal etwas rauher angesprochen werden. Alle Beteiligten sind dabei ehrlich zueinander, was die Kommunikation unglaublich frei macht. Letztlich geht es allen um die gemeinsame Sache und darum, ihre eigene Begeisterung für das Singen auf die Besucher ihrer Konzerte zu übertragen.

Selbst traurige Ereignisse, die aber nun einmal zum Leben dazugehören, wie etwa der Tod von Mitsängern können sie davon nicht abhalten. Dies geschieht in diesem Film zweimal, und in beiden Fällen trifft es Menschen, die dem Zuschauer vorher durch besondere Begabungen und ihren Wert für die Gemeinschaft aufgefallen sind. Der Chor betrauert seine verlorenen Mitglieder offen, und es läßt sich erahnen, daß hinter manchem bekümmerten Blick auch der Gedanke steht: Wann bin ich selbst an der Reihe? Das Konzert wird trotzdem in aller beherzten Professionalität durchgezogen, die Toten ehrt man durch eine Ansage an das Publikum, und der inspirierte Vortrag von Songs mit passendem Text untermalt den Abschied von den alten Freunden stimmig.

Wer sich ein Bild von den Fähigkeiten dieser hochaktiven Senioren machen möchte, kann auf youtube unter „young@heart“ mehrere Musikvideos finden, die zwischen die dokumentarischen Teile des Films eingeschaltet sind. Sie sind sowohl in der gesanglichen Qualität als auch in der filmischen Umsetzung mehr als überzeugend.

Der Gedanke, den ich für mich aus diesem Film mitgenommen habe, ist tröstlich: Ich darf irgendwann alt sein. Ich darf schwach werden. Ich darf versagen.  All das läßt mein Potential, meinen Wert als Mitmensch, meine Würde unberührt. Ich habe grundsätzlich die Freiheit und die Chance, bis zum Ende wach und aktiv zu bleiben, wenn ich mich selbst niemals aufgebe, sondern Dinge tue, die meine Kräfte fordern und mir Lebensfreude schenken.

Jetzt verstehe ich auch den Erfolg der Senioren-Gruppenkurse, in denen ich seit letzter Woche als Co-Leiter angelernt werde. Diese alten Menschen haben zum Teil jahrzehntelang in Chören gesungen, der Gesang ist Teil ihrer Identität geworden, und die Chorgemeinschaft trägt sie seelisch mit. Plötzlich will die Stimme nicht mehr mitmachen, Verspannungen und fehlende Atemtechnik machen sich bemerkbar – die Chormitgliedschaft steht in Frage. Doch wie glücklich sind die Gesichter unserer Teilnehmer, wenn die klaren, körperorientierten Übungen unserer Chefin in der ganzen Gruppe die geraden Bauchmuskel aktivieren, die Kiefer lösen, die Konsonanten elastisch machen – nicht nur ist das klangliche Ergebnis um ein Vielfaches überzeugender, der singende Mensch fühlt seinen eigenen Körper auf diese Weise viel intensiver und erfährt seinen Gesang als etwas Elementares, das ihn mit seinen noch keineswegs verbrauchten Lebenskräften in Kontakt bringt.

Das Leben folgt keinen Klischees, es folgt den Gesetzen der Natur. Lebe, dann bleibst Du lebendig. Das sind für mich nun keine leeren Worte mehr, sondern eine lebendige Lehre, und auch der Film young@heart hat hierzu, genau zum richtigen Zeitpunkt, beigetragen.

Szenisches

4. Oktober 2008

Warum eigentlich bin ich immer dann erkältet, wenn ein wichtiger Gesangsauftritt ansteht? Meine Nase ist zur Hälfte dicht, meine Ohren zu einem Viertel. Naja, solange die Stimmlippen nicht geschwollen sind und gut schließen…

Heute Abend nehme ich an einem schönen Konzert teil, das hauptsächlich von fortgeschrittenen Schülern einer hervorragenden privaten Musikschule bestritten wird. Da dort aber vorwiegend Soprane singen, flankiert von wenigen Alti und vereinzelten Tenören, hat man meinen Bariton als Ergänzung hinzugekauft. Es gibt eben viele wunderbare Duette für Sopran und Bariton, auf die man bei solch einer Gelegenheit nicht wirklich verzichten kann.

Es wird z. B. viel Mozart geben. Ich singe Don Giovanni (der draufgängerisch die naive Zerlina verführt) und Figaro (der heimwerkermäßig-pantoffelheldisch das Zimmer für das neue Ehebett vermißt, während seine Verlobte Beachtung einfordert), außerdem Don Alfonso, den einsamen alten Philosophen, der zwei junge Pärchen mit seinen Intrigen an der Nase herumführt… C’est la vie.

Unterhaltsam ist auch der Streit von Annie und Frank aus dem Musical „Annie Get Your Gun“ von Irving Berlin. „Anything you can do I can do better“ lautet die erste Zeile und das Programm des Stückes, in dem Zicke und Streithammel darum wetteifern, sich gegenseitig zu übertreffen (im hoch Singen, im leise Singen, im Ton Aushalten, im schnell Sprechen, im süßlich Singen, im Angeben). Es ist klar, daß sie sich am Ende des Musicals kriegen werden.

Das schwierigste Stück heute Abend wird aber das Schmugglerquintett aus Bizets „Carmen“ sein. In dieser Szene tritt der Chef einer Schmugglerbande (ich) mit einem Kumpanen (der Tenor) an Carmen und zwei ihrer Freundinnen heran und will sie für ein krummes Ding gewinnen. Da kommen nun alle sängerischen Herausforderungen zusammen: hoch und laut, hoch und leise, leise und schnell, schnell und deutlich gesprochen. Außerdem ist das Stück etwas länglich und gelingt nur bei lebendigem Schauspiel. Wir werden unser Bestes tun.

Und ich gieße mir jetzt einen Tee auf und gurgele mit Salzwasser.

Über mir

3. Oktober 2008

Nein, ich habe nie in Berlin gelebt, obwohl meine Vorfahren in der Stammlinie (das sind diejenigen Ahnen, von denen ich meinen Familiennamen geerbt habe) in Berlin und Brandenburg ansässig waren.

Trotzdem schreibe ich „Über mir“ und nicht „Über mich“, zum einen, weil ich Individualist bin, zum anderen, weil ich gerne mit Worten spiele, und zum dritten, weil ich letztlich sagen will: Über mir wölbt sich nur der blaue Himmel.

Ich weiß, daß viele vieles besser können als ich, und ich lerne gerne von ihnen. Ich weiß, daß manche manchmal Entscheidungen treffen, von denen ich betroffen bin. Ich akzeptiere sie, solange sie gerecht sind. Und es gibt einige Menschen, denen ich begegnet bin, die mir ehrlichen Respekt abnötigen.

Im Ganzen gesehen erkenne ich aber über mir niemanden an. Ich bin ein freier Mann, und ich gestalte mein Leben aktiv und zielbewußt.

Ich übe einen Beruf aus, in welchem sachliche Unabhängigkeit gesetzlich garantiert ist und ich selbst Entscheidungen treffe, mit denen andere dann leben müssen. Mir redet niemand hinein. Zugleich halte ich eine sichere Stellung auf Lebenszeit oder wie lange auch immer ich es will.

Vorrangig aber studiere ich Musik in verschiedenen Fachrichtungen, die mir alle ein hohes Maß an Gestaltungsfreiheit lassen.

Ich mache eine Gesangsausbildung an einem Konservatorium. Dort und in meinen literarischen Nebenstunden genieße ich künstlerische Freiheit im Umgang mit den schönen Dingen des Lebens.

Ich werde zum Musiklehrer ausgebildet. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem Gesangsunterricht, eine wunderbare Beschäftigung für jemanden, der schöne Töne liebt und solche gern aus anderen Menschen hervorholt.

Ich baue ab diesem Semester auch die musikwissenschaftliche Perspektive unter professoraler Anleitung aus. Musik gibt mir zwar die Freiheit, mich als Hörer darin fallen zu lassen oder als Sänger damit zu verschmelzen. Aber ich denke auch mit großem Vergnügen nach, am liebsten über Dinge, die mir wichtig sind. Wichtig sind uns aber natürlicherweise, was starke Gefühle in uns erregt. So geht es mir mit der Musik.

Das klingt nun alles sehr selbstbezogen. Aber mein Ethos befiehlt mir auch, mich in Arbeiten zum Wohl der Gemeinschaft einzubringen. Da mich aber die politischen Parteien alle nicht so recht überzeugen können, habe ich mich für das Tätigkeitsfeld der Berufsverbände entschieden. Schon während meines juristischen Fachhochschulstudiums war ich in mehreren Verbänden engagiert und habe es dort bis zum stellvertretenden Landesvorsitzenden gebracht. Nachdem ich den Kurswechsel in das gelobte Land der Musik eingeleitet habe, bin ich zum Berufsverband meiner zukünftigen Kollegen übergelaufen. Daraus sind mir schöne Aufgaben und Erlebnisse zuteil geworden, und ich glaube, daß meine Arbeit auch zum Glück anderer ein klein wenig beigetragen hat.

So ist mein Leben zur Zeit sehr voll, aber noch sind die Wellen nicht über mir zusammengeschlagen. Es kommt vor, daß ich ins Schwimmen komme, meistens aber steuere ich mein Lebensschiff sicher durch den Ozean der Welt.

Und über mir wölbt sich der blaue Himmel.

Bach in h-Moll

2. Oktober 2008

Nicht zufällig ist die Musik von Johann Sebastian Bach für mich die Krone der kompositorischen Schöpfung. Ich bin in meiner Gesangsausbildung noch nicht weit genug gekommen, um Bach solistisch zu singen; aber als Teil eines Chores die großen Werke des Meisters buchstäblich im eigenen Leib zu erleben, ist auch bereits eine große Freude.

Dazu muß man wissen, daß die Chorpartien Bachs kaum weniger stimmtechnische Anforderungen stellen als die Soloarien. Es kommen sogar, vielleicht vom Sopran abgesehen, noch mehr irrsinnige, nur durch die ausgefeilte Harmonik zu begründende Sprünge darin vor als in den melodiöser angelegten Ariengesängen.

Nachdem ich nun die Matthäus- und die Johannespassion, einige der über 200 Kantaten sowie fünf der herrlichen Motetten je einmal und das Weihnachtsoratorium fünfmal gesungen habe (davon einmal alle sechs Kantaten an einem Abend!), kommt heute die h-Moll-Messe auf meine Meritenliste. Einer meiner Lehrer am Konservatorium berichtete mir einmal von einem geflügelten Wort: Die Passionen Bachs seien die musikalische Zusammenfassung der Kantaten, die h-Moll-Messe aber die Zusammenfassung der Passionen. Ein kundiger Chorbruder wandte hiergegen ein, die Passionen seien doch eher dramatisch geprägt und der Chor in den Turbae in einer bestimmten Rolle innerhalb der fortlaufenden Handlung (Jünger, Schriftgelehrte, Volk etc.), während in der Messe nur Betrachtungen und Glaubenssätze gesungen werden. Das stimmt. Trotzdem kommen alle Affekte, die in den Passionen vertont werden, auch in der Messe vor, wenn auch mit anderer Gewichtung, denn natürlich gibt es hier mehr Jubel und dort mehr Zorn und Trauer. Vorhanden ist aber alles. Davon abgesehen ging es bei dem zitierten Lehrmodell ja auch um die kompositorische Kunstfertigkeit – und da ist die h-Moll-Messe tatsächlich eine Art Zusammenfassung, z.B. hinsichtlich der Stile. Einige Sätze stehen im zu Bachs Zeit modernen Stil, mit viel Koloratur, Sprüngen, differenzierter Harmonik. Viele Stücke nähern sich aber der Schreibart der Renaissance und des Frühbarock an, mit langen Notenwerten und sanglichen Linien – dies trifft vor allem auf die zentralen Bekenntnissätze des alten lateinischen Credo zu („Credo in unum Deum“ und „Confiteor unum baptisma“). Schließlich schreibt Bach im leichten, galanten Stil, der zu seiner Zeit allmählich in Mode kam und bald den komplizierten modernen Stil verdrängen sollte. Bach hat auch diesen eingängigen Stil beherrscht und kunstvoll gestaltet. Er war nicht der trockene Theoretiker, als den ihn manche darstellen, er war Vollblutmusiker, bei aller verstandesmäßigen Genialität doch bewegt von dem zarten Empfinden für die passenden Mittel und Farben, bei aller Kenntnis der Alten Meister doch immer offen für Neues.

Mit Bach, das Wortspiel sei gestattet, kann sich keiner messen.