Soweit ist alles klar und die Welt in Ordnung. Was aber ist mit einem Menschen, dem der Gesang nicht gegeben? Darf man hier mit der juristischen Denkfigur des Umkehrschlusses argumentieren und sagen: ‚Er schweige‘? Ich habe solch einen Schüler in meiner neuen Musikschulklasse. Er hat sage und schreibe fünf chromatische Halbtöne, die er nachsingen kann. Das ist ein Umfang von einer großen Terz. Normale trainierte Singstimmen bringen es auf zwei brauchbare Oktaven, das heißt sechsmal so viel wie dieser. Er braucht etwa zehn Versuche, um einfache Körperübungen korrekt zu imitieren, mit oder ohne verbale Hilfestellung. Sein Ohr ist musikalisch ungeübt. Drei Töne innerhalb seines beschränkten Umfangs nachzusingen ist eine schwierige Aufgabe. Bei der elementaren Gehörbildungsaufgabe, die Richtung eines sukzessiv gespielten oder gesungenen Intervalls (aufwärts oder abwärts) anzugeben, hat er eine Trefferquote von ca. 60 %. Sein Körper ist klein und verspannt, seine Sprechstimme gehemmt, mit hartem Einsatz und Absatz. Als ich ihn wegen der ungewöhnlichen Beschränkung des Umfangs zu einer mir bekannten Phoniaterin schickte, um die Kehlkopfmuskulatur auf Fehlfunktionen oder organische Schäden zu prüfen, kam er unverrichteter Dinge zurück: Sein Organismus war bei der Untersuchung derart nervös, daß die Ärztin ihre Linse selbst unter Zuhilfenahme eines Betäubungssprays nicht in den Rachen einführen konnte: Der Würgereiz war zu stark und ließ nicht nach.

Es geht mir hier keineswegs darum, seine Schwächen hervorzukehren, sondern um die Reflexion, ob ich bei dieser extrem ungünstigen Veranlagung überhaupt seriösen Gesangsunterricht anbieten kann. Normalerweise würde ich als verantwortlicher Gesangslehrer sagen: ‚Mensch, es gibt doch noch andere Hobbys.‘ Aber er will es, trotz meiner ehrlichen Rückmeldung. Und letztlich sehe ich dann doch einen Sinn in unserer Arbeit: Ein klein wenig hat sich seine Haltung verbessert, sein Körperbewußtsein und damit sein Selbst-Bewußtsein im buchstäblichen Sinne wächst langsam, aber stetig, inzwischen kann er sich sogar selbst im Spiegel ansehen. Mit Sprechstimmübungen motiviere ich ihn zu einer ungehemmten Lautäußerung, die Gehörbildungsübungen wecken seine Aufmerksamkeit für Klänge in seiner Umgebung. Das sind alles Schlüsselkompetenzen, die diesen jungen Mann ganz unabhängig vom Singen bereichern können. Ich werde also seinem Wunsch entsprechen und den Unterricht fortsetzen, in aller Geduld und ohne großen Leistungsanspruch. An der Frage nach einem stimmärztlichen Befund bleiben wir aber dran, und wenn sich beim nächsten Versuch ein Ergebnis feststellen läßt und der Vokalismuskel ist tatsächlich schadhaft, überweise ich ihn zur Behandlung an die Stimmärztin.

Man muß seine Grenzen kennen.

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Freudlose Lehre

12. April 2009

Ich hätte mich nicht dazu breitschlagen lassen sollen. Diese Woche habe ich die erste Unterrichtseinheit eines Kurses gegeben, für den ich von meinem derzeitigen Hauptarbeitgeber engagiert wurde. Ich erwähnte schon an anderer Stelle, daß ich meinen derzeitigen Broterwerb als überaus freudlos erlebe und lieber Musiklehrer wäre. Nun dachte ich, als der Anruf vom Ausbildungsgericht kam: Nun, es ist immerhin Unterricht und keine Aktenschmiererei, bei den auszubildenden Sekretärinnen werden wohl auch ein oder zwei nette junge Damen dabei sein (nicht, daß ich in solch einem Kontext bestimmte Absichten gehabt hätte;  die Gesellschaft attraktiver junger Damen ist mir einfach angenehm) – und vor allem gibt es ein wenig Geld extra, das meine Kriegskasse füllt, die mir den Ausbruch in die Selbständigkeit ermöglichen soll.

Was die Attraktivität angeht, so ist zwei von vier eine gute Quote. Die Damen sind auch lernwillig und diszipliniert, wie man es von zukünftigen Beamtinnen erwartet. Ich doziere, frage, stelle Übungsaufgaben, benutze Materialien, Gesetzestext, Tafel mit bewußt eingesetzter Abwechslung. Die Umstände gefallen mir eigentlich gut. Aber trotzdem fühle ich mich insgesamt unwohl, und das liegt am Inhalt. Es interessiert mich selbst nicht wirklich, was ich den jungen Leuten da beibringe. Ich langweile mich, beim Vermitteln noch weniger als bei der einsamen Stundenvorbereitung. Und ich fürchte, daß mein im Gesangsstudium angebildetes Schauspieltalent nicht ausreichen wird, um acht Wochen lang den engagierten Lehrer zu spielen. Was das Geld angeht, so stellt sich heraus, daß die Aufwandsentschädigung zwar für die Präsenzzeit ganz in Ordnung ist, aber eben auch Vorbereitung und Anfahrt mit abdeckt. Da die Vorbereitung nur sehr zäh vonstatten geht und die ÖPNV-Verbindung zum Unterrichtsort nicht optimal auf den dortigen Stundenplan abgestimmt ist, wird der Stundensatz unter die Geringfügigkeitsgrenze gedrückt. Die Energie, die ich hierfür aufwende, fehlt mir aber beim Ausbau meiner musikalischen Lehrtätigkeit.

Ich werde das in den nächsten Wochen beobachten, aber hypothetisch stelle ich den Erfahrungssatz auf, daß ich langfristig nur das unterrichten sollte, was mir persönlich Freude macht. Alles andere ist eine Vergeudung von Kraft, u.U. anderen Gelegenheiten, in jedem Fall aber eigener und fremder Lebenszeit. Als Lehrer präge ich mit der Atmosphäre im Unterricht auch die Einstellung, welche die Schüler in ihrem zukünftigen Umgang mit der Materie haben werden. Impfe ich ihnen unterschwellig die Botschaft ein, das mein Unterrichtsfach öde und kopflastig-anstrengend ist, werden sie möglicherweise in Zukunft wenig Freude an ihrer Arbeit haben, und damit hätte ich als Pädagoge eine Sünde begangen.

Ich bemühe mich also, lächelnd durchzuhalten, werde es aber wohl nicht wieder tun.

Der Beruf des Gesangslehrers ist alt und ehrwürdig. Das wissen alle, die sich damit auskennen. Die meisten denken in diesem Zusammenhang aber zu kurz, nämlich nur wenige hundert Jahre, zurück in die Blütezeit des Belcanto, als die großen italienischen Gesangsmeister wie Nicola Porpora (1686-1768) wirkten. Wer die Geschichte der Gesangspädagogik intensiver studiert hat, weiß vielleicht noch von den Phonascern im alten Rom und die Unterscheidung des Quintilian (35-96) in den „Institutio oratorii“ zwischen dem Redner, der Ausdauer und große Stimmkraft benötige, und dem Sänger, dessen Stimme weich und sanft gemacht werden müsse.

Vor einigen Tagen war ich zum Abendessen bei einer bewundernswert gebildeten Gesangsprofessorin meiner Musikhochschule, die mich während unserer Konversation auf eine noch frühere Quelle zu unserem Beruf hinwies. Sie wurde vermutlich im 5. Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben und berichtet aus dem Israel König Davids, der angeblich um 1000 v. Chr. regierte. Die Rede ist vom 1. Buch der Chronik, wo es in der Beschreibung des Triumphzuges der Bundeslade nach Jerusalem im 15. Kapitel heißt:

Und David befahl den Obersten der Leviten, daß sie ihre Brüder, die Sänger, bestellen sollten mit Saitenspielen, mit Psaltern, Harfen und hellen Zimbeln, daß sie laut sängen und mit Freuden. […] Kenanja aber, der Leviten Oberster, der Singmeister, unterwies sie im Singen; denn er verstand sich darauf. […] Und David hatte ein Obergewand aus feinem Leinen an, desgleichen alle Leviten, die die Lade trugen, und die Sänger und Kenanja, der Oberste beim Gesang der Sänger; […].

(V. 16, 22, 27)

Mag hier auch der Gesangslehrer funktionell noch nicht vom Chorleiter und Vorsänger getrennt sein, so hat Kenanja doch ohne Zweifel auch die Tätigkeit eines Stimmbildners ausgeübt. Die Gesangspädagogik kann folglich auf eine mindestens dreitausendjährige Geschichte zurückblicken. Man darf stolz darauf sein, diesem Berufsstand anzugehören!

Der Mix macht’s

15. Februar 2009

Es gibt Körperschulen, die Sängern grundsätzlich mißtrauen einflößen können. Dazu gehört insbesondere die allgemein sehr erfolgreiche PILATES-Methode. Gerade diese haben wir unseren Kollegen Gesangslehrern gestern im Rahmen einer Regionalfortbildung vorgestellt. Tatsächlich gab es da aus dem Plenum kritische Anmerkungen, denn der rote Faden durch all unsere Übungen war das Halten des körperlichen Gleichgewichts in unterschiedlichen Positionen und Dehnkonfigurationen durch eine starke Anspannung der Bauchdecke. Von dort, aus dem Schwerpunkt des Körpers, sollte er zentriert und dadurch zugleich die Muskulatur trainiert werden. Da der Bauchmuskel in seiner starken Anspannung keine Tiefatmung zuläßt, wird die Atmung bei diesen Übungen in die Flanken verlagert.

Nun lautet das Credo der klassischen Gesangspädagogik, daß die Bauchdecke der Einatmungsspannung des Zwerchfells nichts entgegensetzen darf. Sie soll für die effektive Einatmung reflexartig abspannen, um den vom Zwerchfell bewegten Eingeweiden nachzugeben, so daß der Atem zwanglos in den Körper einfallen kann. Wie ist das mit dem Haltetraining und der Brustkorbatmung beim PILATES-Training zu vereinbaren?

Die Antwort ergab sich für mich implizit aus dem zweiten Teil der Fortbildung, der die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson zum Thema hatte. Das dort ausgiebig durchgeführte Prinzip lautet, daß ein Muskel, wenn er kurze Zeit bewußt stark kontrahiert und danach entspannt wurde, erstens entspannter ist als vor der Übung und zweitens (mit der Zeit) immer bewußter wahrgenommen wird.

Nun bekam auch das PILATES-Training einen neuen Sinn für Sänger: In Maßen ausgeführte Übungen mit starker Bauchdeckenspannung trainieren nicht etwa nur die Muskeln. Das Loslassen der Spannung nach der Übung lockert ihn. Außerdem schult das Training das Körperbewußtsein in diesem Bereich. Der Sänger nimmt langfristig deutlicher wahr, ob sich eine dem Singen hinderliche Bauchdeckenverspannung aufgebaut hat, und kann dem entgegenwirken.

Ich weiß nicht, ob diese Erkenntnis von der Dozentin in dieser Form intendiert war. Sie ist selbst keine ausgebildete Sängerin, und ich hielt es auch für angemessen, wenn ich Student mich in der Plenumsbesprechung nach der Fortbildung etwas zurückhalte, um nochmals gründlich über meine Einfälle nachzudenken. Aber auch hiernach erscheint mir der Gedanke schlüssig: Die Stimme ist ein derart komplexes und auch universelles Phänomen, das die widersprüchlichsten Prinzipien und Lehren in der richtigen Kombination und an der richtigen Stelle angewandt, ihre zielführende Nutzanwendung finden. Faszinierend!

Schöne Aussicht

1. Februar 2009

Am Donnerstag hatte ich ein Gespräch, das meine Zukunftsaussichten weiter aufgehellt hat: Vermittelt von einer guten Freundin hat mich mein erstes Stellenangebot an einer Musikschule erreicht. Noch geht es um nichts Großes, noch will man mich testen und bietet mir für den Anfang einen Unterrichtsraum für einen Nachmittag in der Woche an. Aber wer weiß, was mir das bedeutet: Ein Unterrichtsraum! Bisher unterrichte ich Gesang, wenn nicht als Stimmbildner bei Chören oder in den Gruppenkursen der Seniorenakademie, in meinem Kämmerlein, meiner Kombination aus Studentenbude und kleinbürgerlicher Einzimmer-Behausung, an einem billigen YAMAHA-Keyboard zwischen der Couch und den sieben Bücherregalen von IKEA. Daß diese Umgebung manche Schüler irritiert, ist klar, und mich selbst engt es auch ein, ganz buchstäblich. Die Musikschule bietet mir eine professionelle Arbeitsumgebung mit atmosphärischem polytonalen Geübe auf dem Flur, einem Unterrichtsraum ohne fachfremde Ablenkungen und – einem Traum von einem weißen Flügel. Da fühle ich mich ernstgenommen, da fühle ich mich inspiriert, da kann ich im Unterricht frei agieren. Vor allem vermittelt mir die Schule Gesangsklienten, die den Weg zu mir als freiberuflichem Einzelkämpfer nie gefunden hätten. Ich denke die ganze Zeit: Wenn das funktioniert, wenn der Nachmittag voll wird, wenn sie mir noch einen zweiten Tag einrichten… Wieviel näher kann mich das meinem Ziel bringen, mich ganz der Gesangspädagogik zu widmen? Doch, ich wage es, mir das auszumalen.

In zwei Wochen sind die ersten Probestunden mit neuen Schülern terminiert. Ich bin fest entschlossen, diese Chance zu nutzen.

Jenseits der Rampe

18. Januar 2009

Diese Woche war Premiere, und ich war ausgesprochen nervös. Dabei stand ich gar nicht auf der Bühne, sondern saß mit dem Publikum in den Zuschauerreihen eines mittelgroßen Theaters meiner Stadt. Vorne aber spielte ein kleiner Junge das erste Mal eine Rolle, und ich fieberte jedem seiner Worte innerlich entgegen. So ähnlich könnte sich ein Vater fühlen, wenn sein Sohn seinen ersten großen Auftritt hat.

Der kleine Max ist indessen nicht mein Sohn, er war mein Schüler. Er gehört zu einer Gruppe von drei Jungs zwischen acht und zehn Jahren, die eine Rolle in einem modernen Drama besetzen. Die Produktion läuft an einem renommierten Haus; insgesamt sind 40 Vorstellungen geplant, von denen jeder Kinderdarsteller ein Drittel zu spielen hat. Entsprechend hoch waren oder sind natürlich die Erwartungen, ja geradezu extravagant:

„Es wäre gut, wenn man die Knaben auch jenseits der Rampe noch hört.“

Mit dieser Lernzielvorgabe wurde ich vier Wochen vor der Premiere von der Regisseurin engagiert, um den Kleinen bühnengerechtes Sprechen beizubringen. Schüchternheit, schlechte Atemtechnik und schlaffe Haltung ließen ihre Stimmen klein und dünn klingen; Aufregung, feste Kiefer und norddeutsch-gelähmte Lippen machten die Worte manchmal geradezu unverständlich, und zwar schon aus 20 Meter Entfernung. Der Abstand zwischen der Bühne und den hinteren Reihen aber ist größer als 20 Meter, und auch die Zuschauer dort bezahlen ihre Karten und haben ein Recht darauf, jedes Wort zu hören und zu verstehen.

So gingen wir also an die Arbeit. Ich weckte Ihre Randfunktion und das Resonanzempfinden („Stellt Euch vor, Ihr seid Frösche. Da sirren Fliegen um Euch herum: ’ssssss‘. Mit einem ‚Wapp!‘ fangt ihr sie und laßt sie Euch schmecken: ‚Mmmmm'“). Ich ließ die drei auf der Stelle treten und laut zählen („Schön hoch die Knie!“), ich aktivierte die Bauchdecken-Zwerchfell-Atmung („Habt ihr mal im Urlaub eine Luftmatratze aufgepumpt?“), fokussierte den Ausatmungsluftstrom („Ihr seid jetzt Punker und sprayt Eure Namen vor Euch an die Wand“). Sie spielten Basketballer („Hier ist der Ball! Pass ihn rüber zu Deinem Mitspieler und sag zu ihm ‚Hopp'“!), Cowboys („Schwing Deinen Arm wie ein Lasso und wirf das Wort mit einem Schwung in den Raum“) und Sumoringer („Du bist groß, dick und stark! Linkes Bein fest auf den Boden! Rechtes Bein fest auf den Boden! Jetzt sieh mir in die Augen und mach mir Angst mit einem tiefen  ‚Ho‘!). Ich löste die Kiefermuskulatur („Guckt mich mal richtig doof an! Ja, genau so, mit weit offenem Mund!“), lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die sonst vernuschelten Nebensilben („Und jetzt das ganze in Zeitlupe! Jeedees Woort gaaanz laaangsaaam!“) und verbesserte den Vordersitz der Stimme („Mamma mia! Spriiche mite mire wieaine Italiänere!“). Nach jeder Übung setzten wir die Technik in einem oder zwei Sätzen aus dem Rollentext um. Alle verbesserten sich sichtlich, nur der schüchterne kleine Max kam nicht so recht aus sich heraus und verschluckte weiterhin ganze Wörter. Insgesamt aber erzielten die Knaben gute Ergebnisse – auf der kleinen Probebühne

Als es dann auf die große Bühne im Haupthaus des Theaters ging, war plötzlich bei allen dreien die Hälfte des Erarbeiteten wieder verloren gegangen. Zu groß und leer war der Zuschauerraum für die kindlichen Gemüter, und zuviel ging um sie herum vor, als daß sie sich weiterhin auf ihr Sprechen hätten konzentrieren können. Wir intensivierten die Betreuung und gaben jedem Knaben jetzt halbe Stunden im Einzelunterricht – das verhalf auch Max zum Durchbruch. Am Ende der Probenphase hatte er sich zum Besten der Gruppe gemausert und durfte nun die Premiere spielen. Aber es blieb eine Zitterpartie. Würde er in der Aufregung doch wieder anfangen zu nuscheln? Würde er wieder zu leise rufen, weil der Atem hoch ging? Oder würde er sich im Gegenteil verschreien, weil die Regisseurin immer nur „Lauter, lauter!“ gefordert hatte? Und: wie würde er im Falle eines Mißerfolges emotional reagieren? Ich ging nicht ohne ein mulmiges Gefühl in diesen Abend.

Nach der Vorstellung jedoch hatte sich alle Besorgnis in Wohlgefallen aufgelöst. Max hielt sich gut und bekam mehr Bravo-Rufe als die erwachsenen Hauptdarstellerinnen – was die alte Schauspielerweisheit bestätigte, daß man niemals mit einem Tier oder mit einem Kind auf die Bühne treten sollte. Max aber hatte den Beifall wirklich verdient, denn es war ihm etwas Ungewöhnliches geglückt: Bei seinem ersten Auftritt mit Text verwechselte er die Szenen und sprach Worte, die er später im Stück zu sagen hatte. Abgebrüht wie eine Profi ließ er sich nichts, gar nichts anmerken: Er wurde nicht rot, er fluchte nicht, seine Stimme brach nicht weg. Er sprach einfach weiter und kam nun in der richtigen Szene an, was seiner Dialogpartnerin das richtige Stichwort lieferte. Ich kam nach dem Vorhang zu ihm in die Garderobe, klopfte ihm auf die Schulter und lobte ihn vor allem für diese Leistung. Da wurde er rot und zeigte mehr Verlegenheit als bei dem Fehler auf der Bühne. Ich glaube aber, er hat sich gefreut.

Vielleicht bleibt er der Bühne ja auch über dieses Projekt hinaus treu, denn er zeigte sich am Ende als durchaus begabt. Und immerhin hört man ihn jetzt auch „jenseits der Rampe“…