Einleitung

„Wie bitte? Wissen müssen? Wo kommen wir denn dahin? Das klingt ja nach Anspruch, nach Zumutung – Los, werft den ersten Stein!“ Aber nein, lest doch bis zum Ende: Es ist hier die Rede davon, daß man etwas wissen muß, um etwas verstehen zu können. Das ist zunächst einmal eine simple Feststellung, kein Imperativ. Und wer sich diesen Umstand als Imperativ aneignet, wer etwas verstehen will und deshalb Wissen erwirbt, der stellt einen Anspruch an sich selbst, der unterzieht sich der Mühe aus freiem Willen, aus Liebe zur Weisheit. Diesen Bildungsanspruch an sich selbst zu erfüllen ist ja auch keine lästige Ackerfron, es ist ein Goldwaschen im frischen Gebirgsbach unserer europäischen Hochkultur, die Liebe und fleißige Pflege sehr wohl verdient.

Der Dichter, der diese Kultur zur Voraussetzung seiner Texte macht, erweist zunächst einmal ihr einen Dienst, indem er sie lebendig hält. Die Schätze, die er in ihrem Traditionsstrom gefunden hat, sind es wert, betrachtet und ausgestellt zu werden. Keineswegs muß man ihm gleich Prahlerei mit seinem persönlichen Reichtum vorwerfen. Er zeigt und spricht von dem, was er liebt – Welcher Liebende tut das nicht gern? Daneben zeigt er, wer er ist – Tut das nicht jeder Mensch unentwegt, bewußt oder unbewußt? Gänzlich abgetan sind alle Anwürfe gegen den Bildungsbeflissenen, wenn er die heiligen Bilder und Namen nicht als Selbstzweck in seine Formen fallen lässt, sondern um einem anderen menschlichen Anliegen Ausdruck zu geben, durch Bezüge und Vergleiche seinen Kontext zu erweitern und so die Aussage seines Gedichts zu vertiefen. Das ist auf seine Weise die legitime und ehrbare Arbeit eines Künstlers – Wer wollte ihn deshalb schelten? Zumal…er kann sich ja auch mit dieser Arbeitsweise selbst auf eine lange Tradition berufen.

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Definition

Was er pflegt, nennt man Bildungslyrik, ein Teil der Bildungsdichtung. Ich erlaube mir, den Artikel ‚Bildungsdichtung’ aus Meyers enzyklopädischem Lexikon (9. Auflage 1972) im Volltext zu zitieren:

Bildungsdichtung,

Bez. für eine Dichtung, die zum Verständnis ein bestimmtes Bildungsniveau voraussetzt: Bildungsgüter aus Sage, Mythologie, Philosophie, Antike, Geschichte, bildender Kunst, Literatur und Naturwissenschaft können durch Anspielungen, Vergleiche, Zitate usw. in ein dichterisches Werk integriert sein als selbstverständlicher Ausdruck der Geisteswelt des Autors und der Traditionen, in denen er sein Werk sieht (z.B. Rilke, „Duineser Elegien“, T. S. Eliot, „Die Cocktailparty“, H. Broch „Der Tod des Vergil“), oder aber auch nur zur Belehrung des Publikums aufgesetzt sein (auch ↑ antiquarische Dichtung). Ein ursprüngl. einem breiteren Leserkreis verständl. Werk kann durch Wandel der Bildungsvoraussetzungen im Laufe der Zeit zur schwerer zugängl. B. werden (z.B. antike Werke). Um den Zugang zu B.en zu erleichtern, sind B.en oft mit Kommentaren versehen, z. B. Scheffel, „Ekkehard“.

Das Literaturlexikon der ZEIT (Erstauflage von 2008) übernimmt diesen Artikel fast wörtlich und setzt nur die Datierung des „Ekkehard“ auf 1855 sowie als weiteres Beispiel für kommentierte Bildungsdichtung T. S. Eliots „Waste Land“ von 1923 hinzu. Merkwürdigerweise nennt kein Artikel das Epochalwerk „Finnegan’s Wake“ von Joyce, das ja nicht erst zur Wahrnehmung tieferer Ebenen, sondern schon zur einfachen Textrezeption Kenntnisse in 40 verschiedenen Sprachen sowie zahlloser Namen aus Geographie und Geistesgeschichte voraussetzt; aber das nur als Randvermerk.

Etwas anders definiert Gero von Wilpert in seinem Sachwörterbuch der Literatur (8. Auflage 2001). Ihm zufolge sei Bildungsdichtung

jede Dichtung, in der stark bildungshafte, d.h. angelernte Elemente (z.B. Anspielungen auf Mythologie, Sage und Geschichte, auf die Bibel, philosophische Systeme und fremde Dichtwerke) die eigtl. Aussage des Dichters tiefgreifend formen, wo nicht überdecken. Sie bezeichnen die geist. Welt des Autors und die Tradition, in der er sich sieht. B. setzt schon beim zeitgenöss. Leser ein ebenbürtiges Bildungsniveau voraus und entsteht nicht erst durch den erschwerten Zugang zu älteren Werken aus e. anderen Bildungshorizont. […]

Die hier unterschiedlich beantwortete Streitfrage, ob z. B. antike Werke allein durch Zeitablauf zur Bildungsdichtung werden oder es ggf. schon von Beginn an sein müssen, halte ich für müßig. In antiker Zeit war Dichtung ohnehin eine Sache der alphabetisierten und literarisch gebildeten Schicht, und was den Griechen ihr Homer als omnipräsente Bezugsquelle, das war den Römern die griechische Literatur im Allgemeinen. Viel stärker interessiert mich die nicht zu übersehende kritische Tendenz bei Wilpert, im Gegensatz zu der neutraleren Darstellung in Meyers Enzyklopädie. Zugegeben, wo Fremdzitate die eigene Aussage überwuchern oder ein Gedicht belehrend wirkt, das eigentlich einen anderen Hauptzweck hat – und das gilt für jedes Gedicht, das nicht ein ausgesprochenes Lehrgedicht ist –, so liegt schlechte Lyrik, schlechte Bildungslyrik vor. Solche Auswüchse können es aber nicht rechtfertigen, den Begriff ‚Bildungslyrik’ insgesamt abwertend zu gebrauchen, wie es bei Wilpert anklingt – und nicht nur bei ihm.

Eckard Lefèvre stellt in seiner Untersuchung von „Lotichius’ Klage über den Tod des Bruders“ (In: Lotichius und die römische Elegie. Hg. v. Ulrike Auhagen; Tübingen 2001, S. 213 – 223) über das untersuchte Gedicht fest: „Es ist keine Bildungslyrik“, um den Text anschließend per Zitat als (in der Quelle positiv besetzte, weil authentische) Erlebnislyrik zu qualifizieren. Daß die lyrische Verarbeitung von selbst Erlebtem mit Mitteln der Bildungslyrik geschehen konnte, lässt seine Definition der letzteren offenbar nicht zu. Dabei ist einzuräumen, dass diese enge Definition verbreitet zu sein scheint, grenzen doch auch Baumann und Oberle bei der Besprechung von Schillers „Die Götter Griechenlands“ Bildungslyrik und Erlebnislyrik scharf voneinander ab (Deutsche Literatur in Epochen, Ismaning 1985, S. 105). Diese Abgrenzung geht natürlich in Bezug auf dieses und auf ähnliche Werke ohne weiteres auf, schließt aber andere Werke von der Zugehörigkeit zur Bildungslyrik aus, die es doch nach der Meyerschen Definition wären (man denke an Celan und Enzensberger).

Die Literaturwissenschaftlerin Stephanie Radtke spricht der renaissance-typischen Bildungslyrik in ihrem Tutorium „Einführung in die spanische Literaturwissenschaft“ (WS 1999/2000, http://www.uni-duisburg.de/FB3/ROMANISTIK/PERSONAL/Radtke/Lehrangebot.html, aufgerufen am 06.06.2009) mit Bezug auf ein Sonett von Garcilaso de la Vega das Streben nach Originalität und Authentizität ab und reduziert sie auf die „immer neue Inszenierung der bekannten Bildungsinhalte: Mythen und Topoi“.

In dieser Form wäre Bildungslyrik heutzutage wohl obsolet, schon wegen der schwindenden Kenntnis der antiken Literatur. Die oben zitierten Lexika lassen jedoch weit mehr Variationsspielraum unter diesem Begriff. Für mich steht fest, dass die Konzeptionen Erlebnislyrik, Gedankenlyrik und Bildungslyrik einander nicht ausschließen, sondern sich überschneiden und gegenseitig durchdringen können. Dabei gilt es, inhaltliche, bildhafte und formal-gestalterische Ebene auseinanderzuhalten, um den jeweiligen Ansatz zu erkennen.

Als Beispiel für aufgesetzt belehrende Dichtung wurde bei Meyer auf den Begriff ‚antiquarische Dichtung’ verwiesen (s.o.). Dieser Begriff wird sowohl bei Meyer als auch im Literaturlexikon der ZEIT für historische Romane, Novellen und Dramen verwendet, „die sich durch genaue Wiedergabe kulturhistor. Details auszeichnen“. Berühmte Beispiele seien unter anderem Sienkiewiszs „Quo vadis?“ und Dahns „Ein Kampf um Rom“. Auch in diesem Artikel kommt eine kritische Haltung gegenüber den alternativ „Professorenromane“ genannten Werken zum Ausdruck, insofern, als sie effektheischend, in der Handlung trivial und bisweilen oberflächlich mit politischer Pädagogik verbrämt seien (ganz ähnlich Wilpert a.a.O., Artikel ‚Professorenroman’). Uns braucht hier nicht bekümmern, inwiefern hier Unterhaltungsliteratur des historischen Genres zu Unrecht mit künstlerischen Maßstäben bewertet wird. Wichtig ist an dieser Stelle vielmehr der Hinweis, dass Bildungsdichtung und antiquarische Dichtung einschließlich des Professorenromans nicht identisch sind. Dabei geht es weniger um die in den Definitionen genannten Hauptgattungen: Natürlich ist auch Lyrik im Sinne antiquarischer Dichtung denkbar und unter Amateurdichtern zu finden. Der Unterschied liegt darin, dass wertvolle, gelungene Bildungslyrik sich lediglich auf die Bildungsinhalte bezieht, um die Aussage des Werkes zu erweitern oder zu vertiefen, das Charakteristische des lyrischen Ich oder seiner Geisteswelt zu zeigen etc., mit einem Wort: Bildung in den Dienst der künstlerischen Aussage zu stellen. Weder geht es um den unterhaltsamen Effekt noch um professorale Belehrung des Lesers.

Im Sinne des künstlerisch wertvollen Phänotyps mit positiver Konnotation wird der Begriff wohl auch bei zwei Gelehrten aus dem rumänischen Raum verwendet. George Gutu von der Universität Bukarest schreibt von der „Modernität des lyrischen Diskurses von Paul Celan, der von Anfang an als Bildungslyriker aufgetreten ist, der sich in akademischen Kreisen einer außerordentlichen Beliebtheit erfreut […]“ („Paul Celan – zwischen Intertextualität und Plagiat oder interreferentielle Kreativität“, Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften Nr. 15 Mai 2004, http://www.inst.at/trans/15Nr/03_6/gutu15.htm, aufgerufen am 06.06.2009). Der Siebenbürgener Schriftsteller Hellmut Seiler äußert in einem Interview: „Ich ziehe [sc.: als Übersetzer] ‚Bildungslyrik’ und experimentelle Prosa vor, um meine Grenzen auszuloten.“ (Siebenbürgische Zeitung, 15.01.2008, http://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/interviews/7383-hellmut-seiler-schriftsteller-der.html, aufgerufen am 06.06.2009). Hier wie dort ist von Literatur die Rede, die sich deutlich von der Erscheinungsform in Renaissance und Klassik unterscheidet, auf die sich die oben zitierten Autoren beziehen.

Diese zahlreichen Nachweise des Begriffes zeigen deutlich, daß weder der Begriff noch das Konzept „Bildungslyrik“ veraltet sind. Im Gegenteil sind sie lebendig und fruchtbar.

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Poeta doctus

Das gleiche gilt für die gängige Bezeichnung für den Protagonisten der Bildungsdichtung, die von diesem Konzept inhaltlich untrennbar ist. Der „poeta doctus“ ist ein „Dichter mit einer umfassenden Bildung, der diese in großem Anspielungsreichtum in seine literarische Arbeit einfließen lässt“ (http://wissen.spiegel.de, Stand vom 11.12.2007, aufgerufen am 14.03.2009); mithin eine zeitlose Erscheinung, dessen Bildung auch nicht auf den antiken Mythos festgelegt ist. Andere Definitionen, denen ich mich im übrigen anschließen möchte, beziehen ausdrücklich auch die traditionsverbundene formale Gestaltung als Mittel des poeta doctus mit ein, etwa diese: „Poeta doctus (lateinisch) der „gelehrte Dichter“, der sein Wissen und das Formale in der Dichtung bewusst handhabt. In der alexandrinischen Zeit, im Humanismus und der Aufklärung, z. T. auch wieder im 20. Jahrhundert galt der poeta doctus als vorbildlich“ (http://www.wissen.de, aufgerufen am 14.03.2009). Der moderne Humanist Walter Jens zählt weitere Qualitäten und Vorbilder des poeta doctus auf: „Der poeta doctus, Essayist und Dichter in einer Person, Erbe der Aufklärung, Nachfolger Lichtenbergs und Nietzsches, ein Freund der taciteischen Prägnanz, ist Analytiker und Forscher, sachkundiger Interpret […]“ (Statt einer Literaturgeschichte, Pfullingen 1957, S. 16). Sein Maßstab sind „der gute Geschmack, das Angemessene und Schickliche, die Mitte zwischen poetischer Innovation und verfeinerter Wiederholung des immer Gleichen“ (Rolf Selbmann: Dichterberuf. Zum Selbstverständnis des Schriftstellers von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Hab.schr., Darmstadt 1994, S. 11). Er sollte „hochgebildet sein, die Technik des Dichtens perfekt beherrschen und für ein ebenfalls gebildetes Publikum schreiben. […] Das Schreiben des poeta doctus ist in jedem Moment reflektiert und bedeutet sorgfältiges Ausfeilen.“ (Ariane Wild: Poetologie und Décadence in der Lyrik Baudelaires, Verlaines, Trakls und Rilkes; Diss. Freiburg 2001, S. 21). Er soll in bewusstem Gegensatz zum göttlich inspirierten poeta vates sowie zum Originalgenie des 18. Jahrhunderts stehen (ibd., S. 20 f.); wieder möchte ich aber betonen, dass hier reine Konzepte polarisiert werden und das reale dichtende Individuum durchaus Züge subjektiver Inspiration mit der Arbeits- und Ausdrucksweise des poeta doctus in sich vereinen kann.

Dies muß betont werden, weil es eben anderslautende Vorurteile und pauschalisiernde Assoziationen von gelehrtem Dichter und humorloser Leblosigkeit gibt. Der geniale Rühmkorf spöttelte beispielsweise in seinem ‚Paradiesvogelschiß’: „poeta doctus / Er war ein Dichter vom Schuh bis zum Scheitel / mit Bildung gefüllt / wie ein Staubsaugerbeutel“. Allerdings hat Franziska Augstein durchaus recht, wenn sie in ihrem Artikel ‚Und es knattern die Poengten’ (sueddeutsche.de, 22.04.2008) konstatiert: „Rühmkorf ist selbst ein poeta doctus, aber er ist immer peinlich darauf bedacht gewesen, das herunterzuspielen.“ Man denke nur an die nicht folgenlose Beschäftigung Rühmkorfs mit Barockdichtung oder auch mit Gottfried Benn, dem er ja seine berühmteste Reimleistung verdankt („Die schönsten Verse des Menschen / […] / sind die Gottfried Bennschen“). Die Wege, mit kanonisierten Bildern und Namen umzugehen, sind vielfältig und beileibe nicht alle bücherstaubtrocken.

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Geschichte

Dies muß besonders betont werden, bevor ich kurz und mit dem Mut zur Lücke das Panorama der geschichtlichen Tradition bildungsverbundener Lyrik skizziere und punktuell vertiefe. Nicht alles, was eine lange Geschichte hat, ist obsolet oder langweilig.

Vom 20. Jahrhundert bis zum Barock

Exemplarische Vertreter des 20. Jahrhunderts (Enzensberger, Celan, Joyce, auch Rühmkorf) und des 19. Jahrhunderts (Rilke) wurden bereits genannt, ebenso für die Klassik Schiller mit seinem Musterbeispiel der „Götter Griechenlands“. Selbst bei dem großen Erlebnislyriker Goethe gibt es bedeutende Einflüsse dieser Art, man nehme etwa seinen Ganymed, seine Pandora, seinen Prometheus zur Hand.

Die Barockzeit soll August Wilhelm Schlegel schlechthin „die gelehrte Periode unserer Poesie“ genannt haben (zit. nach Sarah Triendl: Antikenrezeption in der Barocklyrik: Untersuchungen des humanistischen Bildungsideals im 17. Jahrhundert am Beispiel des Nymphen-Motivs, Pr.sem.arb. Augsburg 2007, S. 3). Tatsächlich erkennen wir in barocken Kunstwerken jeglicher Art, insbesondere aber in der barocken Dichtung einen Bezug zur Antike, sowohl in der Form (etwa in der Opitzschen Versreform, eine Adaption antiker Metrik für die deutsche Dichtung) als auch in der Bilderwelt (beständige Verwendung von Namen griechischer und römischer Götter, Helden und anderer Mythengestalten) sowie die kunstvolle Barockrhetorik mit ihrem Kanon an Stilmitteln (zur Unterscheidung von der gemeinen, volkstümlichen Redeweise), die wir noch heute verwenden und mit ihren lateinischen oder griechischen Namen bezeichnen. Philipp Harsdörffer ging in seinem verbreiteten zeitgenössichen Lehrwerk, dem „Poetischen Trichter“ (Nürnberg 1647) so weit, die Bildungsdichtung zur einzigen Möglichkeit der Poesie zu erklären, indem er postuliert, „dass der den Namen eine Poëten, / mit Fug / nicht haben möge / welcher nicht in den Wissenschaften und freyen Künsten wol erfahren sey“ (zit. nach Triendl, a.a.O., S. 4). Ähnlich äußern sich Martin Opitz in seinem „Buch von der Deutschen Poeterey“ (Breslau 1624, S. 17) :

Vnd muß ich nur bey hiesiger gelegenheit ohne schew dieses erinnern / das ich es für eine verlorene arbeit halte / im fall sich jemand an vnsere deutsche Poeterey machen wolte / der / nebenst dem das er ein Poete von natur sein muß / in den griechischen vnd Lateinischen büchern nicht wol durchtrieben ist / vnd von jhnen den rechten grieff erlernete hat.

Von der Antike zur Renaissance

Der Bezug auf die Antike leitet über zu der kurzen Betrachtung, dass schon die antiken Dichter selbst, auf die sich spätere Epochen bezogen haben, mit dem Konzept der Bildungslyrik arbeiteten. Als bedeutender Name in Griechenland wird desöfteren Kallimachos genannt, letztlich ist aber alle Dichtung dazuzuzählen, die sich auf die kulturprägenden Epen Homers beziehen. In Rom gab es die epikureischen und perfektionistisch ausgestaltenden Neoteriker, den Elegiker Properz und vor allen anderen den Sappho-Verehrer Horaz, der in der Widmung im ersten Buch seiner carmina an Maecenas dichtet: „me doctarum hederae praemia frontium / dis miscent superis […]“ – „Mich reiht, Efeu, der Preis denkender Stirnen, ein / in die Himmlischen“ (Übers.: O. Kreußler, zit. nach http://www.gottwein.de/Lat/hor/horc101.php, aufgerufen am 06.06.2009). Man beachte, dass im Original von „doctarum […] frontium“ die Rede ist. Das Adjektiv „doctarum“ bzw. „doctus“ hat auch andere Bedeutungen als „denkend“, u.a. „gelehrt“.

In Spätantike und Mittelalter waren es vornehmlich christliche Quellen, aus denen sich die europäische Dichtung speiste. Bildung hieß in erster Linie Kenntnis der heiligen Schrift.

Worauf ich jedoch aus einem bestimmten Grund bei dieser geschichtlichen Betrachtung vor allem hinauswill, ist die Zeit der Renaissance. Sie ist definiert als das Wiedererstehen der Antike in Rezeption und Reproduktion durch die europäischen Kulturschaffenden. Eckhard Bernstein hat in seinem Beitrag „Humanistische Standeskultur“ zu Hansers „Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ (hg. v. W. Röcke und M. Münkler, Bd. 1, S. 97-129) interessante Aspekte der poetae docti der Renaissance aufgezeigt: Der Humanisten.

Dabei handelte es sich um die intellektuell führende Schicht im Europa des späten 14. bis zum 16. Jahrhundert, die dann in der barocken Gelehrtenrepublik aufging. Diese zunächst kleine, bald aber anwachsende geistige Elite war in der damaligen ständischen Gesellschaftsordnung insofern eine Besonderheit, als die Zugehörigkeit sich nicht durch Geburt bestimmte, sondern durch Bildung. Im Gegensatz zum Blutsadel rekrutierte sich die ‚nobilitas litteraria’ (der Adel des Wortes) durch wissenschaftliche Studien (die ‚studia humanitatis’) und akademische Leistungen. Dabei blieb es nicht bei der gegenseitigen persönlichen Anerkennung, denn die Höfe brauchten Fachleute für juristische, naturwissenschaftliche, künstlerische Fragen, wodurch die Humanisten ohne Rücksicht auf ihre Herkunft eine wirtschaftlich und sozial günstige Stellung erlangen konnten.

In Ermangelung moderner Medien kommunizierte diese Gelehrtengesellschaft einerseits im Rahmen von Reisen. Man zog durch Europa, studierte hier und dort, erweiterte seinen Horizont und besuchte Gleichgesinnte. Andererseits spielte der sogenannte Humanistenbrief eine prägende Rolle. Dieser war nicht einfach eine persönliche Mitteilung, sondern ein ausgefeilter Text oft wissenschaftlichen Inhalts, eine eigene literarische Gattung. Diese Briefe waren auch von Anfang an nicht allein für den nominellen Adressaten bestimmt, sondern gingen entweder in Abschriften an eine Reihe von Korrespondenzpartnern zum gemeinsamen Gedankenaustausch oder auch später in gedruckte Briefsammlungen ein.

Bernstein hebt die „zentrale Bedeutung der Korrespondenzen für die Bildung einer humanistischen Standeskultur“ in einem eigenen Abschnitt hervor („Die Teilnahme am humanistischen Diskurs war Ausweis der Zugehörigkeit zu der ‚respublica litteraria’“) und vergleicht sie ausdrücklich mit der Bedeutung „der E-Mail mit ihren wissenschaftlichen Diskussionsforen“ (a.a.O., S. 106). Insbesondere legten Sie sich auch „Buch- oder Redemanuskripte zur gegenseitigen kritischen Durchsicht vor“ (S. 108).

Dabei waren die Humanisten nicht bloß Wissenschaftler, sondern Schriftsteller. Ein hohes Ansehen erwarb sich, wer nicht nur viel wusste und fleißig forschte, sondern auch elegant schrieb; neben der ‚doctrina’ (Bildung) wurde auch ‚eloquentia’ (Beredsamkeit) verlangt und geschätzt. Ulrich von Huttens offener Brief „An die deutschen Humanisten“ von 1510 trägt den Originaltitel „Ad poetas Germanos“. Bernstein schreibt: „Der Gebrauch [sc.: des Wortes poetae] weist auf den zentralen Platz der Dichtung im Selbstverständnis der Humanisten hin. Selber zu dichten […] war […] konstitutiver Bestandteil der humanistischen Standeskultur. In der Dichtung lag die ganze Würde der Kunst beschlossen.“ (a.a.O., S. 115). Überhaupt praktizierten die Humanisten die Renaissance nicht als „passive Rekonstruktion der antiken Welt“, sondern als „Imitatio“, als „aktive Aneignung […] der bei den römischen Autoren gefundenen Themen, literarischen Gattungen, Stile, Ausdrucksmittel, Motive und Techniken.“ (a.a.O., S. 116). Wieder hebe ich hervor: Auch die Verwendung traditioneller (hier: antiker) Gedichtformen wird als charakteristisch für den Humanisten angesehen. Sodann kommt die zentrale Aussage, die diesen Teil der Abhandlung mit den vorigen verknüpft (Bernstein, a.a.O., S.116):

Im Gegensatz [sc.: zu den ästhetischen Normen des Sturm und Drang] war humanistische Dichtung „Bildungsdichtung par excellence“ [Fußnote: Bachorski, Hans-Jürgen u. Röcke, Werner: Weltbilder. Ordnungen des Wissens und Strukturen literarischer Sinnbildung. In: Weltbildwandel. Selbstdeutung und Fremderfahrung im Epochenübergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit. Trier 1995, S. 7-17]. Der Dichter war damit per definitionem ein ‚poeta doctus’ oder ‚poeta eruditus’, ein gelehrter Dichter, der [notabene] nicht nur eigene Erlebnisse thematisierte, sondern auch Sachwissen vermittelte.

Nicht umsonst gilt Francesco Petrarca, der gekrönte poeta laureatus und einflussreicher Modellgeber für das klassische Sonett, als Vater des europäischen Humanismus (a.a.O., S. 121).

Die Sprache, in welcher dieser internationale Gedankenaustausch stattfand, war Latein. Diese lingua franca war nicht allein die Sprache der allgegenwärtigen katholischen Kirche sowie (in der Ursprungszeit der Humanisten) der verfügbaren Bibelübersetzungen, es war auch die Sprache der römischen Literatur. Daneben wurde natürlich auch die griechische Sprache beherrscht, nicht nur von den neutestamentlich geschulten Theologen, sondern von allen Verehrern griechischer Dichtung und Philosophie. Für das, worauf ich hinziele, ist eine Konsequenz dieser Situation entscheidend: Die Mitglieder dieser Gemeinschaft kennzeichneten sich selbst durch Latinisierung, seltener auch Gräzisierung ihrer Namen. Bedeutende Beispiele sind der mehrfach vorkommende Name „Agricola“, dessen Träger bürgerlich einfach „Bauer“ hießen, oder auch die Gräzisierung des ebenfalls aus dem bäuerlichen Milieu stammenden „Schwartzerdt“ zu „Melanchthon“.

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Humanisten und Lyrikforen

Die Humanisten – eine literarisch gebildete, überregionale Gemeinschaft, die vornehmlich auf schriftlichem Wege unter Einbeziehung der Öffentlichkeit kommuniziert und sich gegenseitig Fragen und Werke zur gemeinsamen Bearbeitung vorlegt, in welcher Ansehen und Status sich durch wissenschaftliche Kompetenz und die Eleganz des Schreibstils bestimmen, in welcher die Identität als Mitglied der Gemeinschaft durch Annahme eines anderen, fremdsprachigen Namens gekennzeichnet wurde – die Parallelen sind unverkennbar.

Die Benutzer von Lyrikforen im Internet sind durch dieses Medium überregional, z.T. sogar interkontinental miteinander vernetzt. Die Kommunikation findet in Schriftform statt. Wie in allen Amateurforen geht es in Lyrikforen um ein spezifisches Fachgebiet, über das man sich Fachkenntnisse aneignen kann und an Ansehen gewinnt, wenn man kompetente und elegant formulierte Beiträge zu Forendiskussionen leistet. Sogar die ‚buddy-Liste’ hat ihre Entsprechung im ‚album amicorum’, einem Verzeichnis der befreundeten Standesgenossen und Korrespondenzpartner, das jeder Humanist auf seinen Reisen mit sich führte (Bernstein a.a.O., S.114).

Um ihre Identität als Mitglieder der Forengemeinschaft zu kennzeichnen, wählen die Benutzer in aller Regel neue Namen, die oft einer Fremdsprache entstammen (meist Englisch, aber auch Latein ist noch immer beliebt). Mein eigenes Pseudonym Sigmar Erics hat unter der deutsch-englischen Oberfläche griechische und lateinische Wurzeln (‚sigma’ und ‚scire’), es vereint also die moderne Wirklichkeit der deutschen Internetkultur mit den Vorzugssprachen der humanistischen Bildungselite.

Nebenbei: Wenn ich hier oder auch zuvor die Beschreibung des poeta doctus auf mich persönlich beziehe, so ist eine Klarstellung notwendig, um der sonst fälligen Steinigung zu entgehen. Keinesfalls will ich mich hierdurch mit Enzensberger oder Horaz auf eine Stufe stellen – ebenso wenig, wie ein jeder Sonettschreiber beansprucht, in der Literaturgeschichte neben Petrarca genannt zu werden. Nicht in der dichterischen Größe liegt die Parallele, die ich ziehe. Es geht hier um eine Technik, eine Stilqualität, die Großen zu eigen gewesen ist und deshalb nicht ganz abwegig sein kann. Wer sich selbst, wie ich in meiner jetzigen Entwicklungsphase, in einem der vielen Traditionsströme wiederfindet, sich selbst erkennt, der wirft doch damit nicht sogleich den Scholarenmantel ab und erklärt sich zum Meister dieser Kunstrichtung. Ich bin es nicht, ich bin im Werden.

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Fazit: Selbstverwirklichung

Bildungslyrik ist noch immer eine lebendige Tradition – und es ist gleich, wie groß das Kollektiv ist und wie viele Individuen die tragenden Ideen verwirklichen.

Es mag sein, dass der potentielle Adressatenkreis einer solchen Konzeption heutzutage klein ist. Das ist für mich jedoch vollkommen in Ordnung: Ich muß nicht für alle Welt schreiben. Menschen, die von den Dingen wissen, auf die ich anspiele, verstehen mich. Menschen, die zwar nicht alles davon wissen, aber offen und neugierig sind, fragen nach oder forschen selbst. Ob sie sich dabei meinetwegen oder um der Sache willen daran annähern wollen, sie sind mir willkommen. Wer aber nichts weiß und auch nichts wissen will, von dem will ich wiederum nichts wissen, und ich nehme auch auf derlei Leute keine Rücksichten, die mich in meiner dichterischen Selbstentfaltung hemmen könnten. Diese Aussage ist hart, aber man mag es mir vergeben, da ich mancherorts für den von mir gepflegten Stil mit einiger Schärfe angegriffen worden bin, was eigentlich der Auslöser für diese Abhandlung war. Tolerante Mitmenschen jeglicher Art können natürlich mit meiner Toleranz rechnen. Es bleibt aber dabei: So, wie ich mir meine Freunde nach eigenem Geschmack aussuche, so bestimme ich ohne äußere Beschränkung, für welche Art Leser ich schreibe und mit wem ich gerne in einen künstlerisch-gedanklichen Austausch treten möchte. Als Liebhaber bin ich so frei.

Ich schreibe weder für Geld noch um die Welt zu verbessern. Schreiben ist Teil meiner Selbstverwirklichung, meiner Arbeit auf der oberen Terrasse meiner Bedürfnispyramide (ein Modell des humanistischen Psychologen Maslow). Da akademische Bildung auf verschiedensten Gebieten zu den prägenden Zügen meiner Lebensgeschichte gehört, kann diese Selbstverwirklichung ohne starke Einflüsse der Bildungslyrik nicht vollständig sein.

Dabei strebe ich nach Vervollkommnung dieser Kunst nach den Maßstäben, die ich weiter oben für Bildungslyrik entwickelt habe:

  • Zur Bildungslyrik zähle ich nicht nur, was wie die Renaissancedichtung auf die Antike Bezug nimmt, sondern nach der weiteren Definition alles Wißbare, die ganze Allgemeinbildung: bildende Kunst, Literatur, Musik, Film, Erdkunde, Fremdsprachen, Geschichte, Juristerei, Medizin, Naturwissenschaften, Philosophie, Religion, Spielregeln, Technik, Zeitgeschehen etc.
  • Anspielungen, Zitate, Namen aus fremden Werken oder anderen Fachgebieten dienen der Erweiterung und Vertiefung der Textaussage; sie dürfen diese nicht selbstzweckhaft in den Hintergrund drängen.
  • Außer inhaltlichen Bildungsbezügen verwende ich bewußt überlieferte Gedichtformen und Versarten, und zwar sowohl traditionalistisch gebunden als auch expressiv verfremdet; auch das zähle ich zur Bildungslyrik, denn man muß die Tradition und ihre Regeln kennen, um den Text zu verstehen.
  • Die Quellen dürfen nicht zu entlegen sein, weil das Gedicht sonst auch für die gebildeten Adressaten unverständlich wird (auch bei beschränktem Adressatenkreis bleibt das Gedicht ein Akt der Kommunikation); Maßstab hierbei ist der anerkannte Bildungskanon.
  • Bei der Publikation der Werke ist das Problem zu berücksichtigen, dass der Kanon, obwohl noch immer Realität und in weiten Teilen konsensfähig, weder fest definiert noch ewig ist; ich greife darum gern auf die traditionell bewährte Methode des Selbstkommentars zurück, um das Werk aufzuschließen.
  • Diese gestalterischen Elemente der Bildungslyrik schränken den Inhalt des Gedichtes nicht ein, es kann sich um Erlebnislyrik oder Gefühlslyrik, Gedankenlyrik oder Metalyrik handeln.
  • Die Selbstidentifikation als Verfasser von Bildungslyrik schließt weder ein, andere Konzepte per se als geringerwertig einzustufen, noch aus, auch andere Konzepte kennenzulernen und neu zu kombinieren – zur ständigen Erweiterung des eigenen stilistischen Horizonts.

Ich schließe mit den allerwärts gültigen Worten Robert Schumanns, dem Lebensmotto des Generalstudenten:

„Es ist des Lernens kein Ende“

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Musik im Blut

25. Januar 2009

Liegt die Neigung zu musischer und kreativer Tätigkeit in den Genen? Ich glaube es fast. Meine eigene musische Begabung ist gewiß nicht epochal, aber doch erkennbar. Zumindest manche meiner Gedichte finden Beifall, vor allem aber entsprechen meine Leistungen als Sänger und Musiklehrer wenigstens den Anforderungen eines regulären Hochschulstudiums. Das Irritierende daran ist, daß mein Elternhaus weitgehend amusisch geartet war: Eine ungelernte Hausfrau und ein tagesschautreuer Speditionskaufmann, dessen Interesse für Musik in einem kleinbürgerlichen Pflicht- und Statusdenken kulminiert („Du setzt Dich jetzt dahin und schaust Dir die Zauberflöte an. Wird mal Zeit, daß Du ein bißchen Kultur abbekommst“ – also sprach man vorwurfsvoll mit mir als Siebenjährigem). Lange war es mir ein Rätsel, warum meine ganz konsequent aus kleinbürgerlichem Denken erwachsene Entscheidung für ein juristisches Studium mit dem Ziel einer Beamtenstelle meine Seele bald zum schluchzenden Zusammenkauern brachte und ich das Licht am Ende meines Tunnels erst sehe, seit ich vor viereinhalb Jahren die Aufnahmeprüfung an meinem Konservatorium bestanden habe. Meine sogenannte „Kuckucksei-Theorie“ hatte einige Zeit ihren Reiz, obwohl es nie konkrete Anhaltspunkte dafür gab.

Vor etwa zwei Jahren aber erwähnte mein Vater in einem unserer seltenen Gespräche nebenher seinen Onkel (meinen Großonkel), der „ja auch Musik studiert“ habe. Wie sich herausstellte, handelt es sich um einen Komponisten nationalen Ranges, der in den 50er und 60er Jahren insbesondere für seine sakrale Chor- und Orgelmusik bekannt war und später als stellvertretender Direktor einer renommierten Musikhochschule wirkte. Das Quellenmaterial, das ich inzwischen über ihn zusammengetragen habe (Einträge in Konversationslexika und Musikenzyklopädien, Fachartikel, eine Dissertation über sein Leben und Werk) füllt inzwischen einen breiten Leitz-Ordner.

Leider habe ich ihn nie kennenlernen dürfen, und das wird auch nicht mehr geschehen, denn er ist in eben dem Jahr verstorben, in dem ich (mit 18) meine ersten Chorproben besuchte. Und doch bin ich ihm an diesem Wochenende begegnet. Einer der beiden Söhne meines Großonkels, der folglich mein Onkel zweiten Grades ist, hat mich zum zweiten Mal als Gast zu sich nach Nordrhein-Westfalen eingeladen. Schon beim ersten Mal durfte ich mir einige Privatphotos meines Verwandten ansehen, die mich nachdenklich machten – denn auf keinem Bild sah er so glücklich und entspannt aus wie auf demjenigen, auf dem er selbst in fortgeschrittenem Alter notiert hatte, daß er das Komponieren von nun an sein lassen wollte. Was ist Wahrheit, fragte Pilatus, und so frage ich: Was macht uns glücklich? Aber das ist ein anderes Thema. Die posthume Begegnung mit meinem Großonkel wurde nun dadurch vertieft, daß ich mich ausgiebig in seine Musik einhören durfte, die bei meinem Onkel in Form von CD’s und Rundfunk-Mitschnitten archiviert war. Die Musik ist nebenbei modern und frei in der Tonalität, aber strukturell erkennbar von Bach und Brahms beeinflußt, für mich konservativen Hörer also eine geeignete Brücke ins 20. Jahrhundert, in dem ich mich musikalisch immer noch etwas fremd fühle. Zwischen den Stücken jedoch fand ich dann ein kurzes Interview, daß er Anfang der 70er Jahre im Radio gegeben hatte. Die leichte Sprödigkeit der Stimme, eine starke dialektale Färbung und eine Ausdrucksweise, welche die schriftliche Vorbereitung des Interviews nur zu deutlich verriet – all das konnte nicht verschleiern, welch ein frischer und durchreflektierter Intellekt hinter dieser Persönlichkeit stand. Nach allem, was ich über ihn erfahren habe, bewundere ich ihn aufrichtig.

Es ist ein Jammer, daß mein Vater mit der Familie seiner Mutter keinen Kontakt gepflegt hat. Vielleicht wäre ich diesem Mann gerne persönlich begegnet, und möglicherweise wäre meine Geschichte dann ein wenig anders verlaufen. Aber auch so wird es mir gelingen, die Musik in meinem Blut zum Klingen zu bringen – und vielleicht sogar die Lieder meines Großonkels zu singen. Drei davon habe ich auf das Programm meines Prüfungskonzerts im Herbst gesetzt – vielleicht ein lebendiger Anfang.

Wegroute

9. Oktober 2008

Literatur und Musik sind die Dinge, mit denen ich mich am liebsten beschäftige. Aber mein Leben hat auch weniger strahlende Seiten, die zu jenem Licht den manchmal doch wohltuenden Schatten spenden.

Ich bin diplomierter Jurist mit Berufserfahrung im Staatsdienst und außerdem willens, mich als Zoon Politicon für das Gemeinwesen einzusetzen. Da mich unter den politischen Parteien keine so stark anzieht, daß ich ihr meine Kraft widmen würde, habe ich mich für das Tätigkeitsfeld der Berufsverbände entschieden.

Und das beinhaltet eben manchmal auch Reiseplanung.

Ich bin für heute Abend zu der Vorstandssitzung eines europäischen Dachverbandes eingeladen, als Fachmann für vereinsrechtliche Fragen. Morgen findet eine Informationsveranstaltung für die Teilnehmer der Mitgliederversammlung statt, bei der ich ebenfalls als Berater zugegen sein und mich außerdem den Delegierten vorstellen werde. Nachmittags wird nämlich in der Versammlung der Vorstand für die nächsten vier Jahre gewählt – und nach dem Willen der Präsidentin, die mich vor zwei Wochen deswegen anrief, soll ich eine Position im inneren Vorstand übernehmen.

Der scheidende Inhaber mag mich eventuell empfohlen haben, da wir in der Regionalgruppe des deutschen Verbandes hier an meinem Wohnort mehrere Jahre zusammen Seminare für die Kolleginnen und Kollegen organisiert haben. Allerdings bin ich unabhängig davon schon seit dem letzten Jahr auf europäischer Ebene (in einer unbedeutenden Funktion) präsent, und davor war ich in vielfältiger Weise an der Arbeit des deutschen Verbandes beteiligt.

Ein schöner, steil nordwärts gerichteter Reiseweg, wie ich finde…Hoffentlich geht morgen alles gut. Denn in dem Schauspiel, das da gegeben wird, gibt es neben der präsidialen Gönnerin, dem wohlwollenden alten Kameraden und dem strahlenden jungen Heldenbariton auch finstere Gestalten (ich überzeichne aus literarischen Gründen!), wie etwa den spitzstiftigen Vizepräsidenten und einen verunsicherten, allzu deutschen Wahlleiter, die beide die Satzungsbestimmungen fehlinterpretieren (das ist aus meiner Sicht vollkommen klar!), ihre Sicht der Dinge aber mit dem Brustton der Überzeugung verkünden und wohl daran festhalten wollen. Die beiden könnten mit ihren Nachfragen sowohl im Vorstand als auch in der Mitgliederversammlung für Verwirrung sorgen und meine Wahl verhindern, ist doch der Chor der Delegierten juristisch völlig unbeleckt. Das Ende ist offen, wir werden es morgen Abend kennen.

Nicht viel weniger abenteuerlich ist die An- und Abreise. Ich werde nach dem Mittagessen die S-Bahn Richtung Innenstadt besteigen, dort den Airport-Transferbus nehmen, nordwärts nach Skandinavien fliegen, vom dortigen Flughafen wieder per Bus in die Hauptstadt fahren und hoffentlich vom zentralen Busbahnhof abgeholt werden, um zu dem in einem Vorort gelegenen Hotel zu kommen. Morgen Abend geht der gesamte Weg dann retour, denn am Samstag bin ich in Potsdam und unterstütze meine Arbeitgeberin bei der Präsentation ihrer Gesangsgruppenkurse, von denen wir gestern sprachen.

So, das Essen ist fertig. Gleich muß ich weg von hier.

Mein Nam‘ und Art

7. Oktober 2008

„Nie sollst Du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam‘ und Art!“ (Wagner, Lohengrin)

Damit ich während meiner Fahrten im Internet wirklich frei äußern kann, was ich denke und fühle, verberge ich meinen wirklichen Namen hinter einem Pseudonym. Ich nehme beruflich und im ehrenamtlichen Bereich verschiedene Positionen ein, in denen es nachteilig wäre, wenn meine Ansichten über gewisse Dinge bekannt wären oder man meine manchmal doch sehr persönlichen Gedichte meiner realen Person zuordnen könnte.

So habe ich denn das Pseudonym Sigmar Erics erfunden, und ich darf sagen: Der Name selbst ist ein Miniatur-Kunstwerk. Ich bin stolz darauf und möchte gern davon erzählen, was es beinhaltet. Außerdem ist die Denkart, die sich darin ausdrückt, charakteristisch und trägt daher zu meiner Vorstellung bei, die ja unbedingt in das erste Monatsheft meines öffentlichen Tagebuches gehört.

Sigmar vertritt meinen realen Vornamen. Dieser ist griechischer Herkunft und beginnt mit dem Buchstaben ‚S‘. ‚S‘ heißt im griechischen Alphabet ’sigma‘. Der alte germanische Vorname Sigmar klingt bei dem heute üblichen vokalisierten ‚r‘ am Wortende fast ebenso, ist also ein Homonym.

Erics ist ein Palindrom, ein Wort, das sowohl vorwärts als auch rückwärts gelesen werden kann. Die zweite Wortbedeutung ist ’scire‘, was auf Lateinisch ‚wissen‘ bedeutet. Mein Leben ist stark geprägt von einem selbst auferlegten Generalstudium, einem lebenslangen Lernen ohne Beschränkung auf ein einzelnes Fachgebiet. Dieses Generalstudium habe ich SCIRE genannt, im Sinne eines Akronyms, d. h. eines Begriffs, der aus den Anfangsbuchstaben mehrerer anderer Wörter gebildet ist. SCIRE bedeutet aufgelöst ‚studiis continenter inservire rerum elegantium‘, zu deutsch: die ‚beständige Hingabe an das Studium der feinen Dinge‘. Das ist mein Programm, und es kann nach meinem Dafürhalten niemals langweilig werden, da es so viele schöne und interessante Dinge in dieser Welt gibt.

Zumindest für meinen Geschmack gehört auch eine Namensschöpfung wie Sigmar Erics dazu. Bitte seht mir meinen Stolz nach, ich bin eben ein Mensch mit vielen persönlichen Schwächen und oft eigenartigen Gedankengängen.

Über mir

3. Oktober 2008

Nein, ich habe nie in Berlin gelebt, obwohl meine Vorfahren in der Stammlinie (das sind diejenigen Ahnen, von denen ich meinen Familiennamen geerbt habe) in Berlin und Brandenburg ansässig waren.

Trotzdem schreibe ich „Über mir“ und nicht „Über mich“, zum einen, weil ich Individualist bin, zum anderen, weil ich gerne mit Worten spiele, und zum dritten, weil ich letztlich sagen will: Über mir wölbt sich nur der blaue Himmel.

Ich weiß, daß viele vieles besser können als ich, und ich lerne gerne von ihnen. Ich weiß, daß manche manchmal Entscheidungen treffen, von denen ich betroffen bin. Ich akzeptiere sie, solange sie gerecht sind. Und es gibt einige Menschen, denen ich begegnet bin, die mir ehrlichen Respekt abnötigen.

Im Ganzen gesehen erkenne ich aber über mir niemanden an. Ich bin ein freier Mann, und ich gestalte mein Leben aktiv und zielbewußt.

Ich übe einen Beruf aus, in welchem sachliche Unabhängigkeit gesetzlich garantiert ist und ich selbst Entscheidungen treffe, mit denen andere dann leben müssen. Mir redet niemand hinein. Zugleich halte ich eine sichere Stellung auf Lebenszeit oder wie lange auch immer ich es will.

Vorrangig aber studiere ich Musik in verschiedenen Fachrichtungen, die mir alle ein hohes Maß an Gestaltungsfreiheit lassen.

Ich mache eine Gesangsausbildung an einem Konservatorium. Dort und in meinen literarischen Nebenstunden genieße ich künstlerische Freiheit im Umgang mit den schönen Dingen des Lebens.

Ich werde zum Musiklehrer ausgebildet. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem Gesangsunterricht, eine wunderbare Beschäftigung für jemanden, der schöne Töne liebt und solche gern aus anderen Menschen hervorholt.

Ich baue ab diesem Semester auch die musikwissenschaftliche Perspektive unter professoraler Anleitung aus. Musik gibt mir zwar die Freiheit, mich als Hörer darin fallen zu lassen oder als Sänger damit zu verschmelzen. Aber ich denke auch mit großem Vergnügen nach, am liebsten über Dinge, die mir wichtig sind. Wichtig sind uns aber natürlicherweise, was starke Gefühle in uns erregt. So geht es mir mit der Musik.

Das klingt nun alles sehr selbstbezogen. Aber mein Ethos befiehlt mir auch, mich in Arbeiten zum Wohl der Gemeinschaft einzubringen. Da mich aber die politischen Parteien alle nicht so recht überzeugen können, habe ich mich für das Tätigkeitsfeld der Berufsverbände entschieden. Schon während meines juristischen Fachhochschulstudiums war ich in mehreren Verbänden engagiert und habe es dort bis zum stellvertretenden Landesvorsitzenden gebracht. Nachdem ich den Kurswechsel in das gelobte Land der Musik eingeleitet habe, bin ich zum Berufsverband meiner zukünftigen Kollegen übergelaufen. Daraus sind mir schöne Aufgaben und Erlebnisse zuteil geworden, und ich glaube, daß meine Arbeit auch zum Glück anderer ein klein wenig beigetragen hat.

So ist mein Leben zur Zeit sehr voll, aber noch sind die Wellen nicht über mir zusammengeschlagen. Es kommt vor, daß ich ins Schwimmen komme, meistens aber steuere ich mein Lebensschiff sicher durch den Ozean der Welt.

Und über mir wölbt sich der blaue Himmel.

Hinter dem Mond hervor!

1. Oktober 2008

Sigmar ist jemand, der Altes mag: Alte Musik, klassische Lyrik, alte Weine.

Aber die Wirklichkeit der heutigen Zeit fordert jeden jungen Menschen immer wieder zum Tanz auf, bis er sich endlich einläßt auf Dinge wie Handy, E-Mail, Internetboards und schließlich – Blogs.

Ich bin sehr gespannt, wie dieses Medium meinen Erfahrungsschatz bereichern wird. Handy, E-Mail und Foren haben mein Leben jedenfalls erheblich verändert, als ich sie nach und nach in meinem Leben eingeführt habe.

Wir werden es sehen.